Migräne ist mehr als starker Kopfschmerz. Dennoch halten sich zahlreiche Mythen über Ursachen, Auslöser und Behandlung der neurologischen Erkrankung. Anlässlich des Weltkopfschmerztages am 5. September und des Europäischen Migränetages am 12. September ordnet der Wiener Neurologe und Migränespezialist Dr. Mohammad Baghaei zehn verbreitete Annahmen ein.
Rund 13 Prozent der Bevölkerung weltweit leiden an Migräne, in Österreich seien rund eine Million Menschen betroffen. Neben den körperlichen Beschwerden können Vorurteile und falsche Vorstellungen über die Erkrankung eine zusätzliche Belastung darstellen.
Dr. Mohammad Baghaei, Neurologe und Migränespezialist in Wien, warnt insbesondere vor vermeintlich einfachen Erklärungen und Behandlungstipps. „Migräne ist eine eigenständige, ernstzunehmende neurologische Erkrankung und kein Symptom für einen falschen Lebensstil“, betont Baghaei.
Gut gemeinte Ratschläge aus dem persönlichen Umfeld könnten die Erkrankung verharmlosen und die Betroffenen zusätzlich belasten. Auch auf Social Media kursieren laut Baghaei zahlreiche vermeintliche „Migräne-Tipps“. Dazu zählen etwa Kaffee mit Zitronensaft, Wasser mit Salz, Darmreinigungskuren, extrem heiße Fußbäder oder das Befestigen von Haarklammern an den Augenbrauen.
„Im besten Fall helfen sie nicht, im schlimmsten Fall schaden sie“, kommentiert Baghaei solche Ratschläge. Als besonders belastend bezeichnet er Schuldzuweisungen und Unterstellungen, wonach Migräne etwa ein „eingebildetes Frauenleiden“, rein psychisch bedingt oder lediglich eine Ausrede sei.
Zehn Migräne-Mythen im Faktencheck
Von Stress und Schokolade bis zu Bewegung und Wetterwechsel: Baghaei nimmt zehn verbreitete Mythen unter die Lupe und stellt ihnen die medizinische Einordnung gegenüber.
1. „Du hast einfach nur zu viel Stress.“
Stress kann laut Baghaei eine Migräne-Attacke auslösen, ist aber nicht deren Ursache. Migräne sei eine genetisch bedingte Reizverarbeitungsstörung.
2. „Migräne ist eigentlich nur ein stärkerer Kopfschmerz.“
Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung. Typisch sind anfallsartige, meist einseitige, pochende oder pulsierende Kopfschmerzen. Dazu können Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit kommen. Eine Attacke kann wenige Stunden bis zu drei Tage dauern.
3. „Migräne ist eine reine Frauenkrankheit.“
Auch Männer sind betroffen. Etwa 18 Prozent der Männer leiden an Migräne. Baghaei verweist unter anderem auf den Einfluss von Hormonen auf das Migränegeschehen.
4. „Frische Luft und Bewegung helfen bei einer Attacke.“
Bewegung und körperliche Anstrengung können den Migräneschmerz verstärken. Während einer Attacke benötigen Betroffene häufig Ruhe und einen abgedunkelten Raum.
5. „Schokolade löst Migräne aus.“
Das sei nicht erwiesen. Heißhunger auf Schokolade könne vielmehr bereits Teil der Prodromalphase und damit ein frühes Anzeichen einer bevorstehenden Attacke sein.
6. „Wetterwechsel sind schuld“.
Luftdruckveränderungen und Wetterwechsel können bei manchen Betroffenen Attacken begünstigen, seien aber nicht die alleinige Ursache. Zudem stehen Möglichkeiten zur Migräne-Prophylaxe zur Verfügung.
7. „Das ist doch alles nur psychisch bedingt.“
Stress und psychische Belastungen können Trigger sein. Migräne selbst sei jedoch keine psychische, sondern eine neurologische Erkrankung.
8. „Migräne ist nur eine Ausrede.“
Auch diese Vorstellung weist Baghaei zurück. Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Migräne in vielen Fällen besonders perfektionistisch, gut strukturiert und zuverlässig sind. Die Annahme, Migräne werde vorgetäuscht, um Pflichten oder schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen, treffe daher nicht zu.
9. „Gegen Migräne kann man nichts tun.“
Für die Akuttherapie und die Prophylaxe stehen medikamentöse Therapien zur Verfügung. Bei der Prophylaxe nennt Dr. Baghaei unter anderem CGRP-Antikörper.
10. „Migräne ist gleich Migräne.“
Symptome, Trigger und Muster der Attacken können individuell unterschiedlich sein und sich im Laufe des Lebens verändern. Dabei können auch hormonelle Einflüsse eine Rolle spielen.
Empathie statt gut gemeinter Ratschläge
Baghaei plädiert dafür, die Einschränkungen von Menschen mit Migräne ernst zu nehmen. Gut gemeinte Ratschläge oder vermeintlich einfache Lösungen könnten zusätzlichen Druck erzeugen und der Komplexität der Erkrankung nicht gerecht werden. Entscheidend seien vielmehr Akzeptanz und Verständnis für die Betroffenen. Bei Symptomen, die auf Migräne hindeuten, rät der Neurologe zu einer fachärztlichen Abklärung, um eine gesicherte Diagnose und eine geeignete Therapie zu ermöglichen.




