Ursula Hollenstein ist Fachärztin für Innere Medizin mit Zusatzfach für Infektiologie und Tropenmedizin. Die begeisterte Reisende betreibt in Wien das Reisemedizinische Zentrum Traveldoc. Im Interview mit PharmaTime spricht sie über tropische Krankheiten in Europa, sinnvollen Reiseschutz und neue Schwerpunktsetzungen bei Impfempfehlungen.
Es gibt immer mehr Berichte über Fälle tropischer Krankheiten in Europa. Worauf wird man sich in Zukunft einstellen müssen?
Es wird seit vielen Jahren über Tropenerkrankungen berichtet, die näher rücken können. Das betrifft aber nur wenige. Die meisten klassischen Tropenerkrankungen brauchen ein System von Überträgern und Menschen, die in Armut und unter schlechten hygienischen Bedingungen leben. Ein Einschleppen in Europa ist daher kaum möglich. Was sehr wohl leicht vorkommen kann, sind mückenübertragene Erkrankungen: Sie brauchen nur den Menschen, die passende Mücke und das Klima, in dem sich die Blutsauger wohlfühlen. Manche Krankheitserreger sind temperatursensitiv. Da spielt die Erwärmung durch den Klimawandel eine Rolle. Wir sehen vor allem die Ausbreitung der Tigermücke. Sie ist in mehrerer Hinsicht sehr lästig: Sie ist extrem anpassungsfähig, braucht nicht viel Wasser, um zu brüten, und sticht bevorzugt Menschen – auch tagsüber. Für viele andere Mückenarten sind wir nur eine Ausweichmöglichkeit. Die Tigermücke ist leider anthropophil.
Was macht die Tigermücke gefährlich?
Sie ist genügsam. Ihr reicht schon etwas stehendes Wasser im Blumentopf im Hof. Dadurch ist sie ganz nah an ihren Opfern. Wir sehen eine rasche Ausbreitung und hohe Fallzahlen. Seit Jahren wird beobachtet, wie sich die Tigermücke nach Norden ausbreitet. In Südeuropa – Spanien, Südfrankreich, Italien, Griechenland – hat sie sich bereits fix etabliert. Diese Regionen sind vulnerabel für das Einschleppen der von der Tigermücke übertragenen Erkrankungen. Gerade das Dengue-Fieber hat sich weltweit enorm ausgebreitet und betrifft auch Reisende, die es wieder nach Hause mitbringen und über heimische Mücken übertragen können. Man schätzt, dass nur ein bis zwei Prozent der Infizierten Symptome entwickeln, die restlichen tragen das Virus im Blut unbemerkt weiter. Das ist die ideale Basis für eine Ausbreitung. In Österreich gibt es in einzelnen Städten Sichtungen von Populationen, die meisten Tigermücken überstehen den heimischen Winter aber nicht.

Man schätzt, dass nur ein bis zwei Prozent der Infizierten Symptome entwickeln, die restlichen tragen das Virus im Blut unbemerkt weiter. Das ist die ideale Basis für eine Ausbreitung.
Dr. Ursula Hollenstein
Fachärztin für Innere Medizin & Tropenmedizinerin
Welche Erkrankungen werden von Tigermücken übertragen?
Am wichtigsten ist sicherlich das Dengue-Fieber wegen der hohen Fallzahlen. Die Symptome sind die einer akuten hochfieberhaften Erkrankung mit starken Kopf-, Glieder- und Gelenksschmerzen. Komplikationen wie das Dengue hämorrhagische Fieber können auch tödlich sein. Das Zika-Virus löst eine an sich harmlose, selbstheilende Erkrankung mit einer Woche Fieber aus. Es kann sich aber rasch ausbreiten. Während einer Epidemie in Brasilien zeigte sich, dass es in einer Schwangerschaft zu schweren Missbildungen am Fötus führen kann. Auch Chikungunya kann plötzlich sehr hohe Fallzahlen auslösen. Es ist mit hohem Fieber und extrem starken Gelenksschmerzen verbunden, die als Gelenksentzündung manchmal monatelang anhalten können. Eine erste große Chikungunya-Epidemie ist 2005 in Reunion ausgebrochen, es gab aber auch schon mehrere kleine Ausbrüche in Südfrankreich und Italien.
