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Psychische Hilfe für Jugendliche: „Gesund aus der Krise“

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Eine neue Evaluierung zeigt: Das Projekt „Gesund aus der Krise“ verbessert die psychische Gesundheit junger Menschen messbar. Doch Jugendvertreter und Politiker fordern eine dauerhafte Absicherung und den flächendeckenden Ausbau psychischer Versorgung.

Psychische Gesundheit junger Menschen unter Druck

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Österreich hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Neben klassischen Jugendthemen belasten Krisen wie Krieg, Klimawandel, Armut und soziale Unsicherheit zunehmend auch junge Menschen. Das Projekt Gesund aus der Krise reagiert mit einem niederschwelligen Angebot: Psychologische und psychotherapeutische Hilfe wird kostenlos, rasch und wohnortnah vermittelt.

Eine aktuelle Evaluierung durch das Institut für Psychologie der Universität Innsbruck belegt nun die Wirksamkeit des Projekts. Mehr als 50.000 junge Menschen bis 21 Jahren konnten seit 2022 erreicht werden. Fast die Hälfte von ihnen erhielt eine Behandlung, die ohne das Programm aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen wäre.

Daten zeigen: Behandlung wirkt nachhaltig

Die wissenschaftliche Analyse basiert auf standardisierten Fragebögen, Interviews sowie Fokusgruppen mit rund 11.000 Klientinnen und Klienten, Bezugspersonen und Behandlerinnen und Behandlern. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 93% der Jugendlichen fühlen sich nach der Behandlung besser.
  • Psychische und physische Beschwerden gingen signifikant zurück.
  • 86% der Bezugspersonen fühlen sich besser in der Lage, mit Schwierigkeiten umzugehen.
  • Zwei Drittel der Behandlerinnen und Behandler berichten von guten bis sehr guten Fortschritten nach zehn Einheiten.
  • Im Schnitt wurden elf Einheiten pro Person in Anspruch genommen.

Auch strukturell zeigt das Projekt Wirkung: Die Behandlungen finden in 28 Sprachen statt, rund 35% der Teilnehmenden haben einen Migrationshintergrund. Der Anteil an Buben stieg von 29% (2022) auf aktuell 41%.

Belastungen sind vielfältig – Social Media als Verstärker

Die psychischen Herausforderungen reichen von affektiven Störungen über Angst und Erschöpfung bis hin zu psychosomatischen Symptomen. Laut Projektleitung ist auch der Einfluss sozialer Medien nicht zu unterschätzen: Gewaltbilder, ständige Vergleichbarkeit und digitale Reizüberflutung verstärken Unsicherheiten und erzeugen permanenten psychischen Druck.

Rund um Weihnachten zeigen sich diese Belastungen besonders deutlich. Familiäre Spannungen, finanzielle Sorgen und das gesellschaftliche Ideal der „glücklichen Familie“ können zu akuten Krisen führen. Das Projekt hilft, bevor Probleme eskalieren.

Bundes Jugend Vertretung: Struktur statt Projektlogik

Die Bundes Jugend Vertretung (BJV) begrüßt das Projekt grundsätzlich, kritisiert jedoch die fehlende strukturelle Absicherung. Vorsitzende Lejla Visnjic fordert eine flächendeckende, kassenfinanzierte Versorgung in der Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zusätzlich brauche es den raschen Ausbau von Schulpsychologie und Schulsozialarbeit.

© BJV

Viele junge Menschen suchen sich erst Hilfe, wenn es bereits akut ist. Wartezeiten zwischen Projektphasen sind problematisch. Psychische Unterstützung muss dauerhaft, niedrigschwellig und ortsnah verfügbar sein.

Lejla Visnjic
Vorsitzende der Bundes Jugend Vertretung

Die BJV fordert daher eine Schulpsychologin bzw. einen Schulpsychologen pro 1.000 Schülerinnen und Schüler und Schulsozialarbeit an jedem Schulstandort.

Politische Forderung: Regelfinanzierung über 2027 hinaus

Gesund aus der Krise ist derzeit bis Juni 2027 mit Mitteln des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGK) in Höhe von 35,15 Mio. Euro abgesichert. Grünen-Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner fordert eine dauerhafte Regelfinanzierung.

© Parlamentsdirektion ​Thomas Topf

Wir Grüne werden sehr genau darauf achten, dass sich die Regierung nicht auf dem bisherigen Erfolg ausruht. Es darf keine Versorgungs-Lücken mehr geben.

Ralph Schallmeiner
Gesundheitssprecher (Grüne)

Trotz gesicherter Finanzierung kam es 2024 vorübergehend zu langen Wartezeiten, da neue Termine nicht vergeben werden konnten.

Erfolgsprojekt mit Signalwirkung, aber ohne Struktur langfristig unzureichend

Gesund aus der Krise zeigt, wie rasch und wirksam psychische Unterstützung bei Kindern und Jugendlichen wirken kann. Doch für eine stabile Zukunft braucht es mehr als Projektfinanzierungen. Sowohl Fachverbände als auch politische Stimmen fordern: Psychische Gesundheit muss strukturell abgesichert werden – chancengerecht, dauerhaft und flächendeckend.

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