Start Wissenschaft GoRed Austria: Von der Sichtbarkeit zur Struktur

GoRed Austria: Von der Sichtbarkeit zur Struktur

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Über 16.000 Frauen sterben in Österreich jährlich an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dennoch werden ihre Symptome häufig später erkannt, Risiken unterschätzt und Präventionsangebote nicht geschlechtersensibel ausgerichtet. Der erste GoRed Day in Österreich wollte das ändern – und hat eine Debatte angestoßen, die weit über einen Aktionstag hinausreicht.

Am 6. Februar wurde in Österreich erstmals offiziell der GoRed Day begangen. Rot war an diesem Tag mehr als eine Farbe. Es war ein sichtbares Zeichen für ein strukturelles Problem: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen, werden jedoch noch immer zu spät erkannt und in ihrer geschlechterspezifischen Ausprägung unzureichend berücksichtigt.

Laut den vorliegenden Kampagnenzahlen starben 2024 in Österreich über 16.000 Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Symptome unterscheiden sich häufig von jenen bei Männern: Statt des klassischen Brustschmerzes berichten Frauen über ungewöhnliche Müdigkeit, Atemnot, Übelkeit, Druck im Rücken oder Oberbauch. Diese Unterschiede führen nicht selten zu Fehlinterpretationen – mit entsprechenden Folgen für Diagnose und Therapie. Genau hier setzt GoRed Austria an.

Von einer Idee zur österreichweiten Initiative

Der Ursprung der Bewegung liegt in den USA („Go Red for Women“). In Europa fand die Initiative insbesondere in Deutschland breite Resonanz. Dort erreichte die Kampagne laut Berichten über 36 Mio. Kontakte. Der Impuls wirkte über die Grenze hinweg: Am 23. Oktober 2025 wurde offiziell bekanntgegeben, dass GoRed nach Österreich kommt.

Prim. Dr. Anna Rab
© Kristina Kircher – KRI

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen werden oft zu spät erkannt – nicht, weil die Medizin zu wenig weiß, sondern weil das vorhandene Wissen noch zu selten in der Vorsorge ankommt.

Prim. Dr. Anna Rab
Kardiologin & Mit-Initiatorin GoRed Austria

Initiiert wurde GoRed Austria von Mag. Erika Sander, Generalsekretärin der Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen Kreuze (ÖGGK), Prim. Dr. Anna Rab, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie, Kristina Hentschel, MBA, Consultant, Moderatorin und Speakerin mit Fokus auf den Gesundheitsbereich, sowie Mag. Gudrun Kreutner-Reisinger, Kommunikationsexpertin.

„Unser Ziel ist, dass wir eine möglichst große Aufmerksamkeit für das Thema Frauenherzgesundheit erreichen. Als Gesundheitskommunikatorin ist es mir besonders wichtig, dass das Fachwissen aus der Forschung bei den Frauen (und Männern) so ankommt, dass sie es verstehen und entsprechend handeln können“, sagt Gudrun Kreutner-Reisinger.

Am 29. Jänner 2026 markierte eine Auftaktveranstaltung den offiziellen Start, am 6. Februar folgte der erste GoRed Day in Österreich.

Mehr als Symbolik: Welche Effekte sichtbar wurden

Zur Freude der Initiatorinnen blieb es nicht nur bei einem symbolischen Aktionstag. Ein Blick auf die zahlreichen Folgeaktivitäten in den unterschiedlichen Versorgungsbereichen zeigt, dass GoRed einen Nerv getroffen hat.

Apotheken als niederschwellige Anlaufstellen

Im Rahmen der Aktionswoche „Herzgesundheit“ bot das Gesundheitsnetz Goldenes Kreuz vom 16. bis 21. Februar 2026 in dessen Partnerapotheken kostenlose Risiko-Checks an. Erhoben wurden Gesamt-, LDL-, HDL- und Non-HDL-Cholesterin, Triglyzeride, Blutdruck sowie zentrale Anamnesedaten und Angaben zum Gesundheitsverhalten. „Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin – diese Herzwerte sollte jeder kennen“, sagt MR Dr. Wolfgang Zillig, Präsident des Österreichischen Herzverbands. „Denn sie geben zuverlässig Auskunft über das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, und wenn man Abweichungen von den Zielwerten frühzeitig feststellt, lässt sich die Gefahr fürs Herz deutlich mindern. Dennoch wissen viel zu viele Menschen nicht über ihr Risikoprofil Bescheid, und das, obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Österreich unverändert die mit Abstand häufigste Todesursache sind“, so Zillig.

