Start Wissenschaft Genstudie liefert neue Einblicke in die Entstehung von Angststörungen

Genstudie liefert neue Einblicke in die Entstehung von Angststörungen

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Warum entwickeln manche Menschen eine Angststörung, während andere trotz ähnlicher Belastungen psychisch gesund bleiben? Eine internationale Studie mit knapp 700.000 Teilnehmenden hat nun neue genetische Faktoren identifiziert, die mit Angstsymptomen in Zusammenhang stehen. Die Ergebnisse zeigen aber auch: Gene allein erklären das Erkrankungsrisiko nur zu einem kleinen Teil.

Angst ist ein wichtiger Schutzmechanismus des menschlichen Körpers. Sie hilft dabei, Gefahren wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren. Wer etwa bei dichtem Verkehr vorsichtig wird oder vor einer wichtigen Prüfung Anspannung verspürt, erlebt eine normale und sinnvolle Form von Angst.

Bei einer Angststörung verliert dieses Warnsystem jedoch seine Balance. Die Angst tritt übermäßig stark auf, hält über längere Zeit an oder entsteht in Situationen, die objektiv keine Gefahr darstellen. Betroffene berichten häufig von ständigen Sorgen, innerer Unruhe, Schlafstörungen oder körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schwindel oder Atembeschwerden. Die Erkrankung kann die Lebensqualität erheblich einschränken und zählt weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

Größte genetische Untersuchung zu Angstsymptomen

Um die biologischen Grundlagen von Angst besser zu verstehen, analysierte ein internationales Forschungsteam die genetischen Daten von 693.869 Menschen europäischer Abstammung. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Human Behaviour veröffentlicht.

An der Untersuchung beteiligt waren Forschende des King’s College London, des QIMR Berghofer Medical Research Institute sowie der Universitätsmedizin Würzburg. Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter werteten dabei nicht nur aus, ob Personen eine diagnostizierte Angststörung hatten, sondern berücksichtigten auch die Stärke der berichteten Angstsymptome.

Dadurch wollten sie Angst nicht als starre Ja-Nein-Erkrankung betrachten, sondern als Kontinuum, das von normalen Stressreaktionen bis hin zu schweren psychischen Beeinträchtigungen reicht.

74 genetische Regionen entdeckt

Die Forschenden identifizierten insgesamt 74 Positionen im menschlichen Genom, die mit Angstsymptomen in Zusammenhang stehen. Rund die Hälfte dieser genetischen Zusammenhänge war bereits aus früheren Untersuchungen bekannt. 39 Genregionen wurden erstmals beschrieben.

Einige der identifizierten Gene sind besonders im Gehirn aktiv und spielen eine Rolle bei der Kommunikation zwischen Nervenzellen. Dazu gehören unter anderem PCLO und SORCS3.

Die Ergebnisse liefern damit neue Hinweise darauf, welche biologischen Prozesse an der Entstehung von Angst beteiligt sein könnten. Für die klinische Praxis ergeben sich daraus allerdings noch keine unmittelbaren Konsequenzen.

Gene erklären nur einen kleinen Teil des Risikos

Trotz der großen Datenmenge zeigen die Ergebnisse auch die Grenzen genetischer Analysen. Die bisher bekannten genetischen Varianten erklären nur einen kleinen Teil der Unterschiede bei Angstsymptomen. Ob jemand eine Angststörung entwickelt, hängt daher nicht nur von den Genen ab, sondern auch von Faktoren wie Lebensumständen, persönlichen Erfahrungen und psychischer Belastung.

Die Autorinnen und Autoren betonen daher ausdrücklich, dass genetische Veranlagungen nur einen Teil des individuellen Risikos darstellen. Dass die Zahl der Menschen mit Angstsymptomen in vielen Ländern zunimmt, könne durch genetische Faktoren allein nicht erklärt werden. Dies spreche vielmehr für die wichtige Rolle von Umwelt- und Lebensbedingungen.

Verbindung zu psychischen und körperlichen Erkrankungen

Darüber hinaus fanden die Forschenden genetische Überschneidungen zwischen Angstsymptomen und anderen Erkrankungen. Dazu zählen Depressionen ebenso wie körperliche Erkrankungen und Beschwerden, etwa Reizdarmsyndrom, chronische Schmerzen, Migräne, Endometriose oder koronare Herzkrankheit.

Die Studie belegt allerdings nicht, dass Angst diese Erkrankungen verursacht oder umgekehrt. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass psychische und körperliche Gesundheit möglicherweise teilweise gemeinsame biologische Grundlagen haben.

Grundlage für weitere Forschung

Nach Ansicht der Forschenden stellt die Untersuchung einen wichtigen Schritt dar, um die genetische Architektur von Angst besser zu verstehen. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse, wie komplex die Entstehung von Angststörungen ist.

Langfristig könnten solche Erkenntnisse dazu beitragen, Risikofaktoren genauer zu identifizieren und neue Ansätze für Prävention und Therapie zu entwickeln. Bis dahin bleibt jedoch klar: Angststörungen entstehen durch ein Zusammenspiel vieler biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren – einzelne Gene können das Risiko beeinflussen, erklären die Erkrankung aber nicht allein.

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