Start Apotheke Plötzlicher Herztod: Warum Frau Schmid ihren Geburtstag zweimal im Jahr feiert

Plötzlicher Herztod: Warum Frau Schmid ihren Geburtstag zweimal im Jahr feiert

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„Rufen – Drücken – Schocken“ – drei Wörter und eine Mission mit (und für das) Herz. Der Verein Puls kämpft und lebt für sie. Nichts zu tun ist keine Option.

In einem Moment noch mitten im Gespräch, im nächsten auf dem Boden – die Unvorhersehbarkeit des plötzlichen Herztodes hat auch Frau Schmid getroffen. Was würden Sie tun, wenn ein Mensch vor Ihren Augen zusammenbricht? Wären Sie vorbereitet? Wüssten Sie, was zu tun ist? Der Verein Puls setzt sich für die Bekämpfung des plötzlichen Herztodes in Österreich ein und spielte in Schmids Fall eine (überlebens-)wichtige Rolle.
Lächelnd und gedankenverloren zugleich sitzt Frau Schmid in ihrer braunen Ledergarnitur direkt neben dem wärmenden Kaminofen im Wohnzimmer eines mehrstöckigen Hauses. Sie trifft uns vor Weihnachten, um uns ihre berührende Geschichte zu erzählen. Nur einen Stock darüber, in ihrem Apartment, befindet sich der Ort, an dem sich vor sieben Jahren Unvorstellbares für sie ereignete: Ein plötzlicher Herz-Kreislauf-Stillstand.

Als Frau Schmid gemeinsam mit ihrem Gatten Freundinnen und Freunden das erst kürzlich renovierte Apartment im Obergeschoß zeigen will, telefonierte sie mit dem Sohn der Freunde. Unerwartet teilt sie ihm mit, dass sie sich nicht wohl fühle. Nach diesen Worten bricht sie zusammen.

Der plötzliche Herztod

In Österreich erleiden etwa 12.000 Menschen jährlich einen plötzlichen Herztod – das sind umgerechnet über dreißig an einem Tag. Das Risiko steigt mit dem Alter und steht in einem geschlechterspezifischen Zusammenhang, denn Männer sind einem höheren Risiko ausgesetzt als Frauen. Die Gründe dafür sind vielfältig: ein ungesunder Lebensstil (wie rauchen), die Angewohnheit seltener oder später zum Arzt bzw. zur Ärztin zu gehen und Stress am Arbeitsplatz. Symptome bzw. Vorboten können etwa starke Brustschmerzen, Atemnot oder der Verlust des Bewusstseins sein. Frauen können laut einem Bericht des österreichischen Gesundheitsministeriums unspezifisch bei einem Herzinfarkt reagieren bzw. keine „klassischen” Symptome entwickeln. Damit sind neben Brust- und Oberbauchschmerzen auch Rücken-, Kopf-, Zahn- und Kieferschmerzen gemeint. Schwächegefühl und Erbrechen können ebenfalls auftreten. Der Brustschmerz selbst bleibt häufig aus, weswegen Frauen als auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte einen Herzinfarkt nicht als solchen erkennen.

Dass solch akute Ereignisse häufig auf langfristigen Entwicklungen beruhen, bleibt oft im Hintergrund: Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte oder Diabetes verändern über Jahre die Gefäße und bilden die Grundlage für die koronare Herzkrankheit (KHK) – jene Erkrankung, die laut Deutscher Herzstiftung hinter einem Großteil der plötzlichen Herztode steht. Behandlungsmöglichkeiten reichen von medikamentösen Therapien bis zu Stent- und Bypassverfahren. Zugleich bleibt ein achtsamer Umgang mit Lebensstilfaktoren wesentlich, um schwerwiegende Verläufe zu verhindern.

