Männer sind bei Marathons zwar im Durchschnitt schneller als Frauen, erleiden aber deutlich häufiger einen plötzlichen Leistungseinbruch. Das zeigt eine Analyse von 873.334 Finishern des Berlin Marathon. Die in Scientific Reports veröffentlichte Studie sieht sowohl physiologische Unterschiede als auch das Laufverhalten als mögliche Erklärungen.
Männer erleben bei Marathons deutlich häufiger das sogenannte „Hitting the Wall“-Phänomen als Frauen. Das geht aus einer Studie hervor, die im Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht wurde. Ein Forschungsteam um Dr. Beat Knechtle analysierte gemeinsam mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus der Schweiz und Brasilien Daten des Berlin Marathon aus den Jahren 1999 bis 2025.
Insgesamt wurden 873.334 Zieleinläufe ausgewertet. Rund 76 Prozent der Finisher waren Männer, mehr als die Hälfte war zwischen 35 und 49 Jahre alt.
Tempoverlust in der zweiten Rennhälfte
Als „Hitting the Wall“ bezeichnet die Laufsport-Community einen plötzlichen Leistungseinbruch, der typischerweise auftritt, wenn die rasch verfügbaren Energiereserven weitgehend aufgebraucht sind. Für ihre Analyse definierten die Forschenden das Phänomen als eine Verringerung des durchschnittlichen Lauftempos um mindestens 20 Prozent in der zweiten Marathonhälfte gegenüber der ersten.
Die Auswertung zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer erreichten das Ziel im Durchschnitt zwar schneller als Frauen – nach 4 Stunden und 2 Minuten gegenüber 4 Stunden und 29 Minuten. Gleichzeitig waren sie jedoch fast doppelt so häufig von einem ausgeprägten Tempoverlust betroffen.
17,63 Prozent der Männer erfüllten die Kriterien für „Hitting the Wall“. Bei den Frauen lag dieser Anteil bei 9,66 Prozent.
Auch erfahrene Läufer nicht geschützt
Besonders deutlich fiel der Unterschied bei den schnellsten Teilnehmern aus. Unter den Männern mit einer Marathonzeit von weniger als drei Stunden trat das Phänomen sechsmal häufiger auf als bei Frauen derselben Leistungsklasse (1,42 gegenüber 0,23 Prozent).
Aldo Seffrin, Co-Autor der Studie, betont, dass der Leistungseinbruch keineswegs nur Anfänger betrifft. „Dass sie fitter und erfahrener waren, hat die Männer nicht geschützt.“
Auch bei der Renneinteilung zeigten sich Unterschiede. Bei 52 Prozent der Frauen war kein deutlicher Leistungsabfall in der zweiten Marathonhälfte festzustellen. Bei den Männern traf dies auf 36 Prozent zu.
„Männer kamen im Durchschnitt schneller ins Ziel, verteilten ihre Kräfte jedoch weniger sorgfältig. Frauen liefen gleichmäßiger und hielten ihr Tempo auch in der zweiten Hälfte“, erklärte Aldo Seffrin. „Dies deutet darauf hin, dass die gezielte Einteilung der Kräfte genauso wichtig ist wie die reine Geschwindigkeit und dass viele Männer davon profitieren würden, wenn sie konservativer starten würden.“
Mehrere Erklärungen denkbar
Die Studie selbst untersucht nicht die Ursachen des unterschiedlichen Laufverhaltens. Die Autoren nennen jedoch mehrere mögliche Erklärungen. So könnte der weibliche Körper seine Glykogenspeicher während langer Belastungen effizienter nutzen. Auch Unterschiede im Muskelstoffwechsel könnten dazu beitragen, dass sich ein Glykogenmangel später entwickelt.
Darüber hinaus verweisen die Forschenden auf Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung. Demnach neigen Männer häufiger zu einer höheren Risikobereitschaft oder dazu, ihre Leistungsfähigkeit zu überschätzen. Dies könnte sich in einem höheren Anfangstempo niederschlagen. Die Studie selbst erhob dazu jedoch keine Daten, weshalb diese Erklärungen als Hypothesen zu verstehen sind.
Die Autoren leiten daraus ab, dass insbesondere männliche Marathonläufer von einem zurückhaltenderen Renneinstieg profitieren könnten, um das Risiko eines deutlichen Leistungseinbruchs zu verringern.




