Was die nächste Generation wirklich braucht – und was die Apotheke von morgen fordert. Im AFÖP-Generationengespräch zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Optimismus und Realismus.
Die österreichische Pharmazie steht vor einem Generationenwechsel, der mehr ist als ein demografischer Befund. Er ist vielmehr ein inhaltlicher, kultureller und strategischer Umbruch. Während die nächste Generation mit neuen Erwartungen, Lebensmodellen und Ideen in den Beruf drängt, wird das System Apotheke mit zunehmendem wirtschaftlichem, regulatorischem und digitalem Druck konfrontiert.
Im PharmaTime-Gespräch werfen zwei Personen und gleichzeitig zwei Generationen einen Blick auf die Zukunft der Apotheke. Dabei eint sie der AFÖP als gemeinsamer Bezugspunkt:
Sonja Glamočlija, BSc, aktuelle Präsidentin des akademischen Fachvereins österreichischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten, steht für eine Generation, die Pharmazie bewusst wählt, gestalten will und den Beruf weiterentwickeln möchte.
Mag.pharm. Christian Wurstbauer besitzt bereits jahrzehntelange Erfahrung in der heimischen Pharmazie. Er ist selbständiger Apotheker und Unternehmer. In der Funktionsperiode 2017 bis 2022 war er Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer und des Österreichischen Apothekerverbands, hat 2006 den Staatspreis für Consulting und Informationsrechnologie für das Projekt Arzneimittel-Sicherheitsgurt gewonnen und war in seiner Studienzeit AFÖP- und IPSF-Präsident. Im Gespräch mit PharmaTime warnt er davor, sich von wohlklingenden Zukunftsbildern blenden zu lassen.
Beruf mit Sinn – aber nicht ohne Brüche
Für Sonja Glamočlija beginnt die Geschichte der Pharmazie lange vor dem Studium. „Ich habe kürzlich ein altes Freundschaftsbuch aus meiner Kindheit gefunden. Ich war sieben Jahre alt – und bei Traumberuf stand bereits damals Pharmazeutin“, erzählt sie. Was sie bis heute fasziniert, ist die unmittelbare Wirkung des Berufs: „Man kommt mit Kopfschmerzen in die Apotheke, wird mit Fachwissen beraten, bekommt ein Medikament – und es hilft. Diese Form des Helfens hat mich immer angesprochen.“
Diese positive Grundhaltung teilt sie mit vielen Studierenden, mit denen sie in engem Austausch steht. Der Apothekersberuf wird als sicherer, sinnstiftender Beruf wahrgenommen, mit Entwicklungspotenzial und gesellschaftlicher Relevanz. Trotz aller Diskussionen über Rahmenbedingungen überwiegt bei vielen der Wille, etwas zu bewegen.
Christian Wurstbauer sieht diese Aufbruchsstimmung – ordnet sie aber deutlich ein. „Das traditionelle Rollenbild der Apotheke ist in Auflösung“, sagt er klar. „Sich ausschließlich als institutioneller Nahversorger mit akademischer Beratung zu sehen, geht sich heute nicht mehr aus.“ Diese Rolle werde wirtschaftlich seit Langem nicht mehr adäquat abgegolten, während sich das Umfeld rasant verändere.
Wenn Zukunft bereits stattfindet – aber anderswo
Besonders kritisch sieht Wurstbauer die Diskrepanz zwischen politischer Kommunikation und realer Entwicklung. „Es wurde und wird viel Zeit damit verschwendet, sich die Situation der Apotheke schönzureden“, sagt er. Während Apotheken mit administrativen Auflagen, nicht kostendeckenden Aufgaben und Bürokratie belastet seien, würden andere Akteure die Zukunft aktiv gestalten: digitale Vertriebskanäle, automatisierter Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln, KI-basierte Beratung.
„Für Gesundheitsinformation wenden sich die Menschen zunehmend an künstliche Intelligenz. Die Sichtbarkeit der Apotheke liegt in diesem Umfeld oft unter der Wahrnehmbarkeitsgrenze – und das ist gefährlich“, so Wurstbauer.
Glamočlija widerspricht dem nicht grundsätzlich, setzt aber einen anderen Fokus. Für sie liegt die Zukunft der Apotheke vor allem in ihrer Rolle als niederschwellige Gesundheitsanlaufstelle. „Blutdruck-, Blutzucker- oder Vitamin-D-Messungen sollten selbstverständlich in der Apotheke stattfinden“, sagt sie. Dafür brauche es allerdings entsprechende finanzielle Unterstützung und klare Signale aus der Politik.
Ausbildung: stark im Fach, spät in der Praxis
Ein Punkt, in dem sich beide Perspektiven bemerkenswert nahekommen, ist die Ausbildung. Glamočlija, die kurz vor dem Abschluss ihres Studiums steht, betont: „Fachlich werden wir sehr gut ausgebildet.“ Gleichzeitig sieht sie klare Lücken: „Was fehlt, ist die frühe Praxisnähe zur öffentlichen Apotheke – insbesondere die Kommunikation mit Kundinnen und Kunden.“
Viele dieser Kompetenzen würden erst im Aspirantenkurs vermittelt. „Gerade für schüchternere Studierende wäre es wichtig, diese Inhalte ins Studium zu integrieren.“
Wurstbauer geht noch weiter und fordert einen bewussten Perspektivwechsel. Studierende, die eine Zukunft in der Apotheke planen, sollten sich „möglichst rasch mit Apothekenunternehmern vernetzen“, um frühzeitig Einblick in wirtschaftliche und strategische Fragestellungen zu bekommen. „Nur wenn wir generationsübergreifend an einem modernen Apothekenbild arbeiten, werden wir dieses auch rechtzeitig in die Realität bringen.“
AFÖP als Raum für pharmazeutisches Engagement
Für Studierende, die sich frühzeitig engagieren möchten, bietet sich der AFÖP an. Für Glamočlija ist der AFÖP vor allem eines: ein Raum für Entwicklung. „Er durchbricht die monotone Lern-Bubble des Studiums“, sagt sie. Studierende können Projekte umsetzen, internationale Erfahrungen sammeln und sich ausprobieren – ohne Angst, alles perfekt machen zu müssen. Ihr Führungsstil ist bewusst teamorientiert: „Niemand ist allein. Studium und Ehrenamt müssen vereinbar sein.“

Der AFÖP durchbricht die monotone Lern-Bubble des Studiums.
