Start Politik Gesundheitspolitik Medikamentenabgabe in Ordinationen: Apothekerkammer warnt vor Folgen

Medikamentenabgabe in Ordinationen: Apothekerkammer warnt vor Folgen

Die Wiener Apothekerkammer kritisiert Forderungen nach einer Ausweitung der Medikamentenabgabe in Arztordinationen. Apotheken seien auf eine breite Arzneimittelversorgung ausgelegt und würden auch bei Lieferengpässen eine wichtige Rolle für die Versorgungssicherheit übernehmen.

Die Diskussion um die Medikamentenabgabe durch Ärztinnen und Ärzte sorgt erneut für Kritik seitens der Apothekerschaft. Anlass ist die Forderung der Hausapotheken-Lobby innerhalb der Wiener Ärztekammer, die Abgabe von Arzneimitteln direkt in Ordinationen auszubauen. Als Argumentationsgrundlage wurde im Rahmen einer Pressekonferenz eine Umfrage zu diesem Thema präsentiert. Befragt wurden dabei rund 1.000 Ärztinnen und Ärzten zu deren Wunschvorstellungen. Keine Berücksichtigung fanden dabei die Versorgungsbedürfnisse auf Patientenseite.

 Das Thema fand vor allem bei jungen Medizinerinnen und Medizinern Anklang. Nach Möglichkeit solle die Arzneimittelabgabe sowohl von Allgemeinmedizinern als auch Fachärzten getätigt werden.

Die Wiener Apothekerkammer lehnt diesen Vorstoß entschieden ab und verweist auf die Bedeutung öffentlicher Apotheken für die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung.

Apotheken als zentrale Versorgungsstruktur

Nach Angaben der Apothekerkammer seien öffentliche Apotheken darauf ausgelegt, eine große Bandbreite an Arzneimitteln verfügbar zu halten. Gerade diese Vielfalt sei im Sinne der passenden Therapiewahl ein wesentlicher Bestandteil der Versorgungssicherheit. Apotheken könnten unterschiedliche Medikamente lagern, kurzfristig beschaffen und Patientinnen und Patienten bei Lieferengpässen beraten.

Priv.-Doz. DDr.Philipp Saiko, Präsident der Apothekerkammer Wien, betont, dass das Wiener Apothekennetz zu den dichtesten in Österreich zählt. Laut Saiko habe sich dieses System auch in Krisenzeiten bewährt. 

Philipp Saiko, Präsident der Apothekerkammer Wien
© MelanieLoeffler

Apothekerinnen und Apothekern gelingt es immer, die Bevölkerung mit den benötigten Medikamenten zu versorgen – sogar in chaotischen, unsicheren Pandemiezeiten. Voraussetzung dafür ist nur, dass sich die Präparate in Österreich befinden.

Priv.-Doz. DDr.Philipp Saiko
Präsident der Apothekerkammer Wien

Die Apothekerkammer weist zudem darauf hin, dass die Herausforderungen im Arzneimittelbereich derzeit vor allem in internationalen Lieferketten und Produktionsabhängigkeiten liegen. Lösungen sieht die Standesvertretung unter anderem in einer stärkeren Diversifizierung von Lieferketten, einer strategischen Lagerhaltung sowie einer teilweisen Rückverlagerung der Arzneimittelproduktion nach Europa. Erst kürzlich legte die EU einen Plan vor, wie Versorgungsengpässe bei wichtigen Medikamenten verringert werden könnten (PharmaNow hat berichtet).

Kritik an Medikamentenabgabe in Ordinationen

Die Apothekerkammer argumentiert, dass die Medikamentenabgabe in Ordinationen medizinische und wirtschaftliche Risiken bergen könne. Verwiesen wird dabei auf internationale Studien, wonach Ärztinnen und Ärzte häufiger mehr oder teurere Medikamente verschreiben könnten, wenn sie diese auch selbst abgeben. Je nach Breite des Sortiments in der Ordination könnte es auch denkbar sein, dass es Auswirkungen auf die Produktwahl bei der Verschreibung geben könnte. So gab der Meinungsforscher Peter Hajek an, dass laut Umfrage nur wenige Ärzte davon ausgingen, dass sie mehr als 25 verschiedene Arzneimittel einlagern müssten.

Das breite Warenlager und die pharmazeutische Beratung in der Apotheke seien zentrale Bestandteile der Arzneimittelversorgung. Dazu zählen laut Apothekerkammer auch die Kontrolle möglicher Wechselwirkungen, die Aufklärung über Dosierung und Anwendung sowie die fachgerechte Lagerung der Präparate.

Mag.pharm. Susanne Ergott-Badawi, Vizepräsidentin der Wiener Apothekerkammer, verweist zudem auf die Arbeitsbelastung vieler Ärztinnen und Ärzte. 

Susanne Ergott-Badawi, Vizepräsidentin der Wiener Apothekerkammer
© MartinHoermandinger

Die fachgerechte Lagerung, die Arzneimittelberatung, das Erkennen von Wechselwirkungen, die Aufklärung über Dosierung und Anwendung – all das erfordert eine eigenständige, jahrelange pharmazeutische Fachausbildung und genügend Zeit. Beides haben die Mediziner nicht.

Mag.pharm. Susanne Ergott-Badawi
Vizepräsidentin der Wiener Apothekerkammer

Diskussion über Rollenverteilung im Gesundheitssystem

Die Wiener Apothekerkammer sieht die aktuelle Debatte als grundsätzliche Frage der Rollenverteilung im Gesundheitssystem. Während Ärztinnen und Ärzte für Diagnose und Therapie zuständig seien, liege die Stärke öffentlicher Apotheken in der Arzneimittelversorgung, Lagerhaltung und pharmazeutischen Beratung. Aus Sicht der Apothekerschaft habe sich dieses Zusammenspiel über viele Jahre bewährt und sei ein wesentlicher Bestandteil der wohnortnahen Versorgung in Österreich.

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