Start Apotheke Vernetzt statt invasiv: Die Zukunft der Blutzuckermessung

Vernetzt statt invasiv: Die Zukunft der Blutzuckermessung

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Ein Sensor im Ärmel, der unbemerkt den Blutzucker misst – was wie Science-Fiction klingt, könnte bald zum Alltag werden: Eine Messung ohne häufiges Piksen und Spezialgerät. Die Werte werden direkt an eine Gesundheits-App gesendet, kombiniert mit Vitaldaten vom Fitnessarmband. Und die Apotheke wird zur ersten Anlaufstelle: Erklärt, berät und validiert. Noch ist das Zukunftsmusik, aber die Technologien stehen in den Startlöchern.

Apotheken sind längst nicht mehr nur Abgabestellen für Medikamente. Viele bieten heute bereits Point-of-Care-Diagnostik an wie Blutzuckertests, HbA1c-Screenings oder Lipidprofile. Der rechtliche Rahmen dafür ist klar gesteckt. Laut Apothekerkammer dürfen Apothekerinnen und Apotheker nach erfolgter Meldung an die Bezirksverwaltungsbehörde standardisierte Untersuchungen durchführen.  „Apotheker dürfen ihre Kundinnen und Kunden über die ermittelten Ergebnisse informieren und über etwaige Abweichungen von Normwerten aufklären“, so die Kammer auf Nachfrage. Die medizinische Diagnose bleibt aber in ärztlicher Hand.

Apotheken im Wandel

Geräte, die dafür verwendet werden, müssen eine CE-Kennzeichnung gemäß der EU-Verordnung 2017/746 (IVDR) aufweisen. Seit Mai 2022 gelten verschärfte Anforderungen an Sicherheit, Evidenz und technische Dokumentation. Die Kammer bietet zudem eine Liste geeigneter Geräte sowie Schulungsmaterialien wie Standardarbeitsanweisungen (SOPs, Standard Operating Procedures), Checklisten, Leitlinien und Fortbildungen an.

Und die Apotheken setzen dies auch um. In der Linden-Apotheke im 15. Bezirk in Wien etwa wird seit einigen Jahren Blutzucker gemessen. Apotheker Mag.pharm. Viktor Hafner setzt dafür auf das Roche Cobas®-System, mit dem sowohl HbA1c als auch das Lipidprofil inklusive direkt gemessenem LDL bestimmt werden können. „Wir haben das Gerät gewählt, weil die Testkassetten auch bei Raumtemperatur haltbar sind. Das ist wirtschaftlich entscheidend. Bei uns gibt es keine hohe Frequenz bezogen auf Labors, da wäre alles andere unrentabel. Es war etwas teurer in der Anschaffung, aber günstiger über die Nutzungsdauer“, so Hafner. 

Zwischen fünf und zehn Tests pro Woche seien die Norm, die Zielgruppe vielfältig: Menschen mit Prädiabetes, Sportler, Führerscheinverlängerungen oder auch Kontrollmessungen zwischen zwei Arztterminen. Generell ist die Linden-Apotheke interessiert an neuen Messmethoden, besonders an einer stärkeren Einbindung in die regelmäßige Verlaufskontrolle, etwa um zu überprüfen, ob Medikamente gegen Blutzucker, Augeninnendruck oder Harnsäure tatsächlich wirksam sind. 

CGM und Wearables noch außen vor

Bei kontinuierlichen Glukosemesssystemen (CGM) sieht Hafner jedoch eine Lücke: „Die Geräte wurden uns als Apotheken quasi weggenommen, weil die Kasse sie nur an spezielle Zielgruppen abgibt. Dadurch fällt auch die Beratung weg, obwohl wir eigentlich helfen könnten.“ In Österreich werden CGM-Systeme nur für schwer therapiepflichtige Typ-1-Diabetikerinnen und -Diabetiker von der Kasse übernommen. 

Auch bei Wearables sei die Situation noch schwierig. Zwar gäbe es viele Start-ups mit großen Versprechungen, aber Hafner bleibt kritisch: „Bei gesundheitsrelevanten Werten wie Blutzucker sagen wir ganz klar: Finger weg von theoretischen Berechnungen. Man soll sich auf geprüfte Verfahren verlassen.“

Mag.pharm. Viktor Hafner, Apotheker aus Wien, Porträt
© Barbara Wirl / Lindenapotheke

Bei gesundheitsrelevanten Werten wie Blutzucker sagen wir ganz klar: Finger weg von theoretischen Berechnungen. Man soll sich auf geprüfte Verfahren verlassen.

Mag.pharm. Viktor Hafner
Apotheker in Wien

 

Wohin geht die Entwicklung also? Laut Prof. Dr. Can Dincer von der Technischen Universität München ist die Antwort eindeutig: weg vom invasiven, hin zum kontinuierlichen, nicht-invasiven Messen. Seine Forschungsgruppe arbeitet an einem System, das Glukose über die Atemluft erkennt. „Wir arbeiten daran, Glukose aus Atemgas zu messen, zum Beispiel über eine Maske”. Ziel sei eine schmerzfreie, alltagstaugliche Lösung. Bisher konnte man so Glukose nachweisen, aber noch reiche die Sensitivität nicht aus für echtes Monitoring, so Dincer.

