Viele pflegende Angehörige sehen Bedarf an psychologischer Unterstützung, nehmen entsprechende Angebote aber deutlich seltener in Anspruch. Das zeigt ein systematischer Review von 29 Studien. Die Autorinnen und Autoren sprechen sich für eine bessere Erfassung des Unterstützungsbedarfs aus.
Wer einen Angehörigen mit einer chronischen körperlichen Erkrankung betreut, stellt die eigenen Bedürfnisse häufig hintan. Das kann auch die psychische Gesundheit betreffen. Ein neuer systematischer Review im Fachjournal „Psychology & Health“ zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen dem wahrgenommenen Bedarf an psychologischer Unterstützung und ihrer tatsächlichen Inanspruchnahme.
Das Forschungsteam um Erstautorin Hannah Isaac von der Universität Sydney wertete dafür 29 Studien aus. Untersucht wurden Arbeiten, die zwischen 2005 und 2025 veröffentlicht worden waren. Insgesamt umfassten die einbezogenen Studien über 81.000 pflegende Angehörige von Menschen mit chronischen körperlichen Erkrankungen.
Bedarf und tatsächliche Nutzung klaffen auseinander
Viele der untersuchten pflegenden Angehörigen sahen einen Bedarf an psychologischer Unterstützung. Tatsächlich nahmen jedoch vergleichsweise wenige entsprechende Angebote in Anspruch. Der Wunsch nach psychologischer Unterstützung wurde zudem häufig als weniger wichtig eingestuft als praktische Hilfen und Angebote, die unmittelbar auf die betreute Person ausgerichtet waren.
Nach den in der Auswertung erfassten Studien wünschte sich etwa ein Drittel der pflegenden Angehörigen Beratung, weniger als ein Sechstel hatte diese jedoch tatsächlich genutzt. Bei staatlichen Angeboten wie einer nationalen Telefonhotline oder krankheitsspezifischen Informationen zeigten 40 Prozent Interesse, während lediglich 10 Prozent solche Angebote bereits genutzt hatten.
Unterstützung wurde unter anderem beim Umgang mit Verlust, Ungewissheit und Schuldgefühlen gewünscht. Auch der Erhalt sozialer Kontakte, die Anpassung eigener Interessen und Ziele an die Betreuungssituation sowie Veränderungen sexueller Beziehungen spielten eine Rolle.
Aktives Angebot könnte Zugang erleichtern
Jüngere Frauen mit höherem Bildungsgrad zeigten häufiger Interesse an Unterstützung und nahmen diese auch häufiger in Anspruch. Wurde Unterstützung aktiv angeboten, äußerten pflegende Angehörige zudem häufiger die Absicht, diese zu nutzen.
Eigene Bedürfnisse treten in den Hintergrund
Ein Problem kann nach Angaben von Erstautorin Hannah Isaac sein, dass sich Betroffene selbst gar nicht als pflegende Angehörige wahrnehmen. Betreuung umfasse nicht nur eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung, sondern beispielsweise auch die Begleitung zu Terminen, Unterstützung bei Behandlungen, zusätzliche Hausarbeit oder emotionale Unterstützung.
Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass der Zugang zu psychologischer Unterstützung erleichtert werden sollte. Screening- und Überweisungsangebote könnten helfen, Bedürfnisse zu erkennen und Betroffene mit passenden Angeboten in Kontakt zu bringen. Nach Einschätzung des Forschungsteams könnten jedoch zusätzliche Maßnahmen erforderlich sein, um die tatsächliche Inanspruchnahme zu erhöhen.




