THC-hältige Getränke sind in den USA zunehmend auch in regulären Supermärkten erhältlich – oft entgegen den geltenden Vorschriften. Ärzte berichten über steigende Zahlen von Kindern und Jugendlichen, die nach unbeabsichtigtem oder absichtlichem Konsum in Notaufnahmen behandelt werden. Experten fordern strengere Kontrollen, klarere Kennzeichnungen und eine konsequentere Alterskontrolle beim Verkauf.
Während Deutschland nach der Cannabis-Legalisierung laut einer aktuellen Studie lediglich einen moderaten und teilweise vorübergehenden Anstieg THC-bedingter Spitalsaufenthalte verzeichnete, wächst in den USA die Sorge über THC-hältige Getränke. Nach Berichten von Ärzten, Wissenschaftern und Branchenvertretern gelangen diese Produkte zunehmend in den regulären Einzelhandel. Das geschieht, obwohl dies in mehreren Bundesstaaten nicht zulässig ist.
Die Getränke werden häufig in Kühlregalen neben Softdrinks oder Wellness-Getränken angeboten und unterscheiden sich optisch kaum von herkömmlichen Erfrischungsgetränken. Zwar weisen die Etiketten auf den THC-Gehalt hin, die Kennzeichnung fällt laut Berichten jedoch unterschiedlich deutlich aus. Zudem werde beim Verkauf nicht immer das Alter der Käufer kontrolliert.
Teilweise deutlich höhere THC-Gehalte als erlaubt
Besonders kritisch sehen Experten die Dosierung vieler Produkte. So gilt im US-Bundesstaat New York seit 2023 eine Obergrenze von einem Milligramm THC pro Portion. Nach Recherchen des US-Pharma-Informationsdienstes STAT wurden jedoch Getränke mit fünf bis zehn Milligramm THC sowie einzelne Produkte mit bis zu 100 Milligramm angeboten.
Christopher Lackner, Leiter der Hemp Beverage Alliance, räumte gegenüber STAT ein, dass solche Verkäufe nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Gleichzeitig wachse der Markt für THC-Getränke seit Jahren stark. Für das Jahr 2026 wird das Marktvolumen auf rund 1,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Als Ursache gilt unter anderem eine Gesetzeslücke, die durch die sogenannte „Farm Bill“ aus dem Jahr 2018 entstanden ist.
Kinder und Jugendliche landen in Notaufnahmen
Kinderärzte berichten von zunehmenden Vergiftungsfällen. Rudy Kink, Kinderarzt in der Notaufnahme des Le Bonheur Children’s Hospital in Memphis, erklärte gegenüber STAT, dass sein Krankenhaus wöchentlich vier bis fünf Kinder oder Jugendliche mit THC-Vergiftungen behandelt.
Nach seinen Angaben handelt es sich sowohl um kleine Kinder, die durch die bunten Verpackungen angelockt werden, als auch um Jugendliche, die bewusst Cannabisprodukte ausprobieren. Vereinzelt würden Getränke auch mit gewöhnlichen Limonaden verwechselt.
Die Symptome reichen von Benommenheit, Verwirrtheit sowie Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Bewusstseinsstörungen oder Koma. Erst Blut- und Urinuntersuchungen würden häufig den THC-Konsum als Ursache bestätigen.
Deutlicher Anstieg bei Vergiftungen
Auch Wissenschafter beobachten eine Zunahme entsprechender Notfälle. Matthew Rossheim, Professor für Gesundheitsverwaltung und Gesundheitspolitik in Fort Worth, verweist auf einen starken Anstieg von Vergiftungen bei Kindern seit der zunehmenden Verfügbarkeit von THC-hältigen Getränken, Gummibärchen und Vapes.
Eine im Journal of Addiction Medicine veröffentlichte Studie zeigte, dass die Anrufe bei US-Vergiftungszentralen wegen Cannabisvergiftungen bei Kindern unter sechs Jahren zwischen 2009 und 2024 um mehr als 6.000 Prozent zunahmen. Bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren lag der Anstieg im selben Zeitraum bei mehr als 13.000 Prozent.
Laut der Studie musste fast ein Drittel der betroffenen Kinder intensivmedizinisch behandelt werden. Häufig wurden ein stark erniedrigter Blutdruck, Atemprobleme sowie die Notwendigkeit einer intravenösen Flüssigkeitszufuhr dokumentiert.
Hinweise auf psychische Folgen
Rossheim verwies zudem auf einen Anstieg cannabisbedingter Psychosen in Notaufnahmen. Eine Studie mit Jugendlichen in Nordkalifornien habe einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und einem erhöhten Risiko für Psychosen sowie bipolare Störungen gezeigt.
Nach Einschätzung von Tory Spindle, Pharmakologe an der Johns Hopkins University, könnten viele Konsumenten zudem gar nicht erkennen, dass es sich bei den Getränken um THC-hältige Produkte handelt. Manche würden sie lediglich als Wellness- oder Erfrischungsgetränke wahrnehmen.
Getränke wirken rascher als essbare Cannabisprodukte
Spindle untersucht derzeit die Wirkung verschiedener Cannabisprodukte. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass THC-hältige Getränke bereits nach 15 bis 20 Minuten wirken und ihren Höhepunkt nach rund 30 bis 45 Minuten erreichen.
Essbare Cannabisprodukte wie Brownies oder Gummibärchen benötigen hingegen häufig etwa eine Stunde bis zum Wirkungseintritt und erreichen ihre stärkste Wirkung erst nach zwei bis drei Stunden. Zudem scheine ein Getränk mit zehn Milligramm THC stärker zu wirken als ein essbares Produkt mit derselben Wirkstoffmenge.
Debatte über strengere Vorschriften
In den USA wird deshalb über strengere gesetzliche Regelungen diskutiert. Vorgeschlagen werden unter anderem verpflichtende Alterskontrollen ab 21 Jahren, eine deutlichere Kennzeichnung THC-hältiger Getränke sowie gesonderte Verkaufs- und Präsentationsvorschriften im Einzelhandel.
Situation in Österreich
In Österreich dürfen laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) für Lebensmittel ausschließlich Hanfsorten verwendet werden, deren THC-Gehalt unter 0,3 Prozent liegt. Dazu zählen beispielsweise Hanfsamen, Hanföl, Hanfmehl, Hanfprotein sowie Getränke auf Hanfbasis. Auch der Anbau solcher Hanfvarietäten fällt bei einem THC-Gehalt unter 0,3 Prozent nicht unter das Suchtmittelgesetz.




