Start Apotheke Nur eine Zecke? – FSME & Borreliose

Nur eine Zecke? – FSME & Borreliose

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Mit dem Beginn der warmen Jahreszeit und der damit einhergehenden Aktivitätszunahme der Zecken steigt das Risiko für zoonotische Infektionen. In der pharmazeutischen Beratungspraxis besteht die Notwendigkeit, Zeckenstiche und deren Folgen differenziert zu bewerten, da diese häufig unterschätzt werden.

Zecken gehören zu den wichtigsten Überträgern von Infektionskrankheiten in Mitteleuropa und stellen insbesondere in den warmen Monaten ein relevantes Gesundheitsrisiko dar. Die in Europa am häufigsten vorkommende Zeckenart ist der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus). Er lebt bevorzugt in feuchten, schattigen Gebieten wie Wäldern, Waldrändern, hohem Gras oder dichtem Unterholz. Zecken sind keine Insekten, sondern Spinnentiere und durchlaufen in ihrem Lebenszyklus drei Entwicklungsstadien, nämlich Larve, Nymphe und adulte Zecke, wobei sie in jeder Phase eine Blutmahlzeit benötigen. Die Aktivität der Zecken ist stark temperaturabhängig und reicht in der Regel von Frühjahr bis Herbst, wobei sie bereits ab einer Umgebungstemperatur von etwa 7 °C aktiv werden. Aufgrund milder Witterungsverhältnisse kann das Risiko mittlerweile jedoch fast ganzjährig bestehen.

Mögliche Erkrankungen

Von besonderer medizinischer Bedeutung sind zwei durch Zecken übertragene Erkrankungen: die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und die Lyme-Borreliose. Beide unterscheiden sich grundlegend hinsichtlich ihrer Erreger, ihres Verlaufs sowie ihrer Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten.

FSME wird durch ein Virus aus der Gruppe der Flaviviren verursacht. Die Übertragung erfolgt unmittelbar beim Stich, da sich das Virus bereits in den Speicheldrüsen der Zecke befindet. Nach einer Inkubationszeit von etwa ein bis zwei Wochen kommt es bei einem Teil der infizierten Personen zunächst zu unspezifischen, grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. In einem zweiten Krankheitsabschnitt kann es zu einer Beteiligung des zentralen Nervensystems kommen, die sich in Form einer Hirnhautentzündung (Meningitis), einer Gehirnentzündung (Enzephalitis) oder einer Rückenmarksentzündung (Myelitis) äußert. Diese Verläufe können mit schweren neurologischen Ausfällen einhergehen und in seltenen Fällen tödlich enden. Eine kausale antivirale Therapie steht nicht zur Verfügung, sodass die Behandlung rein symptomatisch erfolgt.

Im Gegensatz dazu wird die Lyme-Borreliose durch Bakterien der Gattung Borrelia burgdorferi verursacht. Die Übertragung erfolgt in der Regel verzögert, meist erst mehrere Stunden nach Beginn des Saugaktes, da sich die Erreger im Darm der Zecke befinden und erst nach einigen Stunden der Blutmahlzeit in die Speicheldrüse gelangen und so auf den Menschen übertragen werden. Ein signifikantes Infektionsrisiko besteht meist erst nach einer Saugdauer von etwa zwölf bis 24 Stunden. Dies eröffnet ein wichtiges Zeitfenster zur Prävention durch frühzeitiges Entfernen der Zecke. Die Borreliose verläuft typischerweise in mehreren Stadien. Im Frühstadium zeigt sich häufig die sogenannte Wanderröte (Erythema migrans), eine sich ringförmig ausbreitende Hautrötung um die Einstichstelle, die als Leitsymptom gilt. Wichtig zu wissen ist jedoch, dass diese klinische Hauterscheinung in etwa 20 bis 30 Prozent der Fälle fehlen kann. Begleitend können unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Fieber oder Muskelschmerzen auftreten. Unbehandelt kann sich die Infektion im Körper ausbreiten und zu neurologischen Manifestationen (Neuroborreliose), Herzbeteiligungen oder Gelenkentzündungen führen. Im Spätstadium sind chronische Verläufe mit wiederkehrenden Arthritis-Episoden oder Hautveränderungen möglich. Im Gegensatz zur FSME ist die Borreliose gut antibiotisch behandelbar, insbesondere bei frühzeitiger Diagnose. Eine Schutzimpfung steht derzeit jedoch noch nicht zur Verfügung.

