Die Duchenne Muskeldystrophie (DMD) ist eine seltene, unheilbare Erbkrankheit, die in der Regel Buben betrifft. Bei schweren Verläufen sind die Patienten oft schon im Jugendalter voll pflegebedürftig. Therapieansätze wie dissoziative Steroide, Histon-Deacetylase(HDAC)-Hemmer und Micro-Dystrophin-Varianten verbessern die Behandlungsmöglichkeiten.
Unter den genetisch bedingten, chronischen Muskelerkrankungen, die unter „Muskeldystrophie“ zusammengefasst werden, ist die Duchenne Muskeldystrophie (DMD) die schwerste und kommt mit Abstand am häufigsten vor. Von 3.600 bis 6.000 Kindern (in der Regel Buben) ist eines betroffen.
Durch Mutationen im Gen für das Muskelprotein Dystrophin, fehlt dieses den Betroffenen meist gänzlich. Dieses Struktur- und Regulationsprotein stabilisiert die Wände der Muskelzellen. Fehlt es oder ist zu wenig vorhanden, werden die Zellen instabil, es strömt vermehrt Kalzium in die Zellen und sie sterben ab. Muskelgewebe wird dann durch Fett- und Bindegewebe ersetzt.
Symptome der Duchenne Muskelschwäche
Die ersten Symptome treten meist schon im Kleinkindalter auf. Sie betreffen besonders die Becken- und Oberschenkelmuskulatur, sodass insbesondere die Gehfähigkeit (wieder) verloren geht. Die meisten Betroffenen sind bereits im Teenageralter auf den Rollstuhl angewiesen. Der Muskelschwund betrifft jedoch grundsätzlich alle Muskelsysteme und schwächt somit u.a. auch Atem- und Herzmuskulatur. Deshalb führte die Krankheit früher meist zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr zum Tod durch Atemversagen. Mittlerweile ist die Lebenserwartung dank Langzeitbeatmung deutlich höher und liegt bei etwa 35 Jahren.1
Therapeutischer Goldstandard: Steroide
Ziel der Therapie bei der Duchenne Muskeldystrophie ist es, die noch vorhandene Muskelkraft der Patienten so lange wie möglich zu erhalten. Je nach Fortschrittsstadium der Krankheit erfolgt dies durch Physiotherapie und Atemübungen, operative Eingriffe, Medikamente und Langzeitbeatmung.
Medikamentös sind – trotz ihrer Nebenwirkungen – Steroide derzeit der therapeutische Goldstandard. Nach Möglichkeit sollte deren Gabe zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr beginnen. Sie verbessern die Muskelkraft, verlängern das freie Gehen um etwa zwei Jahre und wirken sich positiv auf die Herz- und Lungenfunktion aus.2
Weniger Nebenwirkungen mit dissoziativem Steroid Vamorolon
Seit Februar 2024 ist in Österreich der Wirkstoff Vamorolon zur Behandlung der Duchenne Muskeldystrophie bei Patienten ab vier Jahren zugelassen. Es ist der erste Vertreter der sogenannten dissoziativen Glukokortikoide. Der Wirkstoff bindet selektiv an den Glukokortikoid-Rezeptor und löst dadurch dessen entzündungshemmende Wirkung aus. Gleichzeitig hemmt er die Aktivierung der Mineralkortikoid-Rezeptoren und die nachfolgende Aktivität der Rezeptoren soll verändert werden. Das soll die Wirksamkeit des Stoffes von den sonst üblichen Nebenwirkungen der Glukokortikoide abkoppeln, also „dissoziieren“.
Neuester Ansatz: Histon-Deacetylase(HDAC)-Hemmer
Bei der Duchenne Muskeldystrophie ist die Aktivität des Enzyms Histon-Deacetylase (HDAC) pathologisch erhöht. Dies führt zu Muskelschäden, Muskulatur wird in Fett- und Bindegewebe umgebaut. Studien zeigten, dass HDAC-Hemmer die Fibrose verringerten, die Muskelregeneration verbesserten und den Krankheitsverlauf signifikant verlangsamten.
Im März 2024 wurde in den USA der Wirkstoff Givinostat in Kombination mit einem Steroid zur oralen Behandlung von DMD-Patienten ab sechs Jahren zugelassen. Seit Anfang Juni 2025 hat Givinostat nun auch in der EU eine sogenannte bedingte Zulassung erhalten. Darunter versteht man die Zulassung eines Arzneimittels, für die weniger Daten als normalerweise erforderlich sind. Voraussetzung ist, dass bisher nicht abgedeckte medizinische Bedürfnisse von Patienten vorliegen und der Hersteller nachweist, dass der Nutzen gegenüber den Risiken überwiegt. Das Medikament ist nun vorerst für ein Jahr auf dem Markt, solange die laufenden Studien nicht auf schwere Nebenwirkungen hinweisen. Anschließend kann die EU-Kommission die Genehmigung jährlich verlängern. Das Medikament hemmt das Enzym HDAC und mehrere andere entzündungsfördernde Immunbotenstoffe.
Ersatz des fehlenden Muskelproteins
Große Hoffnungen werden auf gentherapeutische Verfahren gesetzt. Die gestörte Aktivität des Dystrophin-Gens führt u.a. dazu, dass statt intakter mRNA-Ketten lediglich mRNA-Fragmente gebildet werden. Forschende vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim haben Anfang 2025 entdeckt, dass der Abbau der mRNA-Fragmente so gesteuert werden kann, dass vermehrt das verwandte Protein Utrophin gebildet wird. Eine gesteigerte Produktion von Utrophin kann fehlendes Dystrophin zumindest in Teilen kompensieren. Bislang kannte man dies nur von tierischen Organismen. „Wir konnten nun erstmals in menschlichen Muskelzellen zeigen, dass auf der Ebene der Genaktivität ein als transkriptionale Adaptation bezeichneter Prozess dazu in der Lage ist, die Produktion von Utrophin zu verstärken“, so Lara Falcucci, Erstautorin der Studie3. Die Forscher verwendeten dafür kultivierte Zellen von DMD-Patienten. Wenn man den Zerfallsmechanismus der Dystrophin-mRNA reguliert, kann man die Utrophin-Produktion in den Zellen kontrollieren. Didier Stainier, Direktor am Max-Planck-Institut, ist davon überzeugt, „damit die Tür für die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze zur Behandlung der Duchenne Muskeldystrophie geöffnet zu haben.“
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