Algen als Nahrungsmittel liegen im Trend. Dabei haben sie in mehreren Küchen schon lange Tradition – ob nun in Maki, als Salat oder als Gemüsebeilage. Darüber hinaus werden Mikroalgen häufig als Nahrungsergänzungsmittel und Lifestyle-Produkt gehypt. Doch wie steht es tatsächlich um den Nährstoffgehalt? Wir geben einen Überblick.
Algen (lat. alga = Seegras, Tang) gibt es wie den sprichwörtlichen Sand am Meer – in unglaublich großer Menge. Sie sind durch eine immense Artenvielfalt gekennzeichnet und in fast allen nassen Ökosystemen zu finden, von Süßwasserseen bis hin zu Ozeanen. Je nach Größe werden Algen in zwei Hauptgruppen unterteilt: Mikro- und Makroalgen.
Mikroalgen
klein und vielseitig
Mikroalgen, auch Phytoplankton genannt, sind mikroskopisch kleine, meist einzellige Lebewesen, die frei im Wasser schweben und nur in größeren Ansammlungen sichtbar werden (z.B. Kieselalgen im Aquarium). Sie sorgen durch Photosynthese für einen großen Teil der weltweiten Sauerstoffproduktion und dienen vielen Wasserlebewesen als Nahrung. Zu den bekanntesten Vertretern zählen Spirulina (streng genommen ein Cyanobakterium) und Chlorella. Sie werden häufig als Nahrungsergänzungsmittel verkauft oder ausgewählten Produkten wie Nudeln, Crackern und Smoothies zugesetzt. Darüber hinaus finden sie bei der Herstellung von Biokraftstoffen, Bio-Diesel, Schmieröl, als natürlicher Farbstoff sowie in Kosmetika Verwendung.
Mikroalgen können in mehreren Systemen gezüchtet werden, von offenen Teichen bis hin zu abgeschlossenen Photobioreaktoren. Dabei handelt es sich um horizontal oder vertikal verlaufende Glasröhrensysteme, in denen die Algen permanent in Bewegung gehalten werden, damit alle Licht bekommen und rasch wachsen. Während offene Anlagen kostengünstiger sind, bieten geschlossene eine bessere Kontrolle über die Umweltbedingungen und reduzieren das Risiko von Verunreinigungen. Sind genügend Algen gewachsen, werden sie über Zentrifugen oder Siebe geerntet. Abschließend wird das getrocknete Pulver abgepackt, zu Tabletten gepresst oder in Kapseln gefüllt.

Makroalgen
groß und kulinarisch
Makroalgen sind mehrzellige Organismen, die mehrere Meter lang werden können (z.B. Seetang im Meer). Sie wachsen typischerweise an Felsen, am Meeres- oder Seegrund und bilden oft dichte Unterwasserwälder, die wichtige Lebensräume für viele Wassertiere sind. Je nach Farbe werden sie in Braun- und Rotalgen eingeteilt, die vorwiegend in Salzwasser vorkommen, oder Grünalgen, die überwiegend im Süßwasser angesiedelt sind. Wakame, Kombu, Nori und Dulse sind nur einige Beispiele für essbare Vertreter. Dabei kommen Makroalgen keinesfalls nur in der asiatischen Küche auf den Tisch. Auch in den Küstengebieten Islands, Irlands, Schottlands oder der Bretagne stehen sie traditionell am Speiseplan. Weitere Verwendung finden sie zudem in der Lebensmittelverarbeitung. So dienen etwa Agar Agar, Alginat oder Carrageen als pflanzliches Gelier- und Verdickungsmittel in Eis, Marmeladen oder Süßigkeiten.
Makroalgen werden entweder in der freien Natur gesammelt oder gezielt in Aquakulturen gezüchtet. Beim Sammeln ist es jedoch wichtig, vielbefahrene Häfen oder Küstenabschnitte in der Nähe von Kraftwerken und Abwassereinleitungen zu vermeiden, da das Wasser und damit auch die dortigen Algen verunreinigt sein können. In der Aquakultur werden die Algen aktiv auf Leinen und Netzen im Meer oder in speziellen Becken angebaut und geerntet, sobald sie groß genug sind. Der Großteil der marinen Makroalgen stammt aus einer solchen Zucht. Hauptproduktionsländer dafür sind China, Japan, die Philippinen, Nord- und Südkorea sowie Chile. Auch in Frankreich, Irland, Großbritannien und Norwegen werden Algen angebaut. Die europäischen Produktionsmengen sind vergleichsweise jedoch gering.
Günstiges Aminosäuremuster in Mikroalgen
Im Zuge der Entwicklung zu einer vermehrt pflanzlichen Ernährung und der Suche nach schnell wachsenden Rohstoff- und Eiweißquellen rückt das Potenzial der Algen zunehmend in den Fokus. Als Nahrungsergänzungsmittel werden die Mikroalgen Spirulina und Chlorella hauptsächlich wegen ihres Eiweiß- und Vitamin-B12-Gehalts beworben. Mikroalgen beinhalten alle neun essenziellen Aminosäuren: Histidin, Isoleucin, Leucin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan und Valin. Diese können vom Körper nicht gebildet und müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Das macht sie grundsätzlich zu einer interessanten pflanzlichen Eiweißquelle. Hinsichtlich Vitamin B12 muss man jedoch unterscheiden: Während Chlorella Vitamin B12 aus der Umgebung aufnehmen und ansammeln kann, enthält Spirulina hauptsächlich Pseudovitamin B12, das für Menschen nicht bioverfügbar ist. Chlorella kann somit als vegane Vitamin-B12-Quelle dienen, Spirulina nicht.
