Ein Suchtexperte warnt vor den gesundheitlichen, finanziellen und sozialen Folgen von Sportwetten. Während sportlicher Großereignisse suchen deutlich mehr Menschen wegen problematischen Wettverhaltens Hilfe. Fachleute sehen deshalb Handlungsbedarf.
Sportliche Großereignisse können problematisches Wettverhalten verstärken. Das berichtet Dr. Oliver Scheibenbogen, Leiter des Bereichs Akademie, Forschung und Digitalisierung am Anton Proksch Institut, im Gespräch mit der APA. In der Ambulanz des Instituts werde derzeit eine deutliche Zunahme an Anfragen im Zusammenhang mit Glücksspiel beobachtet – insbesondere wegen Sportwetten.
Nach Angaben des Suchtexperten würden Menschen, die bereits regelmäßig wetten, ihre Einsätze während großer Turniere häufig erhöhen. Gleichzeitig komme es auch bei Personen, die ihr Wettverhalten bereits unter Kontrolle hatten, vermehrt zu Rückfällen.
Wettsucht ist eine psychische Erkrankung
Problematisches Glücksspiel entwickelt sich meist schleichend und kann erhebliche gesundheitliche sowie soziale Folgen nach sich ziehen. Betroffene verlieren zunehmend die Kontrolle über ihr Spielverhalten. Typisch sind ein starker Drang weiterzuspielen, steigende Einsätze sowie der Versuch, Verluste durch weiteres Spielen auszugleichen. Fachleute sprechen dabei vom sogenannten „Chasing“. Mit der Zeit können finanzielle Schwierigkeiten, Konflikte im sozialen Umfeld und psychische Belastungen bis hin zu Depressionen oder Suizidgedanken entstehen.
Laut Scheibenbogen wird eine pathologische Glücksspielsucht – wie andere Suchterkrankungen – anhand klar definierter diagnostischer Kriterien festgestellt. Entscheidend sind unter anderem Kontrollverlust, Toleranzentwicklung sowie das Fortsetzen des Spielens trotz negativer Folgen.
Sportwetten gelten rechtlich nicht als Glücksspiel
Kritisch sieht Scheibenbogen die rechtliche Einordnung von Sportwetten in Österreich. Obwohl sie aus wissenschaftlicher Sicht dem Glücksspiel zuzuordnen seien, gelten sie rechtlich nicht als solche. Daraus würden sich geringere Werbebeschränkungen und weniger umfassende Schutzmaßnahmen ergeben.
Nach Einschätzung des Gesundheitspsychologen trägt die intensive Werbung dazu bei, Sportwetten als gesellschaftlich normal erscheinen zu lassen. Besonders problematisch sei dies für Kinder und Jugendliche, da Studien auf einen Einfluss der Werbung auf den späteren Einstieg in Sportwetten hinweisen.
Wissen schützt nicht vor Verlusten
Ein weit verbreiteter Irrtum sei laut Scheibenbogen die Annahme, Sportwetten würden vor allem von Fachwissen abhängen. Besonders bei Kombinationswetten spiele dieses jedoch kaum eine Rolle. Zwar lockten hohe mögliche Gewinne, tatsächlich seien die Gewinnchancen aber sehr gering.
Vor allem junge Männer seien von problematischem Wettverhalten betroffen. Im Anton Proksch Institut würden vier- bis fünfmal so viele Männer wie Frauen behandelt, viele davon im Alter zwischen 25 und 28 Jahren.
Hohe Schulden und psychische Belastung
Die finanziellen Folgen können erheblich sein. Nach Angaben des Anton Proksch Instituts haben Patientinnen und Patienten mit einer Glücksspielsucht durchschnittlich Schulden zwischen 35.000 und 50.000 Euro, in Einzelfällen deutlich mehr. Mit der finanziellen Belastung gehen häufig Existenzängste sowie psychische Krisen einher.
In der Behandlung spielt neben der Psychotherapie auch die Arbeit an sogenannten kognitiven Verzerrungen eine zentrale Rolle. Betroffene lernen dabei unter anderem, irrige Annahmen über Wahrscheinlichkeiten und vermeintliche Gewinnstrategien zu erkennen. Ebenso werden Angehörige in die Therapie eingebunden.
Mehr Spielerschutz gefordert
Als wichtige Maßnahme nennt Scheibenbogen einen österreichweiten Sperrverbund. Personen, die sich bei einem Glücksspielanbieter sperren lassen, sollten diese Sperre nach seiner Ansicht automatisch auch bei anderen Anbietern und für unterschiedliche Glücksspielangebote gelten. Darüber hinaus spricht er sich für strengere Werbebeschränkungen bei Sportwetten aus, insbesondere zum Schutz junger Menschen.




