Start Wissenschaft Obstetrisches Dilemma: Geburt bei Menschen nicht einzigartig riskant

Obstetrisches Dilemma: Geburt bei Menschen nicht einzigartig riskant

Neue Daten einer Wissenschafterin der Universität Wien stellen das sogenannte „obstetrische Dilemma“ infrage. Demnach treten schwere Geburtskomplikationen auch bei vielen anderen Säugetieren häufig auf. Die Sterblichkeitsraten seien teils mit jenen menschlicher Gemeinschaften ohne moderne Medizin vergleichbar.

Die menschliche Geburt gilt oft als besonders schwierig und gefährlich. Eine neue Studie der Evolutionsbiologin Dr. Nicole Grunstra von der Universität Wien kommt jedoch zu einem anderen Schluss: Viele andere Säugetiere kämpfen ebenfalls mit schweren Geburtskomplikationen und hohen Sterblichkeitsraten. Die Arbeit wurde im Fachjournal „Biological Reviews“ veröffentlicht.

Grunstra analysierte dafür mehr als 150 wissenschaftliche Publikationen zu Geburtsverläufen und geburtsbedingter Sterblichkeit bei Säugetieren. Berücksichtigt wurden sowohl Haus- und Nutztiere als auch wild lebende Arten.

Vergleich zwischen Mensch und Tier

Eine verbreitete Erklärung für die schwierige menschliche Geburt ist das sogenannte „obstetrische Dilemma“. Dieses beschreibt einen evolutionären Zielkonflikt zwischen aufrechtem Gang und großem Gehirn: Das Becken des Menschen sei vergleichsweise eng, während Babys einen großen Kopf haben. Dadurch werde die Geburt besonders riskant.

Die aktuelle Analyse relativiert diese Annahme. Laut Grunstra treten Geburtsprobleme auch bei zahlreichen anderen Säugetieren auf.

„Zunächst wollte ich mir einen Überblick darüber verschaffen, bei welchen Säugetierarten bekanntermaßen Geburtskomplikationen auftreten“, so die Wissenschafterin. „Anschließend habe ich die quantitativen Daten zur Häufigkeit von Geburtskomplikationen und geburtsbedingter Sterblichkeit beim Menschen und anderen Säugetieren aus den Quellen extrahiert.“ Dadurch sei ein direkter Vergleich zwischen den Arten möglich geworden.

Hohe Sterblichkeit auch bei Wildtieren

Besonders auffällig sei die hohe Sterblichkeit bei einigen wild lebenden Säugetieren. Laut Grunstra machen geburtsbedingte Todesfälle dort teilweise bis zu 15 Prozent der Sterblichkeit erwachsener Weibchen aus.

Vergleichbare Sterblichkeitsraten gebe es etwa bei Nordamerikanischen Gabelböcken oder Nördlichen Seebären. Diese Werte ähneln laut Studie jenen in menschlichen Gemeinschaften ohne moderne medizinische Versorgung, etwa bei den Agta auf den Philippinen, den Hiwi in Venezuela oder den Hadza in Tansania. Laut der Studie treten schwierige Geburten auch bei anderen Säugetieren regelmäßig auf. Kühe, Pferde und Hirsche müssten ihre Jungen etwa mit Kopf und Vordergliedmaßen gleichzeitig durch ein relativ unflexibles Becken gebären.

Evolutionärer Zielkonflikt

Die Ergebnisse werfen laut der Wissenschafterin die Frage auf, warum sich solche Risiken evolutionär nicht reduziert haben.

Eine mögliche Erklärung sei ein evolutionärer Zielkonflikt: Größere Jungtiere hätten nach der Geburt bessere Überlebenschancen, seien aber schwieriger zur Welt zu bringen.

Die Studie ordnet menschliche Geburtskomplikationen damit in einen breiteren biologischen Zusammenhang ein. „Eine menschliche Geburt ist weder einfach noch risikofrei, doch offenbar birgt die Geburt bei plazentalen Säugetieren ein ständiges Risiko für Komplikationen und Todesfälle“, resümierte Grunstra.

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