Nicht jede ärztliche Konsultation hat medizinische Ursachen. Stress, Einsamkeit oder finanzielle Sorgen schlagen sich oft körperlich nieder. Social Prescribing hilft dabei, Betroffene gezielt an soziale Unterstützungsangebote weiterzuvermitteln.
Psychosoziale Belastungen im medizinischen Alltag
Immer mehr Menschen suchen Hilfe im Gesundheitssystem – nicht wegen klar diagnostizierbarer Krankheiten, sondern wegen unsichtbarer Lasten. Psychische Belastungen, soziale Isolation oder strukturelle Probleme im Alltag. Studien zeigen, dass jede fünfte Arztkonsultation ohne unmittelbaren medizinischen Hintergrund erfolgt.
Die Symptome sind real: Schlafstörungen, Erschöpfung, Verspannungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden. Doch oft liegt die Ursache woanders – in psychosozialen Herausforderungen, die klassische medizinische Angebote nicht auffangen können.
Was Social Prescribing leisten kann
Hier setzt das Modell des Social Prescribing an. Diese „Sozialverschreibung“ ist ein Ansatz, bei dem Gesundheitsfachkräfte Personen nicht nur medizinisch behandeln, sondern sie gezielt zu passenden sozialen, gemeinschaftlichen oder lebensstilbezogenen Unterstützungsangeboten vermitteln. Dadurch werden soziale Belastungen wie Einsamkeit, Stress oder Trauer adressiert, die erheblichen Einfluss auf körperliche und psychische Gesundheit nehmen können. Ziel ist es, das Wohlbefinden ganzheitlich zu fördern und die medizinische Versorgung sinnvoll durch soziale Ressourcen zu ergänzen.
Seit 2021 fördert das Sozial- und Gesundheitsministerium entsprechende Pilotprojekte. Laut Auswertung der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) wurden bislang über 1.200 Personen beraten, 85% erfolgreich weitervermittelt. 93% der Befragten würden Social Prescribing weiterempfehlen, meint Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ). Besonders häufig betroffen sind Menschen mit instabiler Lebenssituation oder eingeschränktem sozialem Netzwerk.
Pilotprojekte mit Perspektive – aber auch Grenzen
Österreichweit nahmen an diesem Projekt zwischen 2023 und 2025 bisher 15 Einrichtungen aus sechs Bundesländern an den geförderten Projekten teil – darunter neben Primärversorgungszentren auch pädiatrische Praxen und eine Einrichtung für nicht versicherte Personen. 56% der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren nicht erwerbstätig, viele davon in Pension oder aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen. Die meisten Vermittlungen erfolgten an psychosoziale Beratungsstellen. Auch Rechts- und Sozialberatungsstellen, Bewegungsangebote oder berufliche Beratungen wurden erfolgreich vermittelt. Fachkräfte mit sogenannter „Link-Working-Funktion“ entwickelten gemeinsam mit Betroffenen einen Handlungsplan und begleiteten sie bei den ersten Schritten.
Modell mit Potenzial für die Zukunft
Korinna Schumann kündigte an, dass das Modell in eine neue Phase gehen soll: 4,8 Millionen Euro stehen als Förderbudget 2026–2028 zur Verfügung. Zudem arbeitet die GÖG an einem österreichweit einheitlichen Modell zur breiten Umsetzung.
Eine Brücke zur Lebensrealität
Social Prescribing baut eine Brücke – zwischen medizinischer Versorgung und der sozialen Realität vieler Patientinnen und Patienten. Offiziell sind Social-Prescribing-Programme vorrangig in Primärversorgungseinheiten und ärztlichen Einrichtungen angesiedelt. Apotheken könnten dabei eine zentrale niederschwellige Verbindungsrolle übernehmen. Als erste Ansprechstelle, als Wegweiser, als stabiler Ort im Alltag und Türöffner zu anderen Fachberatungen.
Gleichzeitig bleiben Fragen der Kapazität offen: Psychosoziale Einrichtungen sind vielerorts bereits an der Belastungsgrenze. Auch der Zugang zu spezifischen Angeboten ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Zwar wird das Projekt momentan finanziell gefördert, eine Langzeitperspektive ist dies dennoch nicht.
Damit Social Prescribing sein volles Potenzial entfalten kann, braucht es nicht nur Fördermittel, sondern auch tragfähige Strukturen und verlässliche Netzwerke – zwischen Medizin, Sozialbereich und wohnortnahen Anlaufstellen. Denn Gesundheit endet nicht an der Ordinationstür. Sie beginnt dort, wo Menschen Unterstützung im Alltag erfahren.




