Das Ergebnis einer aktuellen Lesbarkeitsanalyse von Packungsbeilagen der 50 meistverschriebenen Medikamente in Deutschland zeigt: Beipackzettel sind häufig schwer verständlich. Dies unterstreicht einmal mehr die hohe Relevanz der fachkundigen Beratung in der Apotheke.
Dass manche Beipacktexte nicht nur gefühlt schwer zu lesen sind, sondern tatsächlich schwer verständlich formuliert wurden, hat kürzlich eine Lesbarkeitsanalyse der Versandapotheke Mycare.de bestätigt.
Lesbarkeitsindex als Beurteilungskriterium
Dabei wurden die Packungsbeilagen der 50 meistverschriebenen Arzneimittel in Deutschland hinsichtlich ihrer Lesbarkeit analysiert. Herangezogen wurde dafür der Lesbarkeitsindex (LIX), entwickelt vom schwedischen Linguisten Carl Hugo Björnsson in den 1960-er Jahren. Der Index ergibt sich aus der Summe der durchschnittlichen Satzlänge eines Textes und des prozentualen Anteils langer Wörter, das sind solche mit mehr als sechs Buchstaben.
Je höher der Score des Lesbarkeitsindex, desto schwieriger lesbar ist der Text. Zur Veranschaulichung die Einordnung der Werte:
- unter 40: Kinder- und Jugendliteratur
- 40 bis 50: Belletristik
- 50 bis 60: Sachliteratur
- über 60: Fachliteratur
12% der analysierten Beipackzettel „Sachliteratur“
Sechs von 50 Beipackzetteln fallen laut Lesbarkeitsindex bereits in die Kategorie Sachliteratur. Am schlechtesten hinsichtlich der Lesbarkeit schnitt der Beipacktext des Schmerzmittels Ibuflam/-Lysin (Ratiopharm 400 mg) ab, mit einem LIX von 53,68. Knapp die Hälfte des Textes (46%) besteht aus langen Wörtern, zusätzlich sind die Sätze mit durchschnittlich 8,14 Wörtern vergleichsweise lang.
Die Texte der Packungsbeilagen folgender sechs Medikamente würden laut Lesbarkeitsindex bereits in die Kategorie „Sachliteratur“ fallen:
- Ibuflam/-Lysin (Ratiopharm 400 mg)
- Thyronajod® 75 Henning
- L-Thyroxin Henning 100
- Pantoprazol – 1 A Pharma® 20 mg
- Atorvastatin AXiromed 10 mg
- MetoHEXAL® Succ® 47,5 mg Retardtabletten
Persönliche Beratung in der Apotheke ermöglicht Rückfragen
Die Ergebnisse zeigen, dass selbst häufig verschriebene und weit verbreitete Medikamente schwer lesbare Beipacktexte aufweisen können. Oder, wie es die Autoren der Analyse formulieren, „sprachlich weit entfernt von einem patientennahen Informationsstil sind“.
Angesichts dessen gewinnt die persönliche Beratung in der Apotheke noch mehr an Bedeutung. Auch, weil Patientinnen und Patienten im Gespräch mit Apothekenfachkräften nachfragen können, wenn sie etwas nicht gleich verstehen.
Denn für viele Menschen können komplizierte Formulierungen, lange Sätze und lange Wörter sprachlich eine Herausforderung darstellen. Besonders Ältere und chronisch Kranke tun sich da oft schwer. Vor allem, wenn sie das Medikament zum ersten Mal einnehmen. In diesem Fall ist es besonders wichtig, dass sie den Inhalt der Packungsbeilage verstehen, um das Medikament korrekt – und damit sicher – einnehmen zu können.
Es gibt auch gute Beipackzettel
Dass es auch anders geht, zeigen einige Positivbeispiele. Von den getesteten 50 Beipacktexten weisen sieben einen Lesbarkeitsindex unter 45 auf. Der am besten lesbare Beipacktext in dieser Analyse war demnach jener von Allopurinol Indoco 100/300 mg Tabletten mit einem LIX von 41,41. Bei 2.159 Wörter aufgeteilt auf 461 Sätze ergibt das eine besonders kurze durchschnittliche Satzlänge von 4,68 Wörtern. Der Anteil langer Wörter liegt mit 37% ebenfalls deutlich unter dem Durchschnitt.
Bei diesen sieben Produkten lag der Lesbarkeitsindex unter 45:
- Allopurinol Indoco 100/300 mg Tabletten
- Candecor® 16 mg Tabletten
- Candesartan 1A Pharma 4/8/16/32 mg Tabletten
- Xarelto 15/20 mg Filmtabletten
- Jardiance® Filmtabletten
- Enalapril AL 10
- Ramipril – 1 A Pharma® 5 mg Tabletten
Große Unterschiede beim Textumfang
Neben der Lesbarkeit beurteilten die Tester auch den Textumfang der Packungsbeilagen. Hier reichte die Range von 1.102 Wörter (Amlodipin (besilat) Dexcel®) bis 13.902 Wörter (Eliquis®). Der Durchschnitt über alle 50 Packungsbeilagen beträgt 3.101 Wörter. Lange Texte können zusätzlich zur sprachlichen Komplexität die Lesbarkeit und Verständlichkeit erschweren.
Die Analyse zeigt, dass es hinsichtlich der Beipacktexte bei vielen Arzneimitteln noch Luft nach oben gibt. „Eine verständlichere Sprache könnte nicht nur das Vertrauen in die Medikation stärken, sondern auch zu einer höheren Therapietreue führen, was wiederum die Behandlungsergebnisse positiv beeinflussen würde“, erklärt Martin Schulze, Apotheker und Leiter der pharmazeutischen Kundenberatung bei mycare.de.




