Die Österreichische Ärztekammer fordert einen deutlichen Ausbau ärztlicher Hausapotheken und verweist auf eine von ihr beauftragte Studie zu Versorgung, Kosten und Wegzeiten. Apothekerkammer und Apothekerverband widersprechen: Sie warnen vor einer Gefährdung öffentlicher Apotheken und stellen die Versorgungsvorteile ärztlicher Arzneimittelabgabestellen infrage.
Die Debatte um die Rollenverteilung bei der Arzneimittelversorgung ist neu aufgeflammt. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) sprach sich am 26. August bei einer Pressekonferenz erneut für einen Ausbau ärztlicher Hausapotheken aus. Grundlage ihrer Argumentation ist unter anderem eine Studie des Beraternetzwerks Kreutzer Fischer & Partner im Auftrag der Ärztekammer. Österreichische Apothekerkammer und Österreichischer Apothekerverband reagierten mit deutlicher Kritik.
Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Frage, ob zusätzliche ärztliche Hausapotheken vor allem im ländlichen Raum die Versorgung verbessern würden oder ob sie öffentliche Apotheken wirtschaftlich schwächen und damit bestehende Versorgungsstrukturen gefährden könnten.
Ärztekammer sieht Vorteile für ländliche Kassenstellen
Nach Darstellung der ÖÄK könnte ein Ausbau ärztlicher Hausapotheken dazu beitragen, Kassenstellen in ländlichen Regionen attraktiver zu machen. Besonders in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern sei die Nachbesetzung von allgemeinmedizinischen Kassenstellen schwierig. Laut APA verwies Studienautor Andreas Kreutzer dabei insbesondere auf das Burgenland, die Steiermark und Tirol.
Als einen Grund nennt Kreutzer die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Eine Ordination in Österreich erziele im Durchschnitt 265.000 Euro pro Jahr an Brutto-Betriebsüberschuss, während Ordinationen im ländlichen Raum deutlich unter diesem Schnitt lägen. Einnahmen aus einer Hausapotheke könnten demnach die Übernahme einer Ordination am Land attraktiver machen.
Die Studie führt darüber hinaus kürzere Wege bei der Arzneimittelbeschaffung als Argument für einen Ausbau an. Dadurch könnten laut den von der Ärztekammer präsentierten Ergebnissen volkswirtschaftliche Kosten sinken.
ÖÄK fordert allgemeines Dispensierrecht
ÖÄK-Präsident Dr. Johannes Steinhart sieht in ärztlichen Hausapotheken neben kürzeren Wegen auch einen Beitrag zur Absicherung der wohnortnahen medizinischen Versorgung. Er sprach sich für ein allgemeines und freiwilliges Dispensierrecht für Ärztinnen und Ärzte aus.
„Es ist höchste Zeit für mehr ärztliche Hausapotheken, denn diese sichern einen möglichst flächendeckenden, barrierefreien und einfachen Zugang zu Medikamenten im Sinne eines One-Stop-Shop“
OMR Dr. Johannes Steinhart
Präsident der Österreichischen Ärztekammer
Apothekerkammer sieht die Versorgung durch Apotheken gefährdet
Die Österreichische Apothekerkammer widerspricht der Argumentation der Ärztekammer. Sie verweist auf 1.470 öffentliche Apotheken und sieht keinen Bedarf für einen weiteren Ausbau ärztlicher Arzneimittelabgabestellen.
Mag.pharm. Raimund Podroschko, erster Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, argumentiert, öffentliche Apotheken würden die Arzneimittelversorgung rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr sicherstellen. Die Kammer bezeichnet ärztliche Hausapotheken in ihrer Aussendung als „Notabgabestellen“ und warnt davor, dass ein Ausbau den öffentlichen Apotheken wirtschaftliche Grundlagen entziehen könnte.
Auch Mag.pharm. Dr. Gerhard Kobinger, zweiter Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, sieht keine Verbesserung der Versorgung durch eine zusätzliche Verlagerung der Arzneimittelabgabe in Ordinationen. Nach Angaben der Kammer gibt es in der EU rund 1.700 „dispensing doctors“, davon allein 850 in Österreich.
Apothekerverband unterstreicht das Leistungsangebot von Apotheken
Der Österreichische Apothekerverband argumentiert ebenfalls gegen einen Ausbau. Präsident Mag. pharm. Thomas W. Veitschegger verweist insbesondere auf die unterschiedlichen Öffnungszeiten. Ärztliche Arzneimittelabgabestellen hätten nach Angaben des Verbands durchschnittlich rund 20 Stunden pro Woche geöffnet. Für öffentliche Apotheken nennt der Verband hingegen durchschnittlich 50 Stunden. Laut Verbandsangaben haben ärztliche Abgabestelle nur 400 bis 500 Präparate lagernd. Somit bieten Apotheken ein 12 bis 15-fach umfangreicheres Produktangebot.
„Über 95 Prozent der Bevölkerung erreichen die nächstgelegene Apotheke in weniger als zehn Minuten, finden dort ein Arzneimittellager mit über 6.000 verschiedenen Präparaten vor und das bei einer durchschnittlichen Wochenöffnungszeit von 50 Stunden.“
Mag.pharm. Thomas W. Veitschegger
Präsident des Österreichischen Apothekerverbands
Mag.pharm. Andreas Hoyer, erster Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbands, verweist zusätzlich auf Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdienste sowie die individuelle Herstellung von Arzneimitteln. Nach Angaben des Verbands werden jährlich rund drei Millionen Arzneimittel individuell für Patientinnen und Patienten zubereitet.
Unterschiedliche Vorstellungen über künftige Versorgung
Auch bei der Weiterentwicklung der Versorgung vertreten die Standesorganisationen unterschiedliche Positionen. Die Ärztekammer sieht in zusätzlichen Hausapotheken eine Möglichkeit, ärztliche Kassenstellen insbesondere in dünner besiedelten Regionen attraktiver zu machen und Wege für Patientinnen und Patienten zu verkürzen.
Der Apothekerverband setzt dagegen auf eine Erweiterung der Leistungen öffentlicher Apotheken. Mag.pharm. Dr. Alexander Hartl, zweiter Vizepräsident des Österreichischen Apothekerverbands, nennt dabei Impfungen, Gesundheitstests und Beratungsangebote.
Damit geht die Auseinandersetzung über die Frage nach einzelnen Hausapotheken hinaus. Zur Debatte steht, welche Aufgaben Ordinationen und öffentliche Apotheken künftig bei einer wohnortnahen Gesundheits- und Arzneimittelversorgung übernehmen sollen.




