Unrupturierte Hirnaneurysmen werden deutlich häufiger festgestellt als noch vor zwei Jahrzehnten. Eine große Metaanalyse zeigt zudem, welche Personengruppen besonders häufig betroffen sind. Gleichzeitig sprechen die Ergebnisse dafür, dass viele dieser Aneurysmen niemals platzen.
Unrupturierte Hirnaneurysmen kommen offenbar häufiger vor als bisher angenommen. Eine aktuelle Metaanalyse unter Federführung der Universitätsmedizin Mannheim zeigt bei gesunden Personen mit moderner Gefäßdarstellung einen deutlichen Anstieg der Prävalenz.
Die im Fachjournal The Lancet Neurology veröffentlichte Arbeit umfasst 162 Studien aus sieben Jahrzehnten. Insgesamt flossen Daten von 316.131 Personen in die Analyse ein, darunter 11.822 Personen mit einem unrupturierten intrakraniellen Aneurysma.
Hirnaneurysmen sind sackförmige Aussackungen der Hirnarterien. Sie verursachen in der Regel keine Beschwerden und werden deshalb häufig zufällig bei bildgebenden Untersuchungen entdeckt. Gefährlich können sie werden, wenn sie platzen und eine aneurysmatische Subarachnoidalblutung auslösen. Diese Form des Schlaganfalls führt laut Studienautoren bei rund einem Drittel der Betroffenen frühzeitig zum Tod.
Frauen nahezu doppelt so häufig betroffen
Die Analyse zeigt deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Personengruppen. Bei Frauen lag die Prävalenz unrupturierter Hirnaneurysmen bei 5,5 Prozent, bei Männern bei 3,0 Prozent. Das entspricht einem 1,9-fach erhöhten Risiko für Frauen.
Für eine Referenzbevölkerung ohne Begleiterkrankungen, mit einem Frauenanteil von 50 Prozent und einem mittleren Alter von 50 Jahren, errechneten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter eine Prävalenz von 3,9 Prozent.
Deutlich höhere Werte zeigten sich bei bestimmten Erkrankungen und familiären Vorbelastungen. Bei Menschen mit autosomal-dominanter polyzystischer Nierenerkrankung lag die Prävalenz bei 12,8 Prozent. Bei Bindegewebserkrankungen waren es 10,3 Prozent. Personen mit einer Subarachnoidalblutung oder einem intrakraniellen Aneurysma in der Familie wiesen eine Prävalenz von 7,9 Prozent auf.
Auch zwei beeinflussbare Risikofaktoren ließen sich in der aktuellen Analyse beziffern. Aktives Rauchen war mit einem 1,4-fach erhöhten Risiko für ein unrupturiertes Hirnaneurysma verbunden, Bluthochdruck mit einem 1,6-fach erhöhten Risiko.
Prävalenz steigt innerhalb von zwei Jahrzehnten
Besonders auffällig ist die zeitliche Entwicklung. In Studien mit gesunden Personen, bei denen MR-Angiographie oder CT-Angiographie eingesetzt wurde, stieg die Prävalenz von 2,9 Prozent zwischen 2002 und 2015 auf 6,6 Prozent zwischen 2016 und 2022.
Eine bessere Bildgebung allein dürfte diese Entwicklung nach Einschätzung der Studienautorinnen und -autoren nicht erklären. Denn auch Aneurysmen mit einer Größe von mindestens 5 mm wurden häufiger gefunden: Ihre Prävalenz stieg von 0,7 auf 1,4 Prozent.
Auch die Alterung der Bevölkerung erklärt den Anstieg laut Studie nur teilweise. Die Autorinnen und Autoren gehen deshalb davon aus, dass weitere, bislang unbekannte Faktoren eine Rolle spielen könnten.
„Es müssen also weitere, bislang unbekannte Einflüsse eine Rolle spielen – Umweltfaktoren beispielsweise“, sagt Professor Dr. Gabriel J. E. Rinkel, Experte für Aneurysmen und Mitbetreuer der Studie. „Diese unklaren Faktoren zu identifizieren, gehört zu den drängendsten offenen Fragen der nächsten Jahre.“
Mehr Aneurysmen, aber weniger Subarachnoidalblutungen
Die Ergebnisse sind auch deshalb bemerkenswert, weil sich die Häufigkeit aneurysmatischer Subarachnoidalblutungen in den vergangenen Jahrzehnten in die entgegengesetzte Richtung entwickelt hat. Eine frühere Metaanalyse der Forschungsgruppe aus dem Jahr 2019 zeigte einen weltweiten Rückgang der Inzidenz.
Individuelle Risikobewertung statt pauschaler Behandlung
Die Autorinnen und Autoren der aktuellen Studie folgern daraus, dass ein wachsender Anteil der entdeckten Aneurysmen nicht rupturieren dürfte. Die zunehmende Prävalenz, das sinkende Rupturrisiko und das steigende Alter der Betroffenen sprechen nach ihrer Einschätzung dagegen, sämtliche unrupturierten Aneurysmen vorbeugend zu behandeln. Vielmehr sehen sie einen wachsenden Bedarf an individuell angepassten Vorgehensweisen, die bei einem Großteil der Betroffenen ohne vorbeugenden Eingriff auskommen.
„Unsere Daten belegen, dass ein zufällig entdecktes Aneurysma heute im Mittel weniger gefährlich ist als noch vor zwanzig Jahren. Für die allermeisten Betroffenen ist die richtige Antwort deshalb kein präventiver Eingriff, sondern eine sorgfältige Einschätzung des individuellen Risikos und eine verlässliche Überwachung der Risikofaktoren mit bildgebenden Kontrollen über die Zeit“, erklärt Prof. Dr. Nima Etminan, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Universitätsmedizin Mannheim und Letztautor der Studie.
Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter sehen insbesondere bei Personengruppen mit erhöhtem Risiko weiteren Forschungsbedarf. Die Ergebnisse rechtfertigen ihrer Einschätzung nach weitere Untersuchungen dazu, welchen Nutzen personalisierte Screening- und Managementstrategien für diese Gruppen haben könnten.
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