Das Angebot der Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen Kreuze (ÖGGK) wurde durch Beratung und gegebenenfalls die Empfehlung einer weiterführenden fachärztlichen Abklärung ergänzt.

Für Apothekerinnen und Apotheker unterstreicht diese Initiative die Rolle der Apotheke als niederschwelliger Zugang zur Gesundheitsprävention, ohne die Wichtigkeit einer ärztlichen Gesundenuntersuchung durch ein solches Screening in Frage zu stellen.

Betriebliche Prävention und Corporate Health

Auch Unternehmen griffen das Thema auf. Am 5. Februar 2026 machte beispielsweise das Health Mobil der ÖGGK Station in der Siemens City in Wien. Mitarbeitende konnten einen standardisierten, nicht-invasiven Cardio-Check durchführen lassen, inklusive Blutdruck- und BMI-Messung, PoC-Cholesterinbestimmung sowie – optional – die Bestimmung von Lipoprotein(a).

„Siemens Healthineers begleitet Herzgesundheit entlang des gesamten Versorgungspfads – von der Vorsorge über die Diagnostik und Behandlung bis zur Nachsorge. Mit GoRed Austria machen wir dieses Engagement auch im eigenen Arbeitsumfeld sichtbar. Denn Prävention beginnt dort, wo Menschen leben und arbeiten“, sagt Sonja Wehsely, Managing Director bei Siemens Healthineers.

Militärisches Gesundheitswesen

Den GoRed-Auftakt unterstützte auch Generalmajor DDr. Sylvia Sperandio, die Leiterin des militärischen Gesundheitswesens. In einem LinkedIn-Beitrag hieß es: „Gerade die oft unterschiedlichen Symptome bei Frauen müssen ernst genommen werden, um Gesundheit nachhaltig zu fördern und die medizinische Versorgung weiter zu verbessern.“ 

Fachgesellschaftliche Perspektive

Neben Präventionsangeboten und betrieblicher Gesundheitsförderung meldeten sich auch wissenschaftliche Akteure zu Wort. Der Verein „Meine Herzklappe“ verwies anlässlich des GoRed Day auf die hohe Zahl kardiovaskulärer Todesfälle bei Frauen und die Notwendigkeit struktureller Veränderungen. „Diese Zahl unterstreicht die Notwendigkeit, die geschlechtsspezifischen Aspekte von Herzerkrankungen noch stärker in den Fokus zu rücken“, erklärte Univ.-Prof. Dr. Christian Hengstenberg.

Damit wurde deutlich: Das Thema betrifft nicht nur individuelle Lebensstilentscheidungen, sondern berührt klinische Praxis, Studienauswertung und Versorgungsstrukturen.

Awareness allein reicht nicht

Die Initiatorinnen betonen selbst, dass Aufmerksamkeit nur der erste Schritt ist. Gerade weil mit Prim. Dr. Anna Rab eine Kardiologin zu den Initiatorinnen zählt, bekommt diese Einschätzung besonderes Gewicht: „Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen werden oft zu spät erkannt – nicht, weil die Medizin zu wenig weiß, sondern weil das vorhandene Wissen noch zu selten in der Vorsorge ankommt. Der #GoRed Day hat eindrucksvoll gezeigt, wie groß das Interesse an Frauenherzgesundheit ist. Jetzt müssen wir diesen Aufmerksamkeitsschub in konkrete Strukturen übersetzen.“ 

Ein möglicher Rahmen dafür ist der im Dezember 2025 veröffentlichte EU Cardiovascular Health Plan. Dieser sieht unter anderem die Reduktion vorzeitiger kardiovaskulärer Mortalität, die gezielte Bekämpfung zentraler Risikofaktoren sowie die Stärkung digitaler Gesundheitsstrategien vor. Bis 2035 definiert er in diesem Bereich klare Ziele. An dem Plan wirkte unter anderem Univ.-Prof. Dr. Daniel Scherr, Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, mit. Er betont: „Alle 15 Minuten stirbt in Österreich ein Mensch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Tragische ist, viele dieser Todesfälle wären vermeidbar gewesen.“

Univ.-Prof. Dr. Daniel Scherr
© Werner Stieber

Alle 15 Minuten stirbt in Österreich ein Mensch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Tragische ist, viele dieser Todesfälle wären vermeidbar gewesen.

Univ.-Prof. Dr. Daniel Scherr
Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Forderung nach systematischer, geschlechtersensibler Vorsorge an gesundheitspolitischer Relevanz.

KI als mögliche Zukunftsvision

Wenn verspätete Diagnosen ein zentrales Problem darstellen, rückt auch die Frage nach verbesserten diagnostischen Instrumenten in den Fokus. Ein Ansatz kommt aus Graz: Das Deep-Tech-Spin-off arterioscope, eine Ausgründung der Technischen Universität Graz, entwickelt derzeit eine KI-basierte Software zur Analyse kardiovaskulärer Biomarker. Hermann Moser, Co-Founder und CEO von arterioscope, erklärt: „Wir haben eine medizinisch validierte, KI-basierte Software für die Diagnose von kardiovaskulären Biomarkern entwickelt, die in direktem Zusammenhang mit Erkrankungen wie z.B. Herzinsuffizienz, Herzinfarkt, Atherosklerose, Aneurysmen, Herzklappenfehler usw. stehen.“

Die Software analysiert EKG- und PPG-Daten in Echtzeit und soll Hinweise auf Risikokonstellationen liefern. Dr. Martin Manninger-Wünscher, CMO von arterioscope und Kardiologe an der Medizinischen Universität Graz, beschreibt das Ziel so: „Der Vorteil eines solchen telemedizinischen ‚Vorscreenings‘ ist, gezielter jene Patientinnen und Patienten zu identifizieren, die tatsächlich von einer kardiologischen Abklärung profitieren – und unnötige Untersuchungen zu vermeiden.“

Auf PharmaTime-Nachfrage verwies arterioscope-CTO Dr. Vahid Badeli außerdem darauf, dass Genderrelevanz ein wichtiges Thema sei. Die KI-Software würde durch ihren Ansatz, konkret kardiovaskuläre Biomarker zu untersuchen, die symptomatische Komponente ausklammern und so genderunabhängig agieren. 

Die Technologie befindet sich derzeit noch im MDR-Zertifizierungsprozess; die CE-Kennzeichnung ist für 2027 geplant. Eine flächendeckende Anwendung in Ordinationen oder anderen Versorgungssettings ist daher noch Zukunftsmusik, wenn auch durchaus möglich, da keine teuren Geräte angeschafft werden müssten, sondern ein einfaches EKG ausreicht. Das Potenzial für strukturierte Früherkennung ist jedenfalls erkennbar – auch im Kontext digitaler Strategien, wie sie auf EU-Ebene gefordert werden.

Die Rolle der Medien

Der PharmaTime Verlag hat die Entwicklung von GoRed Austria von Beginn an begleitet und bereits 2025 über die (damals noch deutsche) Initiative berichtet. Auch der Start in Österreich sowie der erste GoRed Day wurden redaktionell aufgegriffen. Am 6. Februar setzte auch das Verlagsteam selbst ein sichtbares Zeichen.

Gerade in einem sensiblen Feld wie der Gendermedizin stellen sich Fachmedien der Verantwortung, wissenschaftliche Evidenz, gesundheitspolitische Entwicklungen und innovative Ansätze strukturiert einzuordnen. PharmaTime versteht seine Rolle darin, diese Debatte sachlich zu begleiten und Impulse für die Versorgungspraxis zu setzen.

Ausblick

Der erste GoRed Day in Österreich hat Aufmerksamkeit geschaffen und unterschiedliche Akteure mobilisiert – von Apotheken über Unternehmen bis hin zu Fachgesellschaften. Die eigentliche Bewährungsprobe steht jedoch noch bevor: die nachhaltige Verankerung geschlechtersensibler Prävention, strukturierter Risikoerkennung und evidenzbasierter Diagnostik im österreichischen Gesundheitssystem. Wenn aus einem roten Accessoire langfristige Versorgungsstrukturen entstehen, könnte der 6. Februar 2026 tatsächlich als Beginn einer breiteren Bewegung in Erinnerung bleiben – einer Bewegung hin zu einer Herzmedizin, die Unterschiede nicht als Ausnahme, sondern als Ausgangspunkt versteht.    

Informationen zur Kampagne GoRed Austria: www.gored.at

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