Wie können sich Reisende gegen diese mückenübertragenen Krankheiten schützen?
Auch wenn die Berichte über Fälle in Südeuropa und die Ausbreitung der Tigermücke Aufsehen erregen, muss man die Größenordnung in Relation setzen. Die Dengue-Infektionen, die aus Europa gemeldet werden, sind im Vergleich zu den Dengue-Epidemien mit hunderttausenden Infizierten in tropischen Ländern geringfügig. Aber natürlich macht die Nähe Angst. Entscheidend ist der Mückenschutz, der in Europa noch zu wenig ernstgenommen wird, weil Stiche zwar lästig, aber meist folgenlos waren. Er sollte mittlerweile bei Reisen nach Südeuropa genauso konsequent durchgeführt werden wie bei Reisen in subtropische Länder. Es gibt sehr gute Repellenzien in Form von Sprays, Cremen und Lotionen, die man natürlich aber auch benutzen muss und regelmäßig alle vier bis fünf Stunden neu auftragen sollte. Die auf den Packungen angegebene Schutzdauer von „bis zu zwölf Stunden“ ist irreführend. Es gibt bei Dengue und Chikungunya auch Impfstoffe, aber bei den seltenen Fallzahlen in Europa ist die Sinnhaftigkeit einer Impfung für innereuropäische Reisen fraglich. Außerdem kam es beim ersten Impfstoff zu Nebenwirkungen, der neuentwickelte scheint sicher, aber man ist noch zurückhaltend und empfiehlt ihn nur Menschen, die bereits einmal an Dengue erkrankt waren. Wenn sich der Impfstoff bewährt – und danach sieht es aus –, wird es eine Standardimpfung für Reisen in tropische und subtropische Regionen, insbesondere in der Regenzeit bzw. im Sommer.
Wie groß ist die Gefahr einer Einschleppung bei anderen Tropenkrankheiten?
Nicht groß. Nur wenige Krankheiten werden von Mensch zu Mensch übertragen. Und die Symptome sind so akut und heftig – etwa bei Ebola –, dass Betroffene sofort isoliert werden. Malaria wäre theoretisch über Mücken leicht übertragbar. Aber es ist eine behandelbare Erkrankung. Um sich in Europa wieder festzusetzen, müsste das Gesundheitssystem komplett versagen, und das wird nicht geschehen.
Hat sich die Bedrohungslage an bestimmten Reisezielen verbessert?
Ja, vor allem in touristischen Gebieten werden die hygienischen Bedingungen immer besser. In Südostasien etwa treten im touristischen Setting kaum noch Typhus-Fälle auf. Dagegen wurde früher routinemäßig geimpft. Das ist nicht mehr unbedingt notwendig. Man muss abwägen, ob jemand im 5-Sterne-all-inclusive-Club in Thailand Urlaub macht, oder mit dem Rucksack durch die ländlichen Gebiete trampt und bei Familien wohnt. Grundsätzlich gilt: Je exotischer und länger eine Reise dauert, desto besser sollte man sich schützen.
Was sind Ihre wichtigsten Empfehlungen für ein sicheres Reisen?
Die Basis jeder reisemedizinischen Beratung ist es, die in Österreich empfohlenen Standardimpfungen aktuell zu halten. Sie sind – mit Ausnahme von FSME – weltweit wichtig. Oft braucht es gar nicht mehr. Manche Leute machen sich erst bei Reiseplänen auf die Suche nach ihrem Impfpass, den sie zuletzt vor 20 Jahren gesehen haben. Je nach Reiseziel kommen dann spezifische Impfungen dazu, etwa gegen Gelbfieber, Japanische Enzephalitis oder Tollwut. Ganz wichtig ist der Mückenschutz. Vor allem wenn man lange unterwegs ist, neigt man dazu, das lästige Einschmieren immer wieder auszulassen. Da sollte man konsequent sein.
Ist die Gelbfieber-Impfung lebenslang wirksam? Früher wurden Auffrischungen alle zehn Jahre empfohlen.
