Start Wirtschaft Impfgegnerschaft: Keine „amerikanische“ Geschichte

Impfgegnerschaft: Keine „amerikanische“ Geschichte

Werbung

Schritte der US-Regierung samt Kürzung der Mittel für Vakzine-Forschung und der wirksam gewordene Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden globale Auswirkungen haben.

Wenn man in den Medien wieder einmal von dem US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. über Maßnahmen zur Einschränkung der in den USA empfohlenen Impfungen bzw. vom nun erfolgten Austritt der Vereinigten Staaten aus der WHO hört, sollte man nicht glauben, dass so etwas „nur“ die USA oder viele arme Staaten der Erde betrifft, welche internationale Unterstützung benötigen. Auch Europa und die wohlhabenden Länder werden bald die Auswirkungen spüren – zuvorderst über die Pharmaindustrie.

Der aktuellste Schritt

Das US-Biotech-Unternehmen Moderna fährt seine Investitionen in die Impfstoffentwicklung zurück, da der US-Markt Impfungen zunehmend feindselig gegenübersteht, sagte Moderna-CEO Stéphane Bancel gegenüber dem Wirtschaftsdienst Bloomberg beim Weltwirtschaftsforum in Davos kürzlich.

Keine Rendite ohne US-Markt

„Ohne Zugang zum US-Markt lässt sich keine Rendite erzielen“, erklärte Bancel und merkte laut „BioSpace“ an, dass erheblicher Gegenwind den Impfstoffmarkt „deutlich verkleinert“ hätte. Insbesondere nannte der CEO regulatorische Hürden und die nachlassende Unterstützung der US-Gesundheitsbehörden als Hauptprobleme für Moderna und den Impfstoffsektor im Allgemeinen.

Moderna geht es dabei offenbar um seine mRNA-Vakzin-Kandidaten gegen Infektionskrankheiten. Im Mai vergangenen Jahres hatte das Unternehmen bereits den Zulassungsantrag für seinen Kombinationsimpfstoff gegen Influenza und COVID-19 bei der FDA zurückgezogen. Wenige Wochen später verlor Moderna einen US-Regierungsauftrag zur Bekämpfung der H5N1-Vogelgrippe mit einem potenziellen Wert von über 760 Mio. US-Dollar, nachdem das US-Gesundheitsministerium (HHS) das Projekt beendet hatte.

Beibehalten will das Unternehmen offenbar seine Pläne für die Entwicklung von Vakzinen zur Behandlung von Krebserkrankungen und von seltenen Erkrankungen. Diese Ideen sind bisher von den impfskeptischen bis impfoppositionellen Ideologien der Trump-Administration (noch) nicht erfasst worden.

Pfizer, Sanofi, AstraZeneca …

Das US-Gesundheitsministerium war jahrzehntelang ein wichtiger Geldgeber für die Entwicklung vieler Vakzine, die später in den kommerziellen Markt gelangten. Eine Plattform von mehreren war dabei die US-Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA), die über Forschungsaufträge Geld für Universitätsinstitute und die Pharmaindustrie für die Grundlagen- und translationale Forschung rund um Impfstoffe bereitstellte.

Kennedy hat bereits am 5. August vergangenen Jahres die sprichwörtliche Axt angelegt: „Die BARDA beendet 22 Investitionen in die Entwicklung von mRNA-Impfstoffen, weil die Studien zeigen, dass diese Impfstoffe keinen wirksamen Schutz gegen Infektionen der oberen Atemwege wie COVID-19 und Grippe bieten. Wir verlagern diese Fördermittel daher hin zu sichereren, breiter anwendbaren Impfstoffplattformen, die auch bei Virusmutationen wirksam bleiben.“

Betroffen war beispielsweise ein Projekt von Moderna, der Universität von Texas und des US-Verteidigungsministeriums zur Entwicklung von Vakzinen gegen Filovirus-Infektionen (Marburg, Ebola usw.). Zurückgewiesen wurden Ansuchen für Förderungen in Sachen Vakzineentwicklung von Pfizer und Sanofi, auch AstraZeneca war betroffen.

