Eine neue britische Studie zeigt: Bestimmte Atemtechniken in Kombination mit Musik können veränderte Bewusstseinszustände hervorrufen – vergleichbar mit psychedelischen Erfahrungen. Ein mögliches Potenzial für die Therapie von Angstzuständen und Depressionen.
Atemtechnik als Tor zu veränderten Bewusstseinszuständen
Atemübungen als therapeutisches Mittel bei psychischen Belastungen werden immer beliebter. Solche, die die Atemfrequenz oder -tiefe erhöhen und durch Musik unterstützt werden, können veränderte Bewusstseinszustände hervorrufen, die jenen ähneln, die auch psychedelische Substanzen auslösen.
Neurowissenschafterinnen und Neurowissenschafter der Universität von Sussex (UK) haben nun untersucht, welche neurobiologischen Prozesse während dieser sogenannten hochventilatorischen Atemarbeit (High Ventilation Breathwork, HVB) ablaufen.
Atemübungen im MRT
Im Rahmen einer kleinen Studie wertete das Team um Erstautorin Amy Amla Kartar und Alessandro Colasanti 42 Datensätze von 31 Teilnehmenden (18–65 Jahre) aus, die an einer oder mehreren Versuchssitzungen (online, im Versuchslabor, mit MRT-Messung) teilnahmen.
Die Sitzungen beinhalteten 20 bis 30 Minuten angeleitetes bewusstes Atmen begleitet von zunehmend schneller werdender Musik. Mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) wurde die Gehirndurchblutung gemessen. Ergänzend dokumentierten die Teilnehmenden ihre subjektive Erfahrungen mittels Fragebögen.
Gefühle ozeanischer Grenzenlosigkeit
Die Ergebnisse zeigten: Je stärker HVB das sympathische Nervensystem aktivierte, desto intensiver erlebten die Teilnehmenden die Bewusstseinsveränderung. Vor allem Zustände der „ozeanischen Grenzenlosigkeit“ wurden häufig berichtet.
Dieser Begriff stammt aus der psychedelischen Forschung und ist ein definierender Faktor von veränderten Bewusstseinszuständen. Er beschreibt eine Reihe miteinander verbundener Gefühle wie „spirituelle Erfahrung, Einsicht, Glückseligkeit, positiv erlebte Depersonalisierung und das Erlebnis der Einheit“.
Ähnlichkeiten zu psychedelischen Substanzen wie Psilocybin und LSD
Besonders auffällig war die verstärkte Durchblutung in jenen Gehirnregionen, die für emotionale Erinnerungen und deren Verarbeitung verantwortlich sind. Diese Areale sind auch bei der Wirkung klassischer Psychedelika aktiv.
„Interessanterweise“, so die Autoren, „ist das Gefühl der ‚ozeanischen Grenzenlosigkeit‘ Berichten zufolge der genaueste Vorhersagewert für die antidepressive Wirkung psychedelischer Substanzen. In der vorliegenden Studie war das Ausmaß der durch HVB ausgelösten Erfahrung der ozeanischen Grenzenlosigkeit zum Beispiel vergleichbar mit jenem, wie es durch serotonerge psychedelische Substanzen, darunter Psilocybin und Lysergsäurediethylamid (LSD), hervorgerufen wird“.
Therapeutisches Potenzial
Die Forschenden betonen, dass es sich um eine erste Erkundungsstudie mit Limitationen handelt. So fehlte etwa eine Kontrollgruppe, und die Teilnehmenden waren bereits in der Anwendung der Atemtechnik erfahren. Dennoch würden die Ergebnisse das Potenzial für therapeutische Anwendungen zeigen, etwa bei Angstzuständen, Depressionen oder Traumafolgestörungen.
Im Gegensatz zu psychedelischen Substanzen wie Psilocybin, haben Atemtechniken weniger rechtliche und ethische Einschränkungen in der klinischen Behandlung, so die Forschenden. Dies ist insofern interessant, als die antidepressive Wirkung von Psilocybin bislang überschätzt worden sein könnte, wie kürzlich eine Metaanalyse zeigte.
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