Start Apotheke picky eating – Was tun, wenn Kinder heikel sind?

picky eating – Was tun, wenn Kinder heikel sind?

Viele Eltern kennen das Problem: Das liebevoll zubereitete Essen liegt unberührt auf dem Teller, begleitet von einem entrüsteten „Das esse ich nicht!“. Aber woran liegt das? Und wie geht man am besten damit um?

Etwa bis zum Alter von zwei Jahren sind die meisten Kinder offen für neue Geschmäcker. Sie probieren unbekannte Lebensmittel mit mehr oder weniger großer Begeisterung und wollen essen wie „die Großen“. Danach beginnt oft eine andere Phase – die klaren Favoriten sind nun Nudeln ohne Soße, und Grünes darf gar nicht mehr auf den Teller. Wenn Kinder heikel sind, einseitig oder wenig essen, sind Bezugspersonen schnell besorgt.

Dabei ist ein wählerisches Essverhalten („picky eating“) in den ersten Lebensjahren weit verbreitet. Es handelt sich dabei um eine normale Entwicklungsphase, die von Kind zu Kind unterschiedlich lange anhält und meist von selbst wieder verschwindet. Ein Schutzmechanismus, der dabei eine wesentliche Rolle spielt, ist die sogenannte Neophobie.

Was ist Neophobie?

Der Begriff Neophobie leitet sich von den griechischen Wörtern neos (neu) und phobein (fürchten) ab und bezeichnet grundsätzlich die Angst vor allem Neuen oder Unbekannten. In Verbindung mit Essen ist damit die Ablehnung unbekannter Lebensmittel gemeint. Besonders ausgeprägt zeigt sich Lebensmittel-Neophobie bei Kindern und das hat einen evolutionsbiologischen Grund. Kleinkinder erkunden ihre Umwelt mit allen Sinnen: Sie beobachten, hören zu, tasten ab, riechen und nehmen eine Zeit lang alle möglichen Dinge in den Mund – von der eigenen Hand über den Beißring, Spielzeugfiguren und Bauklötze bis zu Alltagsgegenständen wie Löffeln. 

Mit dem Älterwerden vergrößert sich nach und nach ihr Bewegungs- und Entdeckungsbereich. Sie krabbeln, laufen oder klettern immer weiter weg und entdecken mehr von ihrer Umgebung. Dabei schützt die neu gewonnene Vorsicht durch die Neophobie vor möglichen Gefahren. In früheren Zeiten konnte dieser Mechanismus lebensentscheidend sein, etwa um giftige Pflanzen oder verdorbene Früchte zu meiden.

Der Höhepunkt der Neophobie wird im Alter von etwa sechs Jahren erreicht, danach lässt sie in der Regel von selbst nach. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist sie am wenigsten ausgeprägt, bevor sie ab dem mittleren Erwachsenenalter wieder ansteigt und im hohen Alter einen zweiten Höhepunkt erreicht. Ein höheres Ekelempfinden, Unterschiede zwischen dem aktuellen Lebensmittelangebot und jenem der eigenen Kindheit, sowie das demenzbedingte Vergessen, dass man ein Lebensmittel schon gekostet hat, werden als Gründe vermutet. 

Gemüse besonders unbeliebt

Gemüse ist besonders häufig von Neophobie betroffen. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Ein wichtiger Faktor sind Pflanzengifte, die manche Pflanzen bilden, um sich gegen Insekten, Fressfeinde oder Mikroorganismen zu schützen. Sie sind für Kinder aufgrund ihres geringeren Körpergewichts gefährlicher als für Erwachsene. So enthalten beispielsweise rohe Bohnen das Pflanzentoxin Phasin, das erst beim Kochen unschädlich gemacht wird. Andere giftige Substanzen wie das Solanin in den grün verfärbten Stellen der Kartoffel sind wiederum hitzebeständig und lassen sich nur mechanisch entfernen, etwa durch Wegschneiden. 

Im Gegensatz zu Blättern und anderen Pflanzenteilen sind Früchte wie Äpfel oder Bananen vielfach frei von relevanten Giften – schließlich werden sie von der Pflanze gebildet, damit die enthaltenen Samen über den Verdauungstrakt von Mensch und Tier weiterverbreitet werden. Bereits im Jahr 1998 wurden Eltern zu den häufigsten abgelehnten Lebensmitteln ihrer Kinder befragt; von insgesamt 277 Nennungen entfielen 46% auf Gemüse, während lediglich 8% Obst betrafen. Darüber hinaus gilt: Während etwa ein grünes Blatt wie Spinat ohne Bedenken verzehrt werden kann, verhält es sich mit vielen anderen grünen Blättern – etwa von Zimmerpflanzen – ganz anders. Kinder müssen daher erst lernen, was genießbar ist und was nicht. Dabei ist eine gewisse Skepsis mitunter ein Überlebensvorteil.

