Clusterkopfschmerzen sind die schmerzhafteste Kopfschmerzart, die es gibt. Die neurologische Erkrankung ist äußerst herausfordernd zu behandeln und bringt Betroffene an körperliche und psychische Grenzen. In der Forschung sind längst noch nicht alle Fragen geklärt.
von Annika Haas
Es fühlt sich an wie eine glühende Nadel, die mir in die Schläfe gerammt wird“, sagt Sebastian Teterra. Seit elf Jahren leidet er unter den sogenannten Clusterkopfschmerzen. Die primäre Kopfschmerzerkrankung kann in episodischer oder chronischer Form vorliegen und zeichnet sich durch streng einseitige, sehr starke Schmerzattacken im Bereich von Schläfe und Auge aus. Sie dauern meist zwischen 15 und 180 Minuten an und treten oftmals nach dem Genuss von Alkohol oder ganz unvermittelt ohne erkennbaren Auslöser auf.
Typische Begleiterscheinungen sind Rötung oder Tränen des Auges, verstopfte oder laufende Nase, Lidschwellung und Schweißausbrüche im Gesicht. Etwa 0,1% der österreichischen Bevölkerung sind von den seltenen Clusterkopfschmerzen betroffen, die genaue Zahl ist aufgrund von fehlenden Diagnosen jedoch unklar.

Es fühlt sich an wie eine glühende Nadel,
Sebastian Teterra
die mir in die Schläfe gerammt wird.
Clusterkopfschmerzpatient
Attacken beginnen oft nachts
An seine ersten Attacken erinnert sich Sebastian Teterra noch genau. Sie fingen mitten in der Nacht an und rissen ihn aus dem Schlaf. Der damals 30-Jährige vermutet, einen Hirntumor zu haben und sucht seinen Hausarzt auf. Nachdem dies ausgeschlossen wurde, bestätigt sich bei einem Neurologen die Verdachtsdiagnose auf Clusterkopfschmerzen. Mittlerweile hat der 41-Jährige mindestens fünf Attacken pro Tag, schmerzfreie Tage gibt es kaum noch. Teterra befindet sich in Berufsunfähigkeitsrente.
Hypothalamus verantwortlich für Charakteristik
Was während einer Clusterattacke im Gehirn passiert, kann die medizinische Forschung nicht bis ins letzte Detail erklären. In jedem Fall wird aber der Trigeminusnerv gereizt, was zu einer Erweiterung der Blutgefäße im Kopf führt. Grund dafür sind hypothalamische Fehlregulationen. Sie lösen die Freisetzung von Vasodilatatoren aus, die Gefäße erweitern. „Der Hypothalamus ist maßgeblich verantwortlich für die Charakteristik der Clusterkopfschmerzen. Attacken beginnen deshalb oft nachts“, erklärt Dr. Sonja-Maria Tesar. Sie ist Leiterin der Kopfschmerzambulanz am Klinikum Klagenfurt sowie medizinische Direktorin am Landeskrankenhaus Wolfsberg. Darüber hinaus betriebt sie ihre eigene Wahlarztordination in Klagenfurt.
Medizinische Behandlung möglich
Clusterkopfschmerzen sind durch medizinische Behandlung bisher nicht heilbar, aber behandelbar. Akute Abhilfe während der Attacke schaffen Sumatriptan im Pen zur Injektion oder Zolmitriptan als Nasenspray. Gleichzeitig führen viele Betroffene eine Sauerstoffinhalation durch. Bemerken Patientinnen und Patienten den Anfang einer Episode oder sind von chronischen Clusterkopfschmerzen betroffen, spielt die Prophylaxe eine entscheidende Rolle. Sie erfolgt meist in Form einer Methylprednisolon-Therapie und mit Verapamil.
Hoher Leidensdruck
Nicht bei jedem funktionieren die gängigen Behandlungsmöglichkeiten, Betroffene sind dadurch mit einem enormen physischen und psychischen Leidensdruck konfrontiert. „Wir haben es schon erlebt, dass Patienten sich wegen der Schmerzen umgebracht haben. Nicht umsonst wird der Clusterkopfschmerz auch ‚suicide headache‘ genannt“, so Tesar.
Off-Label-Therapie mit CGRP-Antikörpern
Seit 2018 sind in Österreich die monoklonalen CGRP-Antikörper auf dem Markt. Sie fokussieren sich auf ein Eiweißmolekül, das Migräneattacken auslöst. Dieses Eiweißmolekül ist ebenfalls in die Pathophysiologie des Clusterkopfschmerzes involviert. Zugelassen sind die Antikörper für Clusterkopfschmerzpatienten bisher nicht. Außerhalb der Zulassung gibt es aber den sogenannten individuellen Heilversuch in Anlehnung an Studien und einer Zulassung in den USA. Dadurch ist in Österreich die Behandlung mit Galcanezumab per Injektion einmal pro Monat möglich. In einigen Fällen können damit Beschwerden gelindert, Akutmedikamente eingespart und Cortison reduziert werden. Außerdem ist die Therapie deutlich wechselwirkungsfreier.
Dieser Artikel ist Teil einer Serie, die von Studierenden der Hochschule Ansbach für PharmaTime produziert wurde. Die Autorinnen und Autoren besuchen derzeit das Bachelorstudium Ressortjournalismus. Die Lehrredaktion leitete Journalismustrainer Markus Feigl aus St. Pölten.





