Neue Daten zeigen die hohe Krankheitslast in Österreich. Forschende lokalisieren zentrale Ursachen im Gehirn und sehen individualisierte Therapien als künftigen Weg.
Adipositas betrifft in Österreich einen wachsenden Teil der Bevölkerung und hat gravierende gesundheitliche Folgen. Laut aktuellen Angaben sind rund 17 Prozent der Menschen über 15 Jahre betroffen. Etwa acht Prozent der Todesfälle gehen bereits auf Fettsucht zurück. Beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Interne Medizin in Wiesbaden rückten Wissenschafterinnen und Wissenschafter nun das Gehirn als zentrale Schaltstelle der Erkrankung in den Fokus.
Gehirn steuert Energieaufnahme
Für Prof. Dr. Michael Stumvoll, Diabetologe und Sprecher des Center of Metabolism der Universität Leipzig, ist Adipositas eine komplexe und chronisch fortschreitende Erkrankung. Sie erhöht das Risiko für Typ 2 Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Schlafapnoe, Depressionen und bestimmte Krebsarten. Gleichzeitig verlaufen Erkrankung und Therapieerfolg von Patient zu Patient sehr unterschiedlich.
Im Zentrum steht das Gehirn. Es verbraucht rund ein Viertel des Grundumsatzes und zählt zudem zu den energieintensivsten Organen des Körpers. Zwei Systeme steuern die Nahrungsaufnahme. Ein System sichert die Energieversorgung (homöostatisches System), ein weiteres vermittelt Belohnung und Genuss (hedonisches System). Letzteres kann dazu führen, dass Menschen unabhängig vom tatsächlichen Bedarf essen. Dieses Zusammenspiel begünstigt die Entstehung und Aufrechterhaltung von Adipositas.
Evolution prägt den Stoffwechsel
Die Wurzeln dieser Mechanismen reichen weit zurück, denn schon frühe Menschen verfügten über große Gehirne und mussten deren Energieversorgung sichern. Genetische Varianten aus dieser Zeit beeinflussen bis heute Stoffwechsel, Immunsystem und Anpassungsfähigkeit.
Gleichzeitig treffen im modernen Alltag mehrere Entwicklungen aufeinander. Der hohe Energiebedarf des Gehirns ist vergleichsweise jung. Die Fähigkeit, Energie als Fett zu speichern, ist hingegen sehr alt. Heute stehen diese Mechanismen einer dauerhaften Überversorgung gegenüber. Das führt zu einer Fehlregulation des Energiestoffwechsels, die durch hormonelle, genetische und gesellschaftliche Faktoren zusätzlich verstärkt wird.
BMI greift zu kurz
Zur Einordnung von Adipositas wird häufig der Body-Mass-Index herangezogen. Ein Wert über 30 gilt als Kennzeichen der Erkrankung. Laut den präsentierten Daten reicht dieser Wert jedoch nicht aus, um individuelle Risiken abzubilden. Entscheidend für das individuelle Risiko ist die Fettverteilung im Körper, insbesondere ob Fett subkutan, viszeral oder in Organen gespeichert wird.
Auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern spielen eine wichtige Rolle. Männer sind häufiger übergewichtig und lagern Fett eher im Bauchraum ein. Frauen entwickeln öfter schwere Formen der Adipositas und leiden häufiger an bestimmten Folgeerkrankungen wie Depressionen. Hormonelle Einflüsse, Schwangerschaften und die Menopause erschweren zusätzlich die Prognose.
Weg zur individualisierten Therapie
Die aktuellen Erkenntnisse zeigen, dass Adipositas kein einheitliches Krankheitsbild ist, sondern ein Spektrum unterschiedlicher biologischer Zustände. Präzise Vorhersagen zu Krankheitsverlauf und Therapieansprechen sind derzeit nur eingeschränkt möglich.
Künftig könnten kombinierte und individuell abgestimmte Behandlungsstrategien an Bedeutung gewinnen. Dazu zählen Ansätze zur Beeinflussung von Entzündungsprozessen im Stoffwechsel, der gezielte Einsatz von Prä- und Probiotika sowie hormonbasierte Therapien. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede sollen stärker berücksichtigt werden.
Die Forschung zeichnet damit ein neues Bild der Erkrankung. Adipositas lässt sich nicht allein als Folge eines Kalorienüberschusses verstehen. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel von Gehirn, Stoffwechsel, Evolution und Umwelt.