Prof. Dr. Can Dincer von der Technischen Universität München, Porträt
© Andreas Heddergott / TUM

Wir arbeiten daran, Glukose aus Atemgas zu messen, zum Beispiel über eine Maske.

Prof. Dr. Can Dincer
Technische Universität München

Andere Teams setzen auf Schweißsensoren oder bioelektrische Hautmessungen. Der Vorteil: Glukose ist ein gut messbarer Parameter, enzymatisch stabil und ohne komplexe Antikörper. „Es ist eine der trivialsten biosensorischen Messungen, ideal für kontinuierliche Sensorik“, so Dincer. Spricht man von skalierbaren und kostengünstigen Geräten sei auch die Wahl des Materials wichtig: Neben Polymeren kommen zunehmend leitfähige Metalle zum Einsatz, etwa für elektrische oder elektrochemische Verfahren.

Die aktuellen CE-zertifizierten Glukose-Monitoring-Patches hält Dincer für solide, insbesondere, weil sie sich mit Insulinpumpen kombinieren lassen und ein sogenanntes Closed-Loop-System ermöglichen. Für Kleinkinder seien sie jedoch nur bedingt geeignet, da sie minimalinvasiv sind.

Hürden bei der Zertifizierung

Tragbare Multisensorsysteme entwickeln sich rasant weiter, wie Mag.pharm. Dr. Julia Moesslacher auf PharmaNow aufzeigt. In Beirut wurde ein textilintegriertes System entwickelt, das Glukose über elektromagnetische Wellen misst, integriert in Handschuhe, Armbinden und sogar Socken. In einer Pilotstudie erreichte die Sensorik eine Genauigkeit von 99%. CE-zertifiziert sind solche Systeme jedoch noch nicht.

CE-zertifizierte Systeme wie der Dexcom G7® oder das FreeStyle Libre 2® und 3® sind aktuell führend. Sie erreichen MARD-Werte (mittlere absolute relative Differenz, Anm.) von rund acht Prozent und sind in Österreich zugelassen. Systeme wie das FreeStyle Libre® kosten nur einen Bruchteil im Vergleich zu neuartigen Wearables.

Für den Markteintritt nicht-invasiver Systeme sind zwei Faktoren entscheidend: eine stabile Korrelation mit Blutwerten und eine IVDR-konforme CE-Zertifizierung. Letztere ist aufwändig. Viele Start-ups scheitern an Dokumentationspflichten und klinischer Evidenz.

Das Forschungsinteresse steigt jedenfalls: Während zwischen 2000 und 2015 nur vier klinische Studien zu nicht-invasiven CGM-Systemen durchgeführt wurden, waren es im Zeitraum 2016 bis 2020 bereits 16. 

Apotheken als Lotsen im Datendschungel

Ein weiteres Zukunftsfeld ist die algorithmische Analyse der Datenströme. Dincer sieht großes Potenzial darin, Muster in den kontinuierlich erfassten Sensorwerten zu erkennen und Zusammenhänge mit anderen Erkrankungen herzustellen. „Es geht darum, Systeme zu entwickeln, die nicht nur messen, sondern auch Zusammenhänge erkennen.“

Ein Zugpferd in diesem Bereich ist das KI-gestützte BigIDEAs-Projekt: Es analysiert über 26.000 individuelle Messdaten aus kontinuierlichen Glukosemonitoren (CGM), Bewegungstrackern und weiteren Sensorquellen, ein möglicher Schritt hin zu digitaler Präzisionsmedizin bei Diabetes.

In der Glukosemessung ist die Technologie bereits weit fortgeschritten, so Dincer. Erste medizinische Anwendungen nicht-invasiver Systeme könnten in fünf Jahren Realität werden – zuvor sei mit Pilotprojekten im Sport- und Lifestyle-Bereich zu rechnen.

Die Zukunft sieht er dabei nicht in einem universellen Supergerät, sondern in einer Vielzahl spezialisierter Wearables: „Nicht jede Bioflüssigkeit eignet sich für jeden Marker“, so Dincer. Statt eines einzelnen Geräts seien vielmehr verschiedene Sensorlösungen zu erwarten – etwa Patches, Uhren, Brillen oder sogar Windeln, die jeweils bestimmte Parameter erfassen und idealerweise miteinander oder mit dem Smartphone kommunizieren, um ein umfassendes Gesundheitsbild zu erzeugen.

Bis dahin bleiben Apotheken wichtige Schnittstellen für Point-of-Care-Testungen. Dincer schlägt hier ein modulares Messsystem vor, bei dem unterschiedliche Parameter wie Glukose, Laktat oder Entzündungsmarker über Kartuschen verschiedener Hersteller in einem einzigen Gerät kombiniert werden können. Die Blutzuckermessung der Zukunft ist jedenfalls schmerzfrei und kontinuierlich. Doch bis CE-zertifizierte, nicht-invasive Systeme breit verfügbar sind, bleibt die Apotheke Vermittlerin: zwischen technischer Utopie und realem Alltag.

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