Der Arzneimittel-Großhandel leidet bereits unter den hohen Dieselpreisen und sucht Einsparpotenziale – mit möglichen Folgen für die Apotheken. Wenn der Konflikt noch länger andauert, könnten auch die Strompreise ab Herbst deutlich steigen. Zeit, sich über den Stromverbrauch im eigenen Unternehmen Gedanken zu machen.
Der kriegerische Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat die Energiepreise weltweit in die Höhe schnellen lassen. Wegen der Blockade der Seestraße von Hormus und dem dadurch entstandenen Schiffsstau betrifft das bisher vor allem die Versorgung mit Öl und Gas. Die Strompreise in Österreich haben bisher kaum darauf reagiert. Das kann sich aber ändern, wenn die Auseinandersetzung noch länger anhält. Und generell besteht die Sorge, dass selbst nach einer Beilegung der akuten Krise das vorherige Preisniveau nicht mehr erreicht werden könnte.
Hohe Energiepreise treffen über kurz oder lang das gesamte Wirtschaftssystem – Unternehmen ebenso wie Privatpersonen. Apotheken haben durch Beleuchtung, IT, Kühlung usw. zwar einen nennenswerten Verbrauch an Strom, sind dadurch aber von der aktuellen Öl- und Gas-Krise noch nicht direkt betroffen. Es sei denn, sie liefern selbst Medikamente aus. Indirekt könnte aber durchaus Druck auf sie entstehen, weil der transportintensive Großhandel als enger Apotheken-Partner schon jetzt spürbar unter der Situation leidet.

165.000 Euro pro Monat zusätzlich für Diesel
„Die Energiepreise treffen unsere Mitglieder hart“, bestätigt Monika Vögele, Generalsekretärin des Verbands der österreichischen Arzneimittel-Vollgroßhändler (PHAGO), im PharmaTime-Interview. „Sie beliefern 1.450 Apotheken mehrmals täglich und legen dabei tausende Kilometer zurück. Seit Ausbruch des Iran-Konflikts fallen pro Monat zusätzlich rund 165.000 Euro allein für Diesel an.“ Nach dem Personal seien energieabhängige Kosten mit 30 Prozent des sonstigen Aufwands der zweitwichtigste Kostenfaktor in der Branche.
Laut Vögele haben sich alle PHAGO-Mitglieder Einsparungsziele gesetzt, etwa den Ausbau von Photovoltaik-Anlagen auf den insgesamt 23 Standorten. Alle zentralen Betriebsstätten der fünf Arzneimittel-Vollgroßhändler sind bereits mit großen Anlagen ausgestattet. Für die Standorte in den Bundesländern sind entsprechende Investitionen vorgesehen. Weitere Vorhaben sind die thermische Sanierung der Firmengebäude, die Umstellung auf ausschließlich digitale Lieferscheine ab Herbst, die pro Monat sechs Tonnen Papier einsparen soll, und die maximale Elektrifizierung der Wagenflotte. „Bei jeder Anschaffung wird die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von E-Fahrzeugen geprüft, Reichweitenprobleme und Ladezeiten hemmen aber die Umstellung“, sagt Vögele. Vor allem bei ländlichen, abseitig gelegenen Apotheken seien E-Autos problematisch, weil die notwendigen Kühlaggregate an Bord die Batterie belasten.
Einsparungen im Zustellprozess?
Eine weitere wesentliche, aber in der Umsetzung heikle Einsparungsmöglichkeit wäre die Optimierung des Zustellprozesses, um die Zahl der zurückgelegten Kilometer zu verringern. Eine geringere Lieferfrequenz oder die Änderung von einem fixen Zeitpunkt zu einem Lieferzeitraum – etwa 13 bis 16 Uhr statt pünktlich um 12 Uhr – würde es erleichtern, gut ausgelastete Fahrzeuge auf optimierte Routen zu schicken. Das hätte aber direkte Auswirkungen auf die Apotheken.