Eine weitere Rolle spielt der Nährwert, denn evolutionär ging es beim Essen vorrangig um eine ausreichende Energieaufnahme. Viele Gemüsesorten wie Gurken oder Zucchini liefern zwar Vitamine, enthalten aber wenig Energie und nahezu kein Protein – die Ausnahme bilden hier Hülsenfrüchte. Unter diesem Aspekt haben Nudeln, Brot und Kartoffeln klar die Nase vorn. Zudem kommt erschwerend hinzu, dass bestimmte Gemüsesorten wie Chicorée, Brokkoli oder Spinat bitter schmecken. Da die menschliche Abneigung gegenüber Bitterem angeboren ist – immerhin ist sie ein Warnsignal für Giftigkeit –, reagieren Kinder besonders empfindlich darauf. Erst durch wiederholten Kontakt und positive Erfahrungen mit den entsprechenden Nahrungsmitteln kann eine Toleranz oder sogar Vorliebe für Bitteres entstehen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Kaffee: In jungen Jahren meist abgelehnt, wird er im Erwachsenenalter von vielen nicht nur akzeptiert, sondern zum täglichen Genussmoment.

Versorgung meist gedeckt

Ein wählerisches Essverhalten ist im Kindesalter somit eine häufige und in der Regel harmlose Entwicklungsphase. Das betrifft jedoch nicht nur die Verweigerung unbekannter Lebensmittel. Mitunter lehnen Kinder sogar Speisen ab, die sie eigentlich mögen – insbesondere dann, wenn verschiedene Zutaten gemischt sind. Beispielsweise werden Reis und Erbsen gegessen, wenn beide Komponenten fein säuberlich getrennt am Teller liegen; ein Risibisi dagegen bleibt unangetastet. Auch das Festhalten an einzelnen bekannten Gerichten wie Nudeln ohne Sauce kann das Bestreben nach Sicherheit und Kontrolle stärken.

Trotz der oft sehr eingeschränkten Lebensmittelauswahl entwickeln sich die meisten Kinder körperlich und geistig unauffällig weiter. Eine genauere Betrachtung des Speiseplans zeigt häufig, dass die wesentlichen Lebensmittelgruppen dennoch abgedeckt sind – auch wenn es auf den ersten Blick anders wirkt. So wird etwa nahezu sämtliches Obst verweigert, bis auf ein oder zwei Sorten, die dann regelmäßig gegessen werden; beim Gemüse ist es häufig ähnlich. In der Regel gelingt es diesen Kindern, ausreichend Energie und Nährstoffe aufzunehmen. Für Eltern ist diese Erkenntnis in der Beratung oft eine große Erleichterung, da sie den Druck von den Mahlzeiten nimmt. Mit zunehmendem Alter weitet sich das kulinarische Repertoire meist von selbst. Spätestens, wenn Gleichaltrige im Jugendalter eine größere Rolle spielen, wächst die Akzeptanz neuer Lebensmittel.

Tipps für Mahlzeiten mit Kindern

Dr. Eva Derndorfer, Ernährungswissenschafterin und Sensorikerin, sowie Mag. Karin Lobner, Ernährungswissenschafterin und Psychotherapeutin, nennen folgende Ansätze, um das gemeinsame Essen in der Familie zu entspannen und die Vielfalt auf dem Speiseplan zu erhöhen:

  • Vorbilder sein: Wenn Erwachsene oder Gleichaltrige Lebensmittel mit Genuss essen, sind Kinder eher bereit, neue Speisen zu probieren.
  • Kinder einbeziehen: Die Beteiligung am Kochprozess erhöht die Bereitschaft, neue Gerichte zu probieren.
  • Achtung auf die Textur: Die Textur von Lebensmitteln spielt eine wichtige Rolle bei der Ablehnung von Produkten. Kinder mit starker Neophobie bevorzugen Studienergebnissen zufolge Lebensmittel ohne Partikel.
  • Nicht mischen: Kleinere Kinder bevorzugen meist Einzelzutaten. So können sie das jeweilige Lebensmittel besser kennenlernen und ggf. im Nachgang kleine Mengen am Teller mischen.
  • Wiederholt anbieten: Es genügt meist nicht, ein neues Lebensmittel nur ein- oder zweimal vorzustellen, vielmehr kann man sich an acht bis 16 Versuchen orientieren. Also nicht aufgeben, wenn ein Lebensmittel zunächst abgelehnt wird. Wiederholter Konsum kann die Akzeptanz von Gemüse bei Kindern steigern. Auch der wiederholte visuelle Reiz kann die spätere Bereitschaft zum Probieren erhöhen. Ein zwangloses Anbieten ohne Druck ist hier entscheidend. Das sensorische Erkunden des Essens, wie Riechen oder Abschlecken, kann die Vertrautheit mit den Lebensmitteln erhöhen.
  • Autonomie zugestehen: Kinder können abseits des Essens Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. So können sie z.B. entscheiden, welche Hose sie anziehen oder welchen Weg sie beim Spaziergang gehen wollen. Dies reduziert den Druck beim Essen.
  • Entspannt bleiben: Gelassenheit ist ein wichtiger Verbündeter im Umgang mit wählerischem Essverhalten. Die meisten Kinder erweitern ihren Speiseplan, wenn sie älter werden. Solange sie sich gut entwickeln, sind sie meist ausreichend versorgt.

Fazit

Wählerisches Essverhalten ist bei Kindern ein normales und oft vorübergehendes Phänomen, das sich meistens ohne professionelle Hilfe löst. Durch Gelassenheit und die Anwendung einfacher Strategien wie das Einbeziehen der Kinder und das wiederholte Anbieten von Lebensmitteln können die Essenssituationen entspannter werden.



Literatur:

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