Eine aktuelle Analyse der Universität Bayreuth deutet darauf hin, dass eine intensive und unstrukturierte Nutzung von Kurzvideo-Plattformen wie TikTok, Instagram-Reels oder YouTube-Shorts mit negativen Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Selbstregulation und psychisches Wohlbefinden zusammenhängen könnte. Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter sehen gleichzeitig Möglichkeiten, Risiken durch Medienkompetenz und digitale Routinen zu verringern.
Kurzvideo-Plattformen sind für viele Jugendliche und junge Erwachsene Teil des Alltags. Eine im Fachjournal European Child & Adolescent Psychiatry veröffentlichte Analyse hat nun untersucht, welche Auswirkungen das spezifische Design dieser Plattformen auf kognitive und psychische Faktoren haben könnte.
Dabei stand nicht der Inhalt der Videos im Mittelpunkt, sondern die Funktionsweise der Plattformen selbst. Dazu zählen etwa algorithmisch personalisierte Empfehlungen, rasch wechselnde Inhalte und das sogenannte endlose Scrollen.
Auswertung von 42 Studien
Für die Analyse sichtete das Forschungsteam wissenschaftliche Arbeiten aus den Jahren 2015 bis 2025. Nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren flossen 42 Studien mit insgesamt rund 47.000 Teilnehmenden in die Auswertung ein. Das durchschnittliche Alter lag bei 16,8 Jahren.
Die Forschenden bewerteten die Qualität der verfügbaren Evidenz nach dem international etablierten GRADE-System. Neben Querschnittsstudien wurden auch Längsschnittuntersuchungen sowie einzelne EEG- und MRT-Studien berücksichtigt.
Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsproblemen
Den Ergebnissen zufolge steht eine intensive und unstrukturierte Nutzung von Kurzvideo-Plattformen mit verschiedenen negativen Effekten in Zusammenhang. Als intensive Nutzung wurde in der Analyse eine tägliche Nutzungsdauer von vier Stunden oder mehr definiert.
Beobachtet wurden statistische Zusammenhänge mit erhöhter Unaufmerksamkeit und Impulsivität. Zudem fanden sich Hinweise auf eine geringere Arbeitsgedächtniskapazität und Einschränkungen bei der Selbstregulation.
Auch bei psychischen Belastungen zeigten sich Zusammenhänge: Nutzerinnen und Nutzer mit intensiver Verwendung der Plattformen wiesen häufiger erhöhte Werte für Angst, Depression und Stress auf.
Hinweise auf mögliche Veränderungen im Gehirn
Einige bildgebende Studien lieferten darüber hinaus Hinweise auf mögliche neurobiologische Zusammenhänge. Die Autorinnen und Autoren verweisen unter anderem auf Veränderungen der grauen Substanz sowie der neuronalen Signalsynchronisation.
Die Forschenden betonen jedoch, dass die derzeitige Datenlage keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung zulässt. Weitere Längsschnitt- und experimentelle Studien seien notwendig, um die beobachteten Zusammenhänge genauer zu untersuchen.
Medienkompetenz als möglicher Schutzfaktor
Neben potenziellen Risiken identifizierte die Analyse auch Faktoren, die negative Auswirkungen abschwächen könnten. Dazu zählen ein unterstützendes soziales Umfeld, klare digitale Routinen und eine ausgeprägte Medienkompetenz.
Aus Sicht der Forschenden sollte die Diskussion über digitale Medien daher nicht ausschließlich die tägliche Nutzungsdauer in den Blick nehmen. Ebenso relevant seien die Art der Nutzung sowie die Gestaltung der Plattformen.
Die Studie konzentrierte sich gezielt auf Menschen unter 25 Jahren und zählt laut den Autorinnen und Autoren zu den ersten Arbeiten, die die gesundheitlichen Auswirkungen des Plattformdesigns von Kurzvideo-Angeboten systematisch untersucht haben.
Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren: • Social Media-Verbot bis 14 und Lehrplanreform fix • Drei Wochen ohne Smartphone: Studie zeigt Effekte bei Jugendlichen • TikTok: Nur jeder fünfte Beitrag zu psychischer Gesundheit ist korrekt




