Start Wissenschaft Ende des Implantats? Nachwachsende Zähne dank USAG-1

Ende des Implantats? Nachwachsende Zähne dank USAG-1

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Zahnverlust, erworbener wie angeborener, hat eine sehr hohe Prävalenz in der Bevölkerung. Der Ersatz erfolgte bislang mittels Implantate und Zahnprothesen – in Zukunft könnte aber die Hemmung eines Proteins zum „Nachwachsen“ der Zähne führen. 

Zahnverlust stellt ein weit verbreitetes Problem dar, in Europa sind insbesondere ältere Bevölkerungsgruppen betroffen: Schätzungen zufolge sind bis zu 30% der über 65-Jährigen teil- oder vollständig zahnlos, wofür Karies und insbesondere bei Erwachsenen Parodontitis die Hauptursachen sind.1,2 Zahnverlust führt häufig zu einer verschlechterten Ernährungsweise, weiters bestehen Assoziationen mit kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes mellitus.3 Fehlende Zähne können aber auch auf eine Zahnagenesie, eine angeborene Nicht- bzw. Fehlanlage einzelner Zähne, zurückzuführen sein. Im Gegensatz zum erworbenen Zahnverlust liegt hier ein primärer Defekt der Zahnentwicklung vor. Die Prävalenz dafür liegt zwischen 10% für Hypodontie (≤ als 5 fehlende Zähne) und 0,1% für Oligodontie (≥ 6 fehlende Zähne).4

Neuer Therapieansatz USAG-1

Therapeutisch werden aktuell Implantate und Prothesen eingesetzt, die jedoch kein biologischer Ersatz sind, zudem kann es zu periimplantären Entzündungen oder Knochenresorption kommen.2 Ein neuer vielversprechender – kausaler und regenerativer Therapieansatz – ist USAG-1. Das Protein USAG-1 ist ein Antagonist zentraler Signalachsen der Zahnentwicklung, insbesondere des Wnt- und BMP-Signalwegs, welche essenziell für die Initiation und Morphogenese von Zahnkeimen sind.5 Die pharmakologische Hemmung von USAG-1 führt zu einer verstärkten Aktivierung dieser Signalwege und kann latent vorhandene odontogene Programme reaktivieren.5,6 Insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit Hypodontie ergibt sich daraus ein interessanter therapeutischer Ansatz, da hier keine Zerstörung bestehender Zähne, sondern eine unvollständige Entwicklung vorliegt.

Resultate in Mensch und Maus

Die Verwendung monoklonaler Antikörper gegen USAG-1 führte bei behandelten Mäusen zum erfolgreichen Nachwachsen funktionsfähiger Zähne, wobei sich auch normale anatomische Strukturen einschließlich Zahnschmelz und Dentin ausbildeten und die regenerierten Zähne eine biologische Integration mit dem umgebenden Kieferknochen zeigten, was für die Stabilität und eine korrekte Ausrichtung mit den benachbarten Zähnen wichtig ist.7

Am Menschen sind die ersten klinischen Studien in Phase 1 vorrangig zu Sicherheit und Verträglichkeit 2024 in Japan mit 30 erwachsenen Männern gestartet. 2026 sollen die Studien in Phase 2 mit Personen mit Zahnagenesie speziell zur Wachstumsinduktion und der Integration in den Knochen beginnen. Phase 3 mit einem größeren Patientenkollektiv ist aus derzeitiger Sicht für 2028 geplant.7 Auf die Markteinführung wird man wohl noch bis 2030 warten müssen. Dann kann die Inhibition von USAG-1 eine vielversprechende Strategie für Hypo-/Oligodontie und in weiterer Zukunft möglicherweise auch für erworbenen Zahnverlust sein.    

Quellen:
1: Kassebaum, NJ et al. Global burden of severe tooth loss. J Dent Res. 2014;93
(7 Suppl):20S–28S. doi:10.1177/0022034514537828
2: Tonetti, MS et al. Impact of periodontal diseases on health. J Clin Periodontol. 2017;44(Suppl 18):S121–S129
3: Chapple ILC, Genco R. Diabetes and periodontal diseases. J Clin Periodontol. 2013;40(Suppl 14):S106–S112
4: Takahashi, K et al. Development of a new antibody drug to treat congenital tooth agenesis. J Oral Biosci 2024 Dec;66(4):1-9.
5: Kassai, Y et al. Regulation of tooth development by ectodin. Science. 2005;309(5743):2067–2070
6: Ohazama, A et al. Lrp4 modulates signaling pathways in tooth development. PLoS One. 2008;3(12):e4092
7: Moradi, Z et al. USAG-1 and Regenerative Dentistry, Therapeutic Implications and Future Directions: Review of the Literature. Clin Exp Dent Res 2026 Feb;12(1):e70301

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