Ob man vergessen hat, wo die Brille liegt oder sich beim Essen verschluckt – es gibt Momente, in denen das Gehirn oder der Körper einen im Stich lässt. Neurodegenerative Erkrankungen gehen jedoch über gelegentliche Augenblicke hinaus und sind manifeste Erkrankungen. Die Ernährung kann teilweise vorbeugend wirken und spielt auch im Alltag der Betroffenen eine wichtige Rolle.
Neurodegenerative Erkrankungen ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Krankheiten, die durch den fortschreitenden Verlust von Nervenzellen im zentralen Nervensystem gekennzeichnet sind. Dieser Prozess beeinträchtigt die Funktion bestimmter Hirnareale oder Nervenbahnen und führt dadurch zu sogenannten Ausfallerscheinungen, bei denen unterschiedliche Bewegungsabläufe oder die Gedächtnisleistung verloren gehen. Zu den bekanntesten neurodegenerativen Erkrankungen zählen Alzheimer, Parkinson und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Sie treten in der Regel erst im fortgeschrittenen Alter auf – die ersten Anzeichen üblicherweise zwischen 50 und 60 Jahren – und rufen spezifische Schädigungen im Nervengewebe hervor. Obwohl die genauen Ursachen von vielen dieser Krankheiten noch nicht vollständig geklärt sind, spielen u.a. genetische Faktoren, Proteinansammlungen und möglicherweise auch Immunreaktionen eine Rolle bei ihrer Entstehung und ihrem Verlauf. Aufgrund der alternden Bevölkerung und der engen Verbindung zu Alterungsprozessen zählen neurodegenerative Erkrankungen zu den großen medizinischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.
Who’s who
Alzheimer macht ungefähr zwei Drittel aller Demenzerkrankungen aus und wird durch eine Ansammlung und Verklumpung von Proteinen verursacht. Die Folge sind Gedächtnisschwund, Sprachstörungen und motorische Störungen.
Nach Alzheimer ist Parkinson die zweithäufigste der neurodegenerativen Erkrankungen. Hierbei werden jene Zellen zerstört, die für die Produktion von Dopamin verantwortlich sind. In der Folge kommt es zu einem Dopaminmangel, der sich vor allem auf die Motorik auswirkt. Die Bewegungen verlangsamen sich, die Extremitäten werden steif und die Muskeln zittern im Ruhezustand. Dabei sind insbesondere die Hände betroffen.
Bei ALS sind jene Nervenzellen betroffen, die Gehirn und Muskulatur miteinander verbinden. Sterben sie ab, können die Muskeln nicht mehr angesteuert werden. Das führt zu Muskelschwund, -schwäche und Lähmungserscheinungen.
Aktives, soziales Leben
Trotz intensiver Forschung gibt es derzeit noch keine Heilung für die verschiedenen Formen der neurodegenerativen Erkrankungen. Daher liegt der Fokus auf vorbeugenden Maßnahmen sowie der Linderung der Symptome. Ein Beispiel: Genetische Faktoren sind bei Alzheimer nur in etwa 3–5 Prozent der Fälle für das Erkranken verantwortlich. Somit werden verstärkt Aspekte wie die Ernährung, die Bewegung und das allgemeine Lebensumfeld untersucht. Einem Bericht der Lancet Commission aus dem Jahr 2020 zufolge könnten durch einen ausgewogenen und aktiven Lebensstil bis zu 40 Prozent der Demenzfälle verhindert oder verzögert werden. Denn zu den Risikofaktoren zählen unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes und Rauchen, aber auch geringe Bildung, eingeschränktes Hören und Sehen sowie wenige soziale Kontakte.
Bei Parkinson und ALS ist die genetische Komponente hingegen stärker ausgeprägt. Dennoch wirkt es sich auch bei diesen Krankheiten positiv auf die Lebensqualität aus, einen aktiven, sozialen Lebensstil zu pflegen, sich regelmäßig zu bewegen, sich ausgewogen zu ernähren und das Gehirn kontinuierlich zu fordern. Es empfiehlt sich daher, bereits frühzeitig damit zu beginnen. Doch auch im höheren Alter zeigen derartige Maßnahmen noch positive Effekte. Es ist also nie zu spät, anzufangen.
Mehrwert einzelner Nährstoffe?
In einschlägigen Online-Portalen und Medien liest man häufig über Nährstoffe, die vermeintliche Wunder in der Prävention und Therapie bewirken sollen. Ganz so einfach ist es jedoch leider nicht, denn viele Untersuchungen weisen nur begrenzte Teilnehmerzahlen, kurze Laufzeiten oder schwankende Mengen bei der Supplementierung auf. Einige Studien deuten jedoch darauf hin, dass sich Antioxidanzien möglicherweise positiv auf den Krankheitsverlauf bei neurodegenerativen Krankheiten auswirken könnten. Die Vitamine E, C, Folsäure, B6 und B12 reduzieren oxidativen Stress und Entzündungsprozesse im Körper. Auch mehrfach ungesättigte Fettsäuren, insbesondere die Omega-3-Fettsäuren Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA), tragen dazu bei. Bei Alzheimer könnten B-Vitamine eine weitere Rolle spielen, da sie sich günstig auf den Stoffwechsel der Aminosäure Homocystein auswirken. Das ist interessant, weil Betroffene erhöhte Homocysteinwerte aufweisen und diese eine abnehmende Hirnmasse mitunter begünstigen. Auch Vitamin D rückt immer wieder in den Fokus, da niedrige Spiegel mit einem höheren Risiko für Demenz in Verbindung gebracht werden. Obwohl hier viel geforscht wird, gibt es jedoch momentan keine fundierten Empfehlungen zur Nahrungsergänzung, sofern kein Mangel vorliegt.
