Start Wissenschaft Medizin Gender Health Gap: geschlechtersensiblere Versorgung gefordert

Gender Health Gap: geschlechtersensiblere Versorgung gefordert

Laut dem aktuellen Allianz Gesundheitsbarometer 2025 wünschen sich mehr als sieben von zehn Österreicherinnen und Österreichern eine stärker geschlechtersensible Gesundheitsversorgung. Besonders kritisch sehen den Gender Health Gap Frauen. Die Umfrage beleuchtet Wissenslücken, konkrete Diskriminierungserfahrungen und gesellschaftliche Folgen.

Zufriedenheit mit Einschränkungen

Die Österreicherinnen und Österreicher sind laut dem Allianz Gesundheitsbarometer 2025 grundsätzlich mit der heimischen Gesundheitsversorgung zufrieden – allerdings mit Einschränkungen. Lange Wartezeiten auf Termine und zu wenig Zeit mit Ärztinnen und Ärzten werden dabei häufig kritisiert.

In der Mitte Mai vorgestellten repräsentativen Umfrage zeigt sich zudem, dass Frauen die medizinische Versorgung deutlich kritischer sehen als Männer. Dabei gehe es etwa um unsensibles Verhalten und die Verharmlosung ihrer Beschwerden.

Gender Health Gap sorgt für Besorgnis

Mehr als die Hälfte der von Marketagent befragten Frauen zeigte sich stark besorgt über den sogenannten Gender Health Gap – die Geschlechterungleichheit in medizinischer Forschung, Diagnostik und Behandlung. Auch Männer vergeben mit 73% deutlich mehr Bestnoten für das Gesundheitssystem als Frauen (64%). Insgesamt wünschten sich laut dem Barometer 71% eine geschlechtersensiblere Versorgung – durch Forschung, Aufklärung und bessere Ausbildung von Gesundheitspersonal.

Jovana Nović, COO Allianz Österreich
© Allianz / Cardes

Frauen in Österreich erleben tagtäglich, dass ihre Beschwerden nicht ausreichend ernst genommen werden oder geschlechtsspezifische Unterschiede in der medizinischen Versorgung zu wenig berücksichtigt werden.

Jovana Nović
COO der Allianz Österreich

„Frauen in Österreich erleben tagtäglich, dass ihre Beschwerden nicht ausreichend ernst genommen werden oder geschlechtsspezifische Unterschiede in der medizinischen Versorgung zu wenig berücksichtigt werden“, sagte Jovana Nović, COO der Allianz Österreich. „Wenn Frauen nicht ernst genommen und dadurch Risiken übersehen werden, ist das nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem.“

Gendermedizin: Begriff kaum bekannt

Trotz wissenschaftlicher Belege für den Gender Health Gap haben laut Umfrage rund drei Viertel der Bevölkerung noch nie von den Begriffen Gender Health Gap oder Gendermedizin gehört. Frauen und jüngere Menschen sind etwas besser informiert:

  • 28 % der Frauen (vs. 17 % der Männer)
  • 34 % der 14- bis 19-Jährigen
  • 29 % der 20- bis 29-Jährigen

Überraschung über ungleiche Behandlung

Besonders erstaunt zeigten sich die Befragten über konkrete Beispiele ungleicher Behandlung:

  • 64 % waren überrascht, dass Frauen Schmerzmittel häufig verzögert erhalten
  • 58 % fanden es unerwartet, dass die medizinische Forschung stark männlich dominiert ist
  • etwa die Hälfte zeigte sich erstaunt über Unterschiede in der Diagnose von Depressionen und Herzinfarkten

„Medizinische Studien waren lange Zeit vor allem auf männliche Probanden ausgerichtet und sie wurden als Maßstab für die Behandlung aller herangezogen. Vielen ist nicht bewusst, dass diese Einseitigkeit bis heute nachwirkt“, erklärte Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der MedUni Wien. „Dabei unterscheiden sich Männer und Frauen in Symptomen, Krankheitsverläufen und Therapieansprechen – und das wird in der medizinischen Praxis noch immer zu wenig berücksichtigt.“

Fehldiagnosen, unzureichende Therapien und strukturelle Benachteiligung seien die Folge. „Gendermedizin ist deshalb kein Spezialthema, sondern Voraussetzung für eine gerechtere und bessere Versorgung aller Menschen“, betonte Kautzky-Willer.

Vertrauen hoch, soziale Kompetenz ausbaufähig

Positiv wurde im Barometer festgehalten, dass sich die Österreicherinnen und Österreicher überwiegend gesund fühlen:

  • 60% bewerten ihren Gesundheitszustand als ausgezeichnet bis gut
  • 77% vertrauen ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzte
  • 66% haben Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte allgemein
  • 65% vertrauen der medizinischen Forschung

Die soziale Kompetenz des medizinischen Personals wird hingegen nur von 54% als gut beurteilt.

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