Pfizer-Chef Bourla spricht Klartext

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sprach Pfizer-Chef Albert Bourla jedenfalls Klartext. Ein Großteil der Biopharmabranche hat sich in den vergangenen zwölf Monaten vorsichtig gegenüber der Trump-Administration verhalten hat – trotz der von ihr verursachten Turbulenzen in der US-amerikanischen medizinischen Forschung und Regulierung. Der Pharmakonzern-CEO äußerte bei einer Veranstaltung des Wall Street Journal unverblümt Kritik an US-Gesundheitsminister Kennedy.

„Ich führe sehr produktive Gespräche, wenn es um Krebsheilmittel geht – wenn es um die Meistbegünstigungsklausel (Reduktion der US-Pharmapreise auf Niveau von Vergleichsstaaten; Anm.) geht“, sagte Bourla. „Wenn man anfängt, über Impfstoffe zu sprechen, ist das eine ganz andere Welt, da herrscht fast schon Religionscharakter.“

Auf die Frage, was sich ändern müsse, damit die Diskussion über Impfungen in den USA wieder positiv vorankäme, sagte Bourla klipp und klar: „Der Gesundheitsminister“, dessen Position „wissenschaftsfeindlich“ sei.

Im Juni vergangenen Jahres hat das US-Gesundheitsministerium alle 17 Mitglieder des beratenden Ausschusses für Impfstoffe (ACIP) der US-amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC) entlassen. Das Gremium wurde mit impfskeptischen neuen Mitgliedern besetzt. Erst vor wenigen Wochen wurde der langjährige Impfplan für US-Kinder gekürzt. Die umfassenden Empfehlungen für die Impfungen gegen COVID-19, Influenza, Rotavirus, Meningitis sowie Hepatitis A und Hepatitis B wurden gestrichen.

US-Markt schrumpft

Die Auswirkungen auf die Pharmaindustrie sind bereits erkennbar. „Im dritten Quartal 2025 verzeichneten mehrere große Impfstoffentwickler, darunter Pfizer und GSK, weltweit steigende Impfstoffverkäufe, während diese in den USA zurückgingen. Sanofis Finanzvorstand François Roger sprach in einer Telefonkonferenz sogar von der ‚negativen Stimmung‘ rund um Impfstoffe“, schrieb der US-Informationsdienst „Fierce Pharma“.

Der Rückgang der Impfstoffverkäufe war naturgemäß bei Unternehmen, die sich gerade auf Vakzine spezialisiert haben, am deutlichsten zu spüren. Das australische Unternehmen CSL Behring machte im vergangenen Jahr aufgrund der „erhöhten Volatilität auf dem aktuellen US-Grippeimpfstoffmarkt“ einen Rückzieher bei seinen Plänen, seine Impfstoffsparte auszugliedern, so CSL-CEO Brian McNamee.   

Neue Artikel

Vitiligo: Mehr als nur weiße Flecken

Die Weißfleckenkrankheit rückt durch aktuelle Anlässe wieder ins öffentliche Bewusstsein. Doch viele kennen die Autoimmunerkrankung kaum. Was hinter Vitiligo...

Kleine Bewegungseinheiten senken Sterberisiko

Schon wenige Minuten mehr Bewegung im Alltag können das Sterberisiko messbar senken. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt, dass selbst kleine...

Social Media-Verbot bis 14 und Lehrplanreform fix

Die Bundesregierung beschließt ein Social Media-Verbot für unter 14-Jährige und reformiert gleichzeitig den Lehrplan der AHS-Oberstufe. Mehr Medienkompetenz und...

Alterndes Gehirn besser verstehen

Forschende der Med Uni Graz zeigen, wie sich das Gehirn im Alter verändert und warum nicht jeder Abbau der...

 Weitere Artikel

Vitiligo: Mehr als nur weiße Flecken

Die Weißfleckenkrankheit rückt durch aktuelle Anlässe wieder ins öffentliche Bewusstsein. Doch viele kennen die Autoimmunerkrankung kaum. Was hinter Vitiligo...

Kleine Bewegungseinheiten senken Sterberisiko

Schon wenige Minuten mehr Bewegung im Alltag können das Sterberisiko messbar senken. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt, dass selbst kleine...

Social Media-Verbot bis 14 und Lehrplanreform fix

Die Bundesregierung beschließt ein Social Media-Verbot für unter 14-Jährige und reformiert gleichzeitig den Lehrplan der AHS-Oberstufe. Mehr Medienkompetenz und...