Da muss man unterscheiden: Viele Länder in den Tropen und Subtropen verlangen ein Gelbfieber-Zertifikat, um eine Einschleppung zu verhindern. Dieses ist jetzt lebenslang gültig. Ob auch die Schutzwirkung so lange anhält, ist fraglich. Bei Reisen in ein Hochrisikogebiet empfehle ich nach zehn Jahren eine zweite Impfung. Und ein wichtiger Hinweis für Apotheken: Impfzentren, die ein offizielles Gelbfieber-Zertifikat ausstellen können, dürfen keinen mitgebrachten Impfstoff akzeptieren. Da kam es schon zu unangenehmen Diskussionen.
Impfzentren, die ein offizielles Gelbfieber-Zertifikat ausstellen können, dürfen keinen mitgebrachten Impfstoff akzeptieren. Da kam es schon zu unangenehmen Diskussionen.
Dr. Ursula Hollenstein
Fachärztin für Innere Medizin & Tropenmedizinerin
Bemerken Sie seit Corona generell eine Veränderung in der Impfbereitschaft?
Zu uns kommen vor allem Reisewillige, die sich schützen wollen und impfaffin sind. Bei dieser Klientel erkenne ich sogar ein ausgeprägteres Schutzbedürfnis. Bei Routine-Impfungen hingegen ist sehr wohl eine gewisse Zurückhaltung und Skepsis zu spüren. Manche Leute fragen nach, ob es sich um einen mRNA-Impfstoff handelt. Das hätte früher niemand thematisiert. Viele Menschen sind uns verloren gegangen, weil sie uns nicht mehr vertrauen. Das ist schlimm.
Gibt es eine neue Reihung der Dringlichkeit bei Standard-Impfungen?
Durchaus. So ist die Bekämpfung der Polio weltweit gut vorangeschritten. Die Grundimmunisierung für Kinder bleibt wichtig, eine Auffrischung ist aber nicht mehr alle zehn Jahre nötig, es reichen zwei Impfungen im Lauf des Lebens. Damit wird ein gewisser Grad an Immunisierung der Bevölkerung für den Fall einer Einschleppung aufrechterhalten. Die USA sind ein warnendes Beispiel: Dort war Polio ausgerottet, dann kam es aber vor einigen Jahren in New York State zu einem Polio-Ausbruch innerhalb einer Gemeinschaft, die aus religiösen Gründen Impfungen generell ablehnt. Hepatitis A wurde aus dem Impfplan gestrichen, weil es in Österreich praktisch nicht mehr vorkommt. Es ist jetzt eine Reiseimpfung, gehört in diesem Bereich aber zu den wichtigsten.
Welche Impfungen haben an Bedeutung gewonnen?
In Österreich dringlicher geworden ist der Schutz vor Keuchhusten. Es gibt ungewöhnlich viele Fälle, auch unter Erwachsenen. Keuchhusten ist langwierig und anstrengend. Bei Vorerkrankungen kann er auch gefährlich werden. Die Auffrischungsempfehlung wurde deshalb von zehn auf fünf Jahre gesenkt. Leider gibt es den Impfstoff nur in Kombination mit Diphterie und Tetanus. Schwangeren wird im letzten Drittel der Schwangerschaft eine Keuchhusten-Impfung empfohlen, weil sie dadurch einen wirksamen Netzschutz für das ungeborene Kind aufbauen. Dann müssen sie aber auch die Dreier-Impfung akzeptieren, obwohl die letzte vielleicht erst zwei Jahre zurückliegt. Das ist nicht gefährlich, aber lästig. Ein separierter Pertussis-Impfstoff wäre sehr wünschenswert. Extrem wichtig wäre auch eine hohe Influenza-Durchimpfungsrate, damit die besonders gefährdeten Alten und Multimorbiden nicht angesteckt werden. Aber da sind unhaltbare Gerüchte im Umlauf, Grippe und grippale Infekte werden ständig durcheinandergebracht. Die Akzeptanz ist leider gering – ein ewiges österreichisches Drama.




