Frauen fühlen sich im österreichischen Gesundheitssystem deutlich häufiger nicht ernst genommen als Männer. Der Austrian Health Report 2026 zeigt Unterschiede bei der Wahrnehmung der medizinischen Versorgung und der psychischen Belastung. Zugleich sinkt das Vertrauen in die Arzneimittelversorgung, während viele Befragte einen schnelleren Zugang zu medizinischen Leistungen für zahlungskräftige Menschen vermuten.
44 Prozent der Frauen in Österreich berichten, dass ihre Schmerzen oder Symptome bei Arztbesuchen zumindest gelegentlich nicht ernst genommen wurden. Unter Männern liegt dieser Anteil bei 23 Prozent. Das zeigt der Austrian Health Report 2026, den das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) im Auftrag des Arzneimittelherstellers Sandoz erstellt hat.
Für die repräsentative Erhebung wurden im Juli 2026 insgesamt 1.000 Menschen telefonisch und online befragt. Der diesjährige Schwerpunkt liegt auf geschlechterspezifischen Unterschieden in der Gesundheitsversorgung.
Frauen deutlich seltener mit Gesundheitssystem zufrieden
Während 56 Prozent der Männer mit dem österreichischen Gesundheitssystem zufrieden oder sehr zufrieden sind, trifft dies nur auf 41 Prozent der Frauen zu.
Auch die Erfahrungen bei ärztlichen Behandlungen unterscheiden sich. 36 Prozent der Frauen geben an, dass ihre Beschwerden bereits als psychisch oder psychosomatisch abgetan wurden. Bei Männern sind es 15 Prozent.
Weniger als die Hälfte der Frauen geht davon aus, dass Ärztinnen und Ärzte geschlechterspezifische Unterschiede bei der Behandlung berücksichtigen. Bei Männern sind es knapp zwei Drittel.
Dr. Thomas Czypionka, Leiter der Forschungsgruppe Gesundheitssysteme und Gesundheitspolitik am Institut für Höhere Studien (IHS), warnt vor den Folgen einer unzureichenden Berücksichtigung solcher Unterschiede. Als Beispiele nennt er die Vorsorge bei Männern und Erkrankungen wie Endometriose bei Frauen. Eine gezieltere Versorgung könne dazu beitragen, Ressourcen effizienter einzusetzen.
Wissenslücken bei Arzneimitteln und Erkrankungen
Der Report untersucht auch, wie gut die Bevölkerung über unterschiedliche Krankheitsverläufe, Symptome und Arzneimittelwirkungen informiert ist.
72 Prozent der Frauen und 68 Prozent der Männer wissen, dass sich die Wirkung von Medikamenten zwischen den Geschlechtern unterscheiden kann. Dass Herzinfarkte unterschiedliche Auswirkungen haben können, ist 70 Prozent der Frauen und 59 Prozent der Männer bekannt. Weniger bekannt sind geschlechterspezifische Unterschiede bei Erkrankungen wie AD(H)S und Autismus.

Mental Load belastet Frauen zusätzlich
Neben den Erfahrungen im Gesundheitssystem untersucht die Studie die Verteilung gesundheitlicher Aufgaben innerhalb von Partnerschaften.
Rund zwei Drittel der Frauen in einer Partnerschaft übernehmen nach eigenen Angaben die Organisation gesundheitlicher Angelegenheiten innerhalb der Familie. Dazu zählen beispielsweise Arzttermine und Vorsorgeuntersuchungen. Bei Männern mit Partnerinnen liegt dieser Anteil bei 44 Prozent.
Bei der Betreuung erkrankter oder verletzter Familienmitglieder ist der Unterschied noch größer: 58 Prozent der Frauen in Partnerschaften sehen diese Aufgabe überwiegend bei sich selbst, gegenüber 21 Prozent der Männer mit Partnerinnen.
Mag. Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), verweist auf die psychischen Folgen dieser Mehrfachbelastung. Neben Beruf und Betreuungsarbeit spiele die dauerhafte Verantwortung für die Organisation des Familienalltags eine wesentliche Rolle.
Auch die Selbsteinschätzung der psychischen Gesundheit fällt unterschiedlich aus. 26 Prozent der Frauen bewerten diese als sehr gut, bei Männern sind es 32 Prozent.
Menstruationsbeschwerden beeinträchtigen den Berufsalltag
Weitere Ergebnisse verdeutlichen die Auswirkungen gesundheitlicher Beschwerden auf den Alltag. 30 Prozent der befragten Frauen unter 60 Jahren berichten, dass ihre Menstruation den Alltag stark beeinträchtigt. Weitere 25 Prozent geben mittlere Beeinträchtigungen an. Besonders betroffen sind Frauen zwischen 30 und 44 Jahren. Rund jede vierte berufstätige Frau geht mindestens einen Tag pro Zyklus trotz starker Menstruationsbeschwerden zur Arbeit.
KI als Informationsquelle bei Gesundheitsfragen
Künstliche Intelligenz spielt bei der Suche nach Gesundheitsinformationen eine Rolle.
Mehr als zwei Drittel der Frauen, die mindestens einmal monatlich KI nutzen, stellen ihr zumindest gelegentlich auch Gesundheitsfragen. Bei den männlichen KI-Nutzern sind es sechs von zehn.
Die Studienautoren beurteilen diese Entwicklung aufgrund von Unsicherheiten hinsichtlich der Informationsquellen und der Regulierung kritisch.
Vertrauen in die Arzneimittelversorgung sinkt
Abseits des Schwerpunkts Gender Health zeigt der Report eine zunehmende Skepsis gegenüber der Medikamentenversorgung.
Nur noch 37 Prozent der Befragten halten diese in Österreich für gesichert. Im Vorjahr waren es 44 Prozent. Für fast neun von zehn Befragten ist die Arzneimittelproduktion in Österreich wichtig. Frauen messen ihr etwas häufiger Bedeutung bei als