Mediterrane Ernährung positiv
Ausgewogene Ernährungsformen mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Obst sowie wenig Fleisch und gelegentlichem Konsum von Meeresfisch scheinen mit besserer mentaler Leistungsfähigkeit bei Alzheimer, verlangsamtem Verlauf bei Parkinson und einem generell geringeren Erkrankungsrisiko verbunden zu sein. Die mediterrane Ernährung oder die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) können dabei als Orientierung dienen. Diese Ernährungsformen scheinen jedoch nicht nur das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen günstig zu beeinflussen, sondern wirken auch allgemein positiv auf die Gesundheit.
Wenn Essen schwierig wird
Häufig treten bei diesen Erkrankungen auch Appetitlosigkeit und Schluckbeschwerden auf oder das Gefühl von Hunger und Sättigung geht verloren. Eine rasche Gewichtsabnahme ist jedoch meist mit einem ungünstigen Krankheitsverlauf verbunden. Daher ist es wichtig, Essen und Trinken möglichst schmackhaft, angenehm und unkompliziert zu gestalten. Eine entsprechende Lebensmittelauswahl ist je nach Krankheitsbild zu berücksichtigen. Zudem kann etwa Fingerfood helfen, wenn der Umgang mit Besteck beschwerlich wird. Unterschiedliche Konsistenz von verschiedenen Nahrungsmitteln (z.B. Fisch statt Fleisch, Kartoffelpüree statt Bratkartoffeln) unterstützen, wenn Kau- und Schluckbeschwerden auftreten. Getränke in unterschiedlichen Temperaturen, die in Sichtweite stehen, können bewirken, dass mehr getrunken wird und zusätzliche Verwirrungszustände aufgrund von Dehydration vermieden werden. Der erhöhte Energiebedarf kann mit hochkalorischen Lebensmitteln wie Butter und Schlagobers oder angereicherten Lebensmitteln sowie vermehrten Zwischenmahlzeiten gedeckt werden. Dabei ist darauf zu achten, dass die Speisen gleichzeitig leicht verdaulich sind. Sind das selbstständige Kauen und Schlucken stark eingeschränkt, empfehlen sich pürierte Gerichte und unterschiedlich stark angedickte Getränke. Hier gilt es, mit der Konsistenz zu experimentieren und je nach Krankheitsverlauf die momentan passende zu finden.
Regelmäßige Mahlzeiten dienen zudem häufig als wichtige Orientierungspunkte im Tagesablauf von Erkrankten. Gemeinsame Essenszeiten fördern darüber hinaus die soziale Interaktion und können positive Erinnerungen wecken. Es empfiehlt sich, die Mahlzeiten in einer ruhigen, vertrauten Umgebung einzunehmen und genügend Zeit dafür einzuplanen. Bei Alzheimerbetroffenen können Rituale wie ein gemeinsamer Tischspruch oder das Benutzen von Lieblingsgeschirr zusätzlich zur Orientierung beitragen und das Wohlbefinden steigern.
Kann aufgrund der Einschränkungen nicht mehr genug Nahrung aufgenommen oder gar nicht mehr geschluckt werden (Aphagie) ist eine künstliche Ernährung über eine sogenannte PEG-Sonde (perkutane endoskopische Gastrostomie) eine weitere Behandlungsoption.
Fazit
Ernährungsformen mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Obst, wenig Fleisch und gelegentlichem Konsum von Fisch scheinen sich grundsätzlich positiv auf das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen auszuwirken. Es ist jedoch anzumerken, dass unterschiedliche Erkrankungen unterschiedlich stark durch genetische Voraussetzungen beeinflusst werden. Wenn ein nachgewiesener Nährstoffmangel besteht, sollte man diesen mittels geeigneter Präparate ausgleichen. Für andere Nahrungsergänzungsmittel gibt es aktuell keine fundierten Empfehlungen. Hier wird viel geforscht. Eine angepasste Ernährung mit leicht zu essenden, nährstoffreichen Speisen kann die Nahrungsaufnahme erleichtern und den erhöhten Energiebedarf decken. Regelmäßige Mahlzeiten bieten zudem Struktur im Alltag und fördern soziale Interaktionen. Insgesamt ist die Ernährung als Teil eines ganzheitlichen gesunden, aktiven Lebensstils zu sehen, der sich positiv auf Gesundheit und Lebensqualität auswirkt.