Richtiges Handeln nach dem Stich

Nach einem Zeckenstich ist ein rasches und sachgerechtes Vorgehen entscheidend. Die Zecke sollte möglichst schnell entfernt werden, indem sie mit einem geeigneten Hilfsmittel wie einer Zeckenzange, Zeckenkarte oder einem Zeckenhaken hautnah gefasst und gerade herausgezogen wird. Von Drehbewegungen wird abgeraten, da diese die Zecke mechanisch reizen können und Zecken zudem kein Gewinde an ihrem Stechapparat besitzen. Durch diesen Stress kann es dazu kommen, dass die Zecke vermehrt Speichel oder Darminhalt in die Stichstelle abgibt und damit das Risiko einer Erregerübertragung erhöhen kann. Sollte der Stecher (oft fälschlich als Kopf bezeichnet) in der Haut verbleiben, ist dies meist unbedenklich. Er wird wie ein kleiner Fremdkörper mit der Zeit vom Körper selbst abgestoßen.

Die Anwendung von Hausmitteln wie Öl, Nagellack oder Klebstoff ist ebenfalls zu vermeiden, da diese die Zecke zusätzlich stressen und ebenfalls eine vermehrte Abgabe von Krankheitserregern begünstigen können. Nach der Entfernung empfiehlt sich eine gründliche Desinfektion der Einstichstelle, beispielsweise mit alkoholischen Lösungen oder Povidon-Jod. Anschließend sollte die betroffene Hautstelle über einen Zeitraum von mehreren Wochen beobachtet werden, um mögliche Veränderungen wie Rötungen oder Schwellungen frühzeitig zu erkennen.

Prophylaxe: Vorsorge ist besser als Nachsorge

Zecken lassen sich nicht von Bäumen fallen und springen oder fliegen auch nicht, sondern werden beim Vorbeigehen aus der Umgebung abgestreift, weshalb lange, geschlossene Kleidung einen wirksamen Schutz vor Zeckenstichen darstellt. Zusätzlich schützen Repellenzien mit Wirkstoffen wie Icaridin oder DEET, wenn sie gleichmäßig auf alle exponierten Hautstellen aufgetragen werden. Der Schutz wirkt nur wenige Stunden und muss bei längeren Aufenthalten im Freien erneuert werden.

Ein besonders wirksamer Schutz vor der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist die aktive Immunisierung. Die FSME-Schutzimpfung wird im österreichischen Impfplan empfohlen und kann einen schweren Krankheitsverlauf zuverlässig verhindern. Sie ergänzt allgemeine Schutzmaßnahmen und stellt die einzige spezifische Präventionsmaßnahme gegen diese Virusinfektion dar. Nach der Grundimmunisierung sind Auffrischungsimpfungen erforderlich: in der Regel drei Jahre nach der Grundimmunisierung, danach alle fünf Jahre bei Erwachsenen, um einen dauerhaften Schutz aufrechtzuerhalten. Ab dem 60. Lebensjahr wird aufgrund der nachlassenden Immunantwort meist wieder ein verkürztes Intervall von drei Jahren empfohlen.

Nach Aufenthalten im Grünen ist zudem die gründliche Kontrolle des gesamten Körpers unerlässlich, da Zecken bevorzugt warme, gut durchblutete und dünnhäutige Körperbereiche aufsuchen. Dazu gehören Kniekehlen, Leistenregion, Achselhöhlen, Nacken und hinter den Ohren. Eine systematische Untersuchung dieser Stellen hilft, Zecken frühzeitig zu entdecken und zu entfernen, bevor sie Krankheitserreger übertragen können.   

Quellen:
https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Impfen/Impfplan-Oesterreich.html (Zugriff 9.4.42026)
Rauer S., Kastenbauer S. et al., Neuroborreliose, S3-Leitlinie, 2024; in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (Zugriff 9.4.2026)
https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/F/FSME/fsme-node.html (Zugriff 9.4.2026)
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