Start Wissenschaft Hypothalamische Adipositas: Wenn Hunger kein Stopp-Signal kennt

Hypothalamische Adipositas: Wenn Hunger kein Stopp-Signal kennt

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Eine rasche Gewichtszunahme trotz Diät und ohne ausreichendes Sättigungsgefühl kann auf eine Schädigung des Hypothalamus zurückzuführen sein. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) weisen darauf hin, dass die hypothalamische Adipositas häufig übersehen wird und eine spezialisierte Behandlung erfordert.

Adipositas wird häufig mit Ernährung und Bewegungsmangel in Verbindung gebracht. Nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) gibt es jedoch auch Erkrankungen, bei denen eine Schädigung zentraler Steuerungsmechanismen im Gehirn die Ursache der Gewichtszunahme ist. Im Mittelpunkt steht dabei die hypothalamische Adipositas, eine seltene Form der Adipositas, die als Teil des sogenannten hypothalamischen Syndroms auftritt.

Gestörte Hunger- und Sättigungssignale

Der Hypothalamus übernimmt als Schaltzentrale im Gehirn eine zentrale Rolle bei der Regulation des Energiehaushalts. Er verarbeitet Stoffwechselsignale wie Insulin, Leptin, Ghrelin und Inkretine und steuert darüber Hunger und Sättigung. Wird dieser Bereich des Gehirns geschädigt, kann die Regulation dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten.

Mögliche Ursachen sind nach Angaben der Fachgesellschaften Tumoren, neurochirurgische Eingriffe, Schädel-Hirn-Traumata oder entzündliche Prozesse. Betroffene verspüren häufig dauerhaft Hunger oder fühlen sich nach dem Essen nicht ausreichend satt, obwohl der Körper bereits genügend Energie gespeichert hat. Die Gewichtszunahme kann bereits kurz nach der Schädigung beginnen und innerhalb kurzer Zeit erheblich ausfallen.

„Die hypothalamische Adipositas zeigt eindrücklich, dass Körpergewicht nicht primär eine Frage von Willenskraft oder Lebensstil ist, sondern stark von zentralnervösen Regelkreisen abhängt“, sagt Privatdozent Dr. Ulrich Dischinger, Oberarzt der Endokrinologie und Diabetologie am Uniklinikum Würzburg.

Diagnose anhand des Krankheitsverlaufs

Viele Betroffene entwickeln eine ausgeprägte Hyperphagie, also ein stark gesteigertes Essverlangen, verbunden mit einem deutlich verminderten Sättigungsgefühl. Für die Diagnose sei vor allem der zeitliche Zusammenhang zwischen der Schädigung des Hypothalamus, der raschen Gewichtszunahme und der Hyperphagie entscheidend.

Therapie bleibt anspruchsvoll

Nach Angaben der DDG und DGE sprechen klassische Maßnahmen wie Ernährungsumstellung oder Verhaltenstherapie bei hypothalamischer Adipositas häufig nur eingeschränkt an, da die Ursache nicht primär im Essverhalten, sondern in der gestörten zentralen Regulation liegt.

Frühere medikamentöse Behandlungsversuche mit Metformin oder Dextroamphetamin hätten meist nur begrenzte Erfolge gezeigt. GLP-1-Analoga könnten auch bei hypothalamischer Adipositas wirksam sein, allerdings falle das Ansprechen individuell unterschiedlich aus. Nach Angaben der Fachgesellschaften hängt ihre Wirkung teilweise von einer intakten Hunger- und Sättigungsregulation im Gehirn ab.

Setmelanotid als neuer Therapieansatz

Als weitere Behandlungsoption nennen DDG und DGE Setmelanotid. Nach Angaben der Fachgesellschaften greift das Arzneimittel gezielt in den Melanocortin-Signalweg ein und kann dadurch fehlende Sättigungssignale teilweise kompensieren. 

Setmelanotid war ursprünglich für seltene genetische Adipositasformen zugelassen. Nach Angaben der DDG und DGE ist das Arzneimittel inzwischen auch für die Behandlung der hypothalamischen Adipositas zugelassen. Die Fachgesellschaften weisen jedoch darauf hin, dass bislang nur wenige wissenschaftliche Daten zu dieser Indikation vorliegen.

Ein weiteres Problem sei die Versorgung der Betroffenen. Da die hypothalamische Adipositas häufig zunächst als lebensstilbedingte Erkrankung angesehen werde, seien medikamentöse Therapien in der Regel nicht erstattungsfähig – unabhängig davon, ob für das jeweilige Präparat eine Zulassung vorliegt.

Multimodale Behandlung erforderlich

Auch bariatrische Eingriffe sollten bei hypothalamischer Adipositas sorgfältig abgewogen werden. Nach Angaben der Fachgesellschaften spielt eine intakte Funktion des Hypothalamus auch für deren Wirksamkeit eine Rolle.

Die Behandlung erfordere daher ein multimodales Vorgehen, das endokrinologische, ernährungsmedizinische und – bei einer zugrunde liegenden Tumorerkrankung – neuroonkologische Aspekte berücksichtigt. Darüber hinaus sollten auch weitere Folgen des hypothalamischen Syndroms wie Schlafstörungen oder Störungen der Temperaturregulation in die Therapie einbezogen werden.

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