Der Verein Puls: ein Motto und eine Mission

In Europa zählt der Herz-Kreislauf-Stillstand zur dritthäufigsten Todesursache, weshalb der Verein Puls in Wien mit makaberen und aufsehenerregenden Werbekampagnen wie etwa dem „Wiener Sensenmann” oder „Fies sein oder Leben retten”, die Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit einer schnellen Hilfe lenken möchte. Herbert Willer, der operative Geschäftsführer des Vereins erläutert deshalb das Motto „Rufen – Drücken – Schocken”: Rettung rufen, Herzdruckmassage starten und einen Schock mit dem Defibrillator abgeben.
Die einzige Maßnahme, um einen plötzlichen Herztod zu behandeln und dadurch ein Leben zu retten, ist eine gut funktionierende Rettungskette: das sofortige Absetzen des Rettungsnotrufs „144” und der unverzügliche Beginn der Herzdruckmassage mit schnellstmöglichem Einsatz eines Defibrillators – kurz Defi. (Hinweis der Redaktion: Die Defibrillatoren können auch als AED – Automatisierter Externer Defibrillator gekennzeichnet sein.)

Unverzichtbar: First-Responder und Lebensretter

Damit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte rasch geholfen wird, gibt es in Wien das First-Responder-Netzwerk. So genannte Lebensretterinnen und Lebensretter, also in Erste Hilfe geschulte Einzelpersonen, werden via App, gleichzeitig mit der Wiener Polizei, der Berufsfeuerwehr Wien und Organen der Parkraumüberwachung, alarmiert, um zeiteffizient bei einer Wiederbelebung mit einem Defibrillator zu unterstützen.
Dieses Netzwerk funktionierte auch an dem Tag, als Frau Schmid bewusstlos zu Boden sackte.

„Die sind die Treppen hochgerannt, und der ersteintreffende Polizist hat die händische Wiederbelebung gestartet, bis der Defi ausgepackt war”, beschreibt Schmid.
Die Hilfe kam nach vier Minuten. Und „der Defi kam von Puls” – dieser gab drei Schocks ab. (Anmerkung der Redaktion auf Nachfrage bei Puls-Geschäftsführer Herbert Willer: Der Defi wurde von der Wiener Polizei als wichtiger Bestandteil des vom Verein Puls initiierten First-Responder-Netzwerks eingesetzt.)

Defis in der Anwendung – einfacher als gedacht!

Öffentlich zugänglicher Defibrillator in Wien zur schnellen Hilfe bei plötzlichem Herztod
© Ines Strohmayer

In ganz Österreich gibt es unterschiedliche Standorte, die direkt über die Vereinshomepage des Vereins Puls (www.puls.at) und das österreichische Defi-Netzwerk (www.definetzwerk.at) abrufbar sind. Der Verein dokumentiert zugängliche Defi-Standorte und erweitert laufend das öffentliche Angebot. Damit wird sichergestellt, dass die Defibrillatoren-Dichte in Österreich weiter ausgebaut wird.

Defis sind essenziell für die Wiederbelebung, denn durch sie erhöht sich die Überlebensrate, wie etwa aus einer Studie zum Einsatz von Polizei-Defibrillatoren hervorgeht. Kommt nämlich ein Polizei-Defi zur Anwendung, kann doppelt so schnell, durchschnittlich nach sechs Minuten, der erste Schock abgegeben werden. Oft überschätzt: das nötige Vorwissen für die Anwendung dieser Defibrillatoren. Sie sind so programmiert, dass jeder Ersthelfer sie nutzen und damit selbst Leben retten kann. Sie funktionieren per Sprachanweisung, wodurch keinerlei Vorwissen nötig ist. Sobald ein Defibrillator einmal geöffnet wurde, leitet er den Anwender durch den Prozess und gibt genaue Erklärungen zu den einzelnen Schritten.

Viele Leute glauben, sie können etwas
falsch machen – so ist es nicht. Das Einzige, was man falsch machen kann,
ist nichts zu machen.

Herbert Willer
Geschäftsführer Verein Puls

Notfallerkennung: die entscheidenden Momente richtig deuten

Frau Schmids Ehemann erinnert sich heute noch genau zurück, dass weder er selbst noch die damals anwesenden Freunde den Ernst der Lage richtig einschätzen konnten.

„Hören-Sehen-Fühlen”

Das Überprüfen der Atmung auf drei Komponenten, also Hören, ob Atemgeräusche vorhanden sind, Sehen, ob sich der Brustkorb hebt und senkt und Fühlen, ob die Person ein- und ausatmet, ist essenziell, um zu erkennen, ob eine sofortige Wiederbelebung erforderlich ist. Im Zweifelsfall sollte man immer mit einer sofortigen Herzdruckmassage beginnen: Die betroffene Person wird dabei mit dem Rücken auf einen harten Untergrund gelegt. Mit durchgestreckten Armen drückt der Helfer mit den Handballen fest auf die Mitte des Brustkorbes der betroffenen Person – etwa fünf bis sechs Zentimeter tief und 100 bis 120 Mal pro Minute.

Ironischerweise eignet sich der Song „Staying Alive“ von den Bee Gees ideal als Taktgeber für diese Herzdruckmassage, nicht nur wegen seines Tempos, sondern auch wegen seines – in diesem Kontext – passenden Titels.

Jede Minute zählt

Jede Minute, in der nicht geholfen wird, nimmt die Überlebenswahrscheinlichkeit um ca. zehn Prozent ab. In Wien benötigt der Rettungsdienst durchschnittlich acht Minuten bis zum Eintreffen, weshalb die Wiederbelebung durch Laien oder Ersthelfer schnellstmöglich erfolgen sollte.

Bei Frau Schmid traf die Erste Hilfe nach vier Minuten ein, ehe Rettungsteams vor Ort waren. „Es kamen zwei Notarztteams, der Notarzt setzte den Defi ein, da wurde mir dann klar, dass es ernst ist. Ich war in einem Schockzustand, ich bin mir völlig hilflos vorgekommen – es war alles wie im Nebel”, erinnert sich ihr Ehepartner zurück. Nach der notfallmedizinischen Behandlung durch die Rettungsteams wurde Frau Schmid in eine Wiener Klinik transportiert, die die weitere medizinische Versorgung übernahm.

Obgleich der Tatsache, dass in Österreich ein dichtes Rettungsorganisationen-Netz besteht, liegt die Wahrscheinlichkeit, nach dem Auftreten eines Herz-Kreislauf-Stillstandes die Klinik lebend zu verlassen, nur zwischen zehn und zwanzig Prozent. Umso wichtiger ist ein gut funktionierendes Zusammenspiel aller Helfenden, wie bei Frau Schmid.

„Ich war im künstlichen Koma, eine Woche später wachte ich in einem Bett im Krankenhaus auf und wunderte mich, warum ich im Krankenhaus bin. Mir wurde dann gesagt, ich hatte einen Herzstillstand, viel mehr weiß ich nicht, außer, dass mir die Köpfe der Menschen so riesengroß vorkamen. Ich weiß nicht, ob ich das geträumt hatte, oder, ob das wahr war”, erinnert sich Frau Schmid.

Seit dem Vorfall fühlt sie vor allem Dankbarkeit. Zu ihren Lebensrettern hält sie nach wie vor Kontakt. Diese freuen sich über die gute Genesung und die Tatsache, dass keine bleibenden gesundheitlichen Schäden zurückblieben. Besonders gern erinnert sie sich daran zurück, dass sich ein junger Lebensretter unmittelbar nach dem Vorfall in der Klinik nach ihr erkundigte. „Das fand ich unglaublich toll, dass so ein junger Mann sich Gedanken macht, wie es mir geht.”

Dem Verein Puls ist sie jedenfalls für immer dankbar: „Der Verein Puls hat mir das Leben gerettet. Ich feiere jedes Jahr einen zweiten Geburtstag – ich bin jetzt mittlerweile sieben geworden.”

Weitere Informationen
Puls Verein zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes
definetzwerk – Jeder kann zum Lebensretter werden – überall
Studie zu polizeibasierten First-Responder-Systemen
Erklärvideo zur Lebensretter-App

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