Eine aktuelle US-Analyse deutet darauf hin, dass Beschäftigte mit Homeoffice-Möglichkeit häufiger unter psychischer Belastung leiden als Personen, die ausschließlich vor Ort arbeiten. Fachleute sehen zwar Hinweise auf einen Zusammenhang, warnen jedoch vor vorschnellen Schlüssen über Ursache und Wirkung.
Homeoffice hat sich seit der COVID-19-Pandemie in vielen Branchen etabliert. Während flexible Arbeitsmodelle von vielen Beschäftigten geschätzt werden, rückt nun eine mögliche Schattenseite stärker in den Fokus. Eine im Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen mit der Möglichkeit zur Arbeit zu Hause häufiger Anzeichen psychischer Belastung zeigen als Personen in Berufen ohne Homeoffice-Option.
Mehr Zeit allein, höhere psychische Belastung
Für die Studie analysierten Wissenschafterinnen und Wissenschafter Daten von mehr als 500.000 Personen in den USA. Verglichen wurden Zeiträume vor der Pandemie (2011 bis 2020) mit den Jahren während und danach (2021 bis 2024). Dabei standen Berufsgruppen im Mittelpunkt, in denen Homeoffice grundsätzlich möglich ist, sowie Tätigkeiten, die eine physische Anwesenheit erfordern.
Den Forschenden zufolge nahm bei Beschäftigten mit Homeoffice-Möglichkeit die Zahl der allein verbrachten Stunden und Tage stärker zu als bei anderen Arbeitnehmern. Parallel dazu stieg auch die gemessene psychische Belastung in dieser Gruppe deutlicher an. Zudem erhöhte sich die Verordnung von Antidepressiva bei Personen mit Homeoffice-Option stärker als bei Beschäftigten ohne diese Möglichkeit.
Familie könnte Schutzfaktor sein
Die Analyse deutet jedoch auch darauf hin, dass das Zusammenleben mit Familienangehörigen einen schützenden Effekt haben könnte. Personen, die mit anderen Menschen im Haushalt leben, verbrachten weniger Zeit allein. Nach Einschätzung der Studienautoren könnte dies dazu beitragen, negative Auswirkungen sozialer Isolation abzumildern.
Zusammenhang ja, Ursache unklar
Die Autoren der Studie sehen in ihren Ergebnissen Hinweise darauf, dass die Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice Risiken für die psychische Gesundheit mit sich bringen könnte. Gleichzeitig betonen Fachleute, dass die Daten keinen eindeutigen Nachweis für einen ursächlichen Zusammenhang liefern.
Prof. Dr. Laura Venz von der Leuphana Universität Lüneburg bezeichnete die methodische Herangehensweise gegenüber dem Science Media Center grundsätzlich als geeignet. Allerdings verweist sie auf weitere Einflussfaktoren, die in der Analyse nicht ausreichend berücksichtigt worden seien. Dazu zählen unter anderem längere Arbeitszeiten im Homeoffice oder die Tendenz, auch während einer Erkrankung weiterzuarbeiten. Diese Aspekte könnten ebenfalls zur psychischen Belastung beitragen.
Debatte über die Zukunft der Arbeitswelt
Aus Sicht von Venz wäre es problematisch, die Ergebnisse ausschließlich als Argument gegen Homeoffice zu interpretieren. Eine einseitige Darstellung der möglichen Risiken könne restriktive Rückkehrmodelle in die Büros fördern, obwohl flexible Arbeitsformen für viele Beschäftigte Vorteile bieten.
Die Studie liefert damit neue Hinweise auf mögliche Herausforderungen der modernen Arbeitswelt. Ob Homeoffice selbst die psychischen Belastungen verursacht oder ob andere Faktoren eine wesentliche Rolle spielen, bleibt jedoch Gegenstand weiterer Forschung.




