Start Wissenschaft Zwangsstörungen: Kompakttherapie zeigt Wirkung

Zwangsstörungen: Kompakttherapie zeigt Wirkung

Eine intensive Psychotherapie über vier Tage kann die Symptome von Zwangsstörungen deutlich reduzieren. Das zeigt eine randomisierte Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Kompakttherapie war dabei wirksamer als eine achtwöchige internetbasierte Verhaltenstherapie. Auch nach drei Monaten hielt der Behandlungseffekt an.

Zwangsstörungen (OCD – Obsessive-Compulsive Disorder) sind psychische Erkrankungen, bei denen Betroffene unter wiederkehrenden, belastenden Gedanken oder dem Drang zu bestimmten Handlungen leiden. Typische Beispiele sind die Angst vor Krankheitserregern, übermäßiges Händewaschen oder das wiederholte Kontrollieren, ob Türen verschlossen sind. Obwohl sich viele Betroffene bewusst sind, dass ihre Gedanken oder Handlungen übertrieben sind, fällt es ihnen schwer, diese zu unterbrechen. Zwangshandlungen können Ängste und Anspannung kurzfristig lindern, langfristig aber dazu beitragen, dass sich die Störung verfestigt.

Eine Behandlung von Zwangsstörungen muss nicht zwangsläufig mehrere Monate dauern. Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben in einer klinischen Studie untersucht, wie wirksam das sogenannte „Bergen 4-Day Treatment“ (B4DT) ist. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal JAMA Network Open veröffentlicht.

Das in Norwegen entwickelte Verfahren setzt auf eine intensive Behandlung an vier aufeinanderfolgenden Tagen. Im Mittelpunkt steht die sogenannte Exposition mit Reaktionsverhinderung. Dabei setzen sich Betroffene gezielt Situationen aus, die ihre Zwänge auslösen, ohne die gewohnten Zwangshandlungen auszuführen.

Intensive Behandlung mit therapeutischer Begleitung

Die Kompakttherapie kombiniert Gruppen- und Einzelsitzungen. Nach vorbereitenden Gesprächen folgen vier Behandlungstage, an denen die Patientinnen und Patienten individuell abgestimmte Übungen durchführen. Speziell geschulte Therapeutinnen und Therapeuten begleiten sie dabei eng.

Ergänzt wird die Behandlung durch selbstständige Übungen, Maßnahmen zur Rückfallprävention, eine Auffrischungssitzung und ein Informationsangebot für Angehörige.

Laut Erstautorin Prof. Dr. Lena Jelinek, Leiterin der Arbeitsgruppe Angst- und Zwangsstörungen am UKE, ermöglicht das kompakte Format eine besonders intensive Umsetzung der Expositionsbehandlung. Die Übungen finden dort statt, wo die Zwänge auftreten, und werden therapeutisch eng begleitet.

Deutlich bessere Ergebnisse nach drei Monaten

An der Studie nahmen 119 Erwachsene mit Zwangsstörungen teil. Sie wurden zufällig entweder der viertägigen Kompakttherapie oder einer achtwöchigen internetbasierten kognitiven Verhaltenstherapie zugeteilt. Die digitale Behandlung erfolgte selbstständig und ohne laufende therapeutische Begleitung. Beide Gruppen konnten zusätzlich ihre bisherige Behandlung, einschließlich Psychotherapie und Medikamenten, fortsetzen.

Drei Monate nach der Behandlung zeigten sich deutliche Unterschiede: 61 Prozent der Patientinnen und Patienten in der Kompakttherapie-Gruppe sprachen klinisch relevant auf die Behandlung an. In der Vergleichsgruppe waren es 25 Prozent. 42 Prozent erreichten nach der Kompakttherapie eine Remission, also eine weitgehende Symptomfreiheit. Bei der internetbasierten Behandlung waren es 14 Prozent.

Auch die durchschnittliche Schwere der Zwangssymptome ging unter der Kompakttherapie stärker zurück. Auf einer standardisierten Skala von 0 bis 40 Punkten lag die B4DT-Gruppe unmittelbar nach der Behandlung durchschnittlich knapp acht Punkte unter der Vergleichsgruppe. Drei Monate später betrug der Unterschied noch rund sechs Punkte.

Weitere Untersuchungen zur Versorgung geplant

Die Studie ist die erste randomisierte Untersuchung, die das Bergen 4-Day Treatment mit einer aktiven, wissenschaftlich untersuchten digitalen Behandlung vergleicht. Bisherige Studien hatten die Kompakttherapie unter anderem mit Wartelisten oder weniger intensiven Maßnahmen verglichen.

Für Letztautor Dr. Amir Yassari, Oberarzt am UKE, stellt sich nun die Frage, wie sich das Verfahren in die reguläre Versorgung integrieren lässt. Gemeinsam mit Krankenkassen und weiteren Partnern sollen entsprechende Versorgungsmodelle entwickelt werden.

Dabei soll insbesondere untersucht werden, ob sich mit den vorhandenen therapeutischen Ressourcen mehr Patientinnen und Patienten behandeln lassen und ob die Kompakttherapie wirtschaftliche Vorteile bietet.

Denn die intensive Behandlung erfordert an den vier Tagen einen hohen Personaleinsatz. Ob dieser gebündelte Aufwand langfristig Vorteile bringt, ist noch offen. Auch die längerfristige Wirksamkeit über die bisher untersuchten drei Monate hinaus muss weiter geprüft werden.

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