Sonja Glamočlija, BSc
AFÖP-Präsidentin & Pharmaziestudentin
AFÖP – Fachverein Österreichischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten
Mitgliedschaft: Kostenlos Mitglied beim AFÖP werden
Instagram: AFÖP Wien | AFÖP Graz
LinkedIn: AFÖP
Wurstbauer blickt mit anderen Erinnerungen auf dieselbe Organisation zurück – aber mit ähnlichem Respekt. Seine Zeit im AFÖP, aber auch in der internationalen Dachorganisation IPSF und als deren Präsident war geprägt von internationaler Euphorie und politischem Anspruch. „Die Welt kann auf Studentenebene zusammenrücken, und junge engagierte Menschen können Großes bewegen“, sagt er rückblickend. Für ihn war das Engagement prägend – fachlich, politisch und persönlich.

Die Welt kann auf Studentenebene zusammenrücken – und junge engagierte Menschen können Großes bewegen.
Mag.pharm. Christian Wurstbauer
selbstständiger Apotheker & Unternehmer
Wünsche an die Gesundheitspolitik:
Klarheit statt Unverbindlichkeit
Beide Gesprächspartner formulieren klare Erwartungen an die österreichische Gesundheitspolitik – wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Glamočlija wünscht sich, „dass ein größerer Anteil des Budgets für Apotheken vorgesehen wird“. Das würde neue Leistungen wie Point-of-Care-Testungen flächendeckend ermöglichen und die Apotheke als dezentrale Gesundheitsdrehscheibe stärken.
Wurstbauer fordert vor allem Klarheit: „Eine klare Ansage, welche Leistungen die Politik von Apothekenunternehmen haben möchte – ausgestattet mit regulatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen.“ Ohne Planungssicherheit werde es für Apotheken immer schwieriger, sich strategisch aufzustellen, gerade angesichts möglicher Online-Konkurrenz im rezeptpflichtigen Bereich.
Standespolitik:
Promotion oder Realitätssinn?
Auch an die pharmazeutische Standespolitik richten beide deutliche Worte.
Glamočlija wünscht sich mehr aktive Kommunikation: „Dass man die Apotheke stärker als dezentrale Anlaufstelle sieht und das auch aktiv kommuniziert.“ Der Beruf müsse attraktiver präsentiert und stärker in der öffentlichen Wahrnehmung verankert werden.
Wurstbauer formuliert seine Kritik schärfer. Er fordert einen Generationenmix in den Spitzenfunktionen, mehr digitale Kompetenz und den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. „Ich wünsche mir eine Interessenvertretung, die sich zutraut, ihre Mitglieder mit der Realität zu konfrontieren – statt den langsam stattfindenden Niedergang zu moderieren.“
Botschaften an Berufsstand und Studierende
An ihre Kolleginnen und Kollegen richtet Glamočlija einen Appell zur Offenheit: „Seid nicht eingeengt im Sinne von: Das ist etwas Neues, das will ich nicht machen, sondern sagt: Ich schaue mir das an.“
Wurstbauer ergänzt diese Haltung um einen strategischen Blick: Apotheken müssten ihre digitale Präsenz ausbauen, Communitys schaffen und neue Vertriebs- und Leistungsmodelle entwickeln – nicht als Selbstzweck, sondern zur Sicherung der eigenen Zukunft.
Den Studierenden wünscht er vor allem eines: frühe Vernetzung und Mitsprache. Denn die nächste Generation wird nicht nur die Apotheke von morgen gestalten – sie wird in ihr leben und arbeiten.
Zukunftswunsch:
keine Schönfärberei, keine Angst
Zwischen Aufbruch und Realität liegt kein Widerspruch, sondern für alle Beteiligten ein Auftrag. Die beiden Sichtweisen von Sonja Glamočlija und Christian Wurstbauer zeigen klar auf: Die nächste Generation braucht Optimismus – aber einen, der sich der Realität stellt. Sie braucht Ehrlichkeit, Räume zur Entwicklung, Vorbilder und den Mut, bestehende Bilder zu hinterfragen. Der AFÖP zeigt, dass es dafür einen geeigneten Raum gibt. Jetzt liegt es an Politik, Standesvertretung und Berufsstand, die Zukunftswünsche der nächsten Generation ernst zu nehmen.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten...
Gesundheits- & Standespolitik
„Ich wünsche mir eine Interessenvertretung, die den Mut hat, ihre Mitglieder mit der Realität zu konfrontieren.”
– Mag.pharm. Christian Wurstbauer
„Ich wünsche mir, dass ein größerer Anteil des Gesundheitsbudgets für Apotheken vorgesehen wird.”
– Sonja Glamočlija, BSc
Berufsstand & Studierende
„Seid offen für Neues – nicht eingeengt im Sinne von: Das will ich nicht machen.”
– Sonja Glamočlija, BSc
„Die nächste Generation wird die Apotheke von morgen nicht nur gestalten – sie wird in ihr leben und arbeiten.”
– Mag.pharm. Christian Wurstbauer
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