Ob und zu welchen Änderungen im Zustellprozess es möglicherweise kommt, muss und wird letztlich der Markt entscheiden.
Dr. Monika Vögele
Generalsekretärin des Verbands der österreichischen Arzneimittel-Vollgroßhändler (PHAGO)
Vögele stellt unmissverständlich klar: „Wie unsere Mitglieder mit diesem sensiblen Thema umgehen, geht uns als Verband nichts an. Zwischen ihnen herrscht ein starker Wettbewerb um jede einzelne Apotheke. Ob und zu welchen Änderungen im Zustellprozess es möglicherweise kommt, muss und wird letztlich der Markt entscheiden.“ Jede Form der Absprache wäre ein Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht.
„Der Großhandel allein trägt sich nicht“
Die steigenden Energiepreise sorgen für zusätzlichen Druck in einer wirtschaftlich ohnehin angespannten Situation: „Der Großhandel allein trägt sich nicht“, zieht Vögele ein ernüchterndes Resümee. „Er muss durch andere Bereiche quersubventioniert werden.“ Der Grund: „Die Spannenverordnung ist seit 2004 unverändert. Damals wurde festgelegt, dass Hochpreiser ab 339,15 Euro beginnen. Die Marge von 23,74 Euro für den Großhandel wurde nie angepasst, obwohl teure Arzneimittel heute im vier- oder fünfstelligen Bereich angesiedelt sind. Das rechnet sich einfach nicht.“ Dazu komme die Flut an billigen Generika, rund 100 Mio. Packungen, die weniger als einen Euro Marge bringen.
Der von Seiten der Regierung als Ausgleich gedachte Infrastruktursicherungsbeitrag für den Großhandel auf alle Packungen unter der Rezeptgebühr wurde von anfangs 28 auf 13 Cent gekürzt. „Das sichert höchstens das Überleben, nicht aber den teuren Ausbau der Infrastruktur“, sagt Vögele.

Strompreise könnten ab Herbst anziehen
Dass der Strom in der aktuellen Krise noch nicht viel teurer geworden ist, begründet Harald Oberhofer, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und Senior Economist am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo, gegenüber PharmaTime mit dem Zeitpunkt der Eskalation. Der Ukraine-Krieg sei im Februar 2022, mitten in der energieintensivsten Zeit, ausgebrochen, der Iran-Konflikt später in der Saison. „Wir haben in Österreich einen relativ starken erneuerbaren Anteil, der im Sommer im Regelfall leicht ausreicht, wenn wir Sonne und Wind haben. Gekoppelt mit der Wasserkraft hält das die Strompreise niedrig.“ Sollte sich die Krise allerdings in den Herbst oder Winter hineinziehen, wo der Gasbedarf für die Stromerzeugung steigt, „könnten wir deutlich höhere Strompreise sehen“, warnt Oberhofer. Im Einzelfall hänge es vom jeweiligen Vertrag ab: „Wenn man einen auf zwei Jahre gebundenen Stromtarif hat, kann es sein, dass man ungeschoren davonkommt.“ Ein Blick auf die Garantiepreis-Verträge lohnt sich also.

Wenn man einen auf zwei Jahre gebundenen Stromtarif hat, kann es sein, dass man ungeschoren davonkommt.
Univ.-Prof. Mag. Dr. Harald Oberhofer
Professor für Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien und
Senior Economist am Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO
Erhöhung der Fixkosten ist problematisch
„Die Energiekosten spielen bei Apotheken im Verhältnis zu den anderen Fixkosten eine eher geringe Rolle“, erklärt Andreas Sobotka, Partner und Geschäftsführer der LBG Steuerberatung Österreich mit Schwerpunkt „Betriebswirtschaftliche und steuerliche Beratung von Apotheken“, gegenüber PharmaTime. „Durch die zunehmende Automatisierung und höhere Kosten für die Klimatisierung der Apotheke nimmt die Bedeutung der Energiekosten aber zu.“ Nach seiner Erfahrung hat die typische Apotheke einen jährlichen Stromverbrauch von 15.000 bis 20.000kWh, abhängig von der Größe und dem Automatisierungsgrad, etwa durch Lagerautomat, Klimaanlage, 24h-Automat usw.
„Problematisch sind für Apotheken infolge der hohen Inflationsraten der vergangenen Jahre die im Verhältnis zur Steigerung des Deckungsbeitrages proportional starke Erhöhung der Fixkosten. Das betrifft natürlich auch die Erhöhung der Energiekosten“, stellt Sobotka fest. Alternative Energieformen zum möglichen Stromsparen „spielen in Apotheken eine untergeordnete Rolle und sind meist nur in Verbindung mit einem Wechsel des Energieanbieters zu erzielen.“ Andere Fixkosten, insbesondere die Mieten, seien für Apotheken aber ein deutlich höherer Kostenbestandteil.
Energieberater empfiehlt Schnell-Check
Apothekerinnen und Apotheker, die sich auf mögliche Preissteigerungen bei Strom vorbereiten oder aus rein wirtschaftlichen Überlegungen Einsparpotenziale heben wollen, sollten die Prozesse im eigenen Unternehmen analysieren. Stefan Dirnberger, Geschäftsführer des Ingenieurbüros RUG und Spezialist für Beratungen zum Thema Energieeffizienz, empfiehlt ihnen einen Schnell-Check.

Nehmen Sie die Jahresstromrechnung zur Hand und dividieren Sie die Zahl der Kilowattstunden durch die Betriebsfläche. Kommt ein durchschnittlicher Verbrauch von mehr als 120 bis 150kWh pro m2 heraus, ist das ein Anzeichen für Handlungsbedarf.
DI Stefan Dirnberger
Geschäftsführer des Ingenieurbüros RUG und
Spezialist für Beratungen zu Energieeffizienz
Im Gespräch mit PharmaTime geht der Energieberater, der auch Apotheken zu seinem Kundenkreis zählt, die typischen Verbrauchsquellen durch: „Die Beleuchtung ist für rund 60 Prozent der Stromkosten verantwortlich. Hier lassen sich am schnellsten Einsparungen erzielen. Werden etwa die Schaufenster am Abend kürzer beleuchtet, ist das eine sehr effektive Gratis-Maßnahme“, sagt Dirnberger. Ein geringer Aufwand sei auch der Einbau von Bewegungsmeldern in Nebenräumen, die nach einer vordefinierten Zeit automatisch das Licht abschalten, oder von Dämmerungsschaltern, die in den Schaufenstern und im Außenbereich erst das Licht einschalten, wenn der eingestellte Helligkeitswert unterschritten wird.

Umstellung auf LED rechnet sich schnell
Die Umstellung der gesamten Beleuchtung auf LED ist für den Energieberater die wichtigste Einsparungsmöglichkeit. „Das ist zwar eine höhere Investition, rechnet sich aber meist schon innerhalb eines Jahres.“ Moderne LED-Leuchtmittel bringen gegenüber Leuchtstoffröhren eine Stromersparnis von 50 bis 70 Prozent, sie kennen weder Einschaltverzögerung noch Flimmern und können das Licht zielgerichtet abgeben. Die an der Decke montierten LED-Leuchten sorgen für die notwendige Grundbeleuchtung. Damit die gewünschte Fläche gleichmäßig und ausreichend hell ausgeleuchtet wird, sollten sowohl die Anzahl der Leuchten als auch deren Abstrahlwinkel passend ausgeführt sein. Zusätzliche Lichtquellen können außerdem gezielt eingesetzt werden, um bestimmte Produkte oder Bereiche besonders hervorzuheben. So ersetzen LED-Leuchten zunehmend die aufwändigere Regalbeleuchtung. Immerhin spielt es eine wichtige Rolle, medizinische Waren in ein ansprechendes Licht zu rücken. Steht ein Umbau an, empfiehlt Dirnberger, einen spezialisierten Lichtdesigner zu Rate zu ziehen. „Gute Lichtkonzepte verbinden eine freundliche, effektvolle Ausleuchtung mit wesentlich niedrigeren Betriebskosten.“
Computerkassen an der Tara, PCs im Backoffice, Server, Laborgeräte, Lagerautomaten usw. sorgen ebenfalls für einen beträchtlichen Stromverbrauch. Dieser lässt sich durch energieeffiziente Geräte, aber etwa auch durch eine vernünftige Einstellung des „Schlafmodus“ an gerade ungenutzten Bildschirmen eindämmen. „Das ist eine scheinbar einfache Maßnahme, in Summe sorgt sie aber für merkbare Einsparungen“, sagt Dirnberger. Auch bei den Kühlgeräten, die man für bestimmte Medikamente benötigt, zahle es sich aus, auf eine angemessene Dimensionierung und eine gute Energieeffizienzklasse zu achten. „Kühlgeräte, die älter als zehn Jahre sind, sollte man unbedingt tauschen. Die Dichtungen lassen nach, die Effizienz sinkt deutlich.“
Beschattung hilft der Klimaanlage
Wie stark der Einsatz einer Klimaanlage zu Buche schlägt, hängt von vielen Faktoren ab: Wie hoch sind die Räume? Gibt es große Schaufensterflächen? Sind sie nach Süden ausgerichtet? Wie hoch ist der Wärmeeintrag? Der RUG-Experte nennt verschiedene Möglichkeiten, der Klimaanlage die Arbeit zu erleichtern: Mehrfachverglasungen; einen rund zwei Meter tiefen Vorbau über den Schaufenstern, so bautechnisch und rechtlich möglich; als Alternative dazu die Aufbringung von Spezialfolien auf die Scheiben oder Raffstores, die Wärme abhalten, aber Licht einlassen.
Da Apotheken eine hohe Kundenfrequenz aufweisen, sind die Eingangstüren ein zentrales Element: „Durch sie kommt im Sommer mit jedem Kunden die Hitze herein und im Winter die Kälte“, erklärt Dirnberger. Optimal sei eine Schleuse mit zwei automatischen Schiebetüren, die wie ein Windfang wirken. Alternativ dazu gibt es Torluftschleier, die – so Dirnberger – aber nicht von oben, sondern von beiden Seiten eingesetzt werden sollten: „Das erfordert viel weniger Leistung.“
Wie man bei der Heizung sparen kann
Auch beim Thema Heizen gibt es Potenzial: Grundsätzlich empfiehlt Dirnberger die Umstellung auf Wärmepumpen, was aber nicht überall möglich sei. „Bei einer Zentralheizung ist eine gute Dämmung der Zuleitungsrohre eine einfache und wirkungsvolle Maßnahme. Und ein von einem Professionisten durchgeführter hydraulischer Abgleich zwischen den Heizkörpern kann allein schon 15 bis 20 Prozent Einsparung bringen“, rechnet Dirnberger vor.
Photovoltaikanlagen mit leistungsstarken Batteriespeichern sind eine gute Möglichkeit, langfristig Kosten einzusparen und auch für Blackouts vorzusorgen. Die Errichtung ist aber nur möglich, wenn sich die Apotheke in der eigenen Liegenschaft befindet. „Wer eingemietet ist, kann versuchen, sich an eine Erneuerbare Energie-Gemeinschaft anzudocken. Und er sollte regelmäßig den Wechsel von Energieanbietern in Erwägung ziehen. Auch das spart Kosten“, sagt Dirnberger.
Beim Stromsparen gibt es meist nicht den einen großen Befreiungsschlag, es ist ein Weg aus vielen kleinen Schritten. Wer sich eine umfassende Energieberatung leisten will, muss mit etwa 1.500 Euro rechnen, es gibt dafür aber verschiedene Förderungen auf Bundes- und Landesebene.