Schwankender Nährstoffgehalt in Makroalgen
Makroalgen enthalten je nach Algenart eine Reihe von Aminosäuren, die für den herzhaften Umami-Geschmack verantwortlich sind. Darunter Glutaminsäure, Asparaginsäure, Glycin und Alanin. Allerdings weisen sie weniger der essenziellen Aminosäuren wie Lysin, Threonin, Tryptophan, Cystein und Methionin auf als andere eiweißreiche Nahrungsmittel. Darüber hinaus reichern sie sich mit Mineralstoffen und Spurenelementen aus ihrer Umgebung an, was je nach Gebiet etwas unterschiedliche Nährstoffe bedeutet. Zu beachten ist zudem, dass die Zusammensetzung auch stark durch weitere Umweltfaktoren, den Erntezeitpunkt sowie die angewandten Konservierungs- und Zubereitungsmethoden beeinflusst wird.

Alltagsrelevanz berücksichtigen!
Die teilweise vielversprechenden Nährwerte von Mikroalgen sind im Alltag zu relativieren. Ein Beispiel: Wenn eine Mikroalgen-Tablette etwa zwei bis drei Gramm Eiweiß enthält, ist dies kein nennenswerter Beitrag. Denn bei einem täglichen Bedarf von 0,8g pro kg Körpergewicht liegt die optimale Eiweißzufuhr bei einer Person mit einem Körpergewicht von 70kg bei 56g pro Tag. Die Algen-Tablette würde demnach lediglich etwa 4,5% der empfohlenen Aufnahme ausmachen. Es ist jedoch auch nicht ratsam, die Dosis zu erhöhen, weil bei übermäßigem Konsum von Spirulina oder Chlorella unerwünschte Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und in Extremfällen sogar Nierenprobleme auftreten können.
Beim Verzehr von Makroalgen ist wiederum ihr potenziell hoher Jodgehalt zu bedenken. Jod ist ein wichtiges Spurenelement, in Binnenländern wie Österreich sind die Menschen jedoch häufig unterversorgt, was sich langfristig negativ auf die Schilddrüse auswirken kann. Daher wird Speisesalz hierzulande mit Jod angereichert. Langfristig kann zu viel Jod allerdings auch schädlich für die Schilddrüse sein. Die empfohlene Aufnahme liegt bei 200µg pro Tag und wird durch angereichertes Speisesalz in der Regel nicht überschritten. In getrockneten Algenprodukten wurden bei einer Untersuchung am Chemischen- und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart jedoch Mengen zwischen 10 und 5.800µg/g gefunden. Da die Jodgehalte derart stark variieren, ist es ratsam, Algenprodukte mit gekennzeichnetem Jodgehalt zu wählen. Um die Jodaufnahme zu reduzieren, kann das Waschen und Einweichen der Algen hilfreich sein.
Ganz generell ist zu sagen, dass die Algenportionen in Zentraleuropa in der Regel recht klein sind und ein vermeintliches Nährstoffplus durch die aufgenommenen Mengen an Eiweiß, Mineralstoffen oder Vitaminen durch eine bunte Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten meist größer ist. Etwaigen Gesundheitsversprechen oder Superfood-Hypes sollte man daher mit Vorsicht begegnen.
Kreativitätsplus in der Küche
Dennoch bringen Algen Farbe und Innovationspotenzial für die heimische Küche mit sich. So kann man mit Mikroalgenpulver sämtliche Gerichte wie Smoothies, Pancakes, Kuchen oder Aufstriche leuchtend grün aufpeppen und auch Makroalgen wie Nori und Wakame bereichern Speisen mit ihrer Umami-Note. Letzteres findet zunehmend in der Spitzengastronomie Verwendung. Darüber hinaus gibt es auch potenziell unerwartete Varianten von Algengerichten: Dulse, oft als „Speck des Meeres“ bezeichnet, kann geröstet als knuspriger Snack serviert werden und Riementang, auch „Meeresspaghetti“ genannt, eignet sich als Pasta-Ersatz. Diese vielfältigen Anwendungen machen Algen zu einem innovativen Element in der modernen Küche, das die kulinarische Kreativität fördert.
Fazit
Algen sind vielseitige Organismen, die von der Kraftstoff- bis zur Lebensmittelerzeugung eingesetzt werden. Ihr Nährstoffgehalt wird oft als hochwertig bezeichnet, jedoch hängt die tatsächliche Verfügbarkeit stark von Umweltfaktoren, der Kultivierungs- und Verarbeitungsmethode sowie der spezifischen Algenart ab. Daher ist eine differenzierte Betrachtung nötig. Aufgrund der meist geringen Verzehrmengen ist ihr Beitrag zur Nährstoffversorgung generell überschaubar. Dennoch können sie zu mehr Vielfalt auf dem Teller beitragen.
Vorsicht bei Spirulina
Spirulina ist nicht geeignet für Personen mit Phenylketonurie, da die Aminosäure Phenylalanin enthalten ist. Auch allergische Reaktionen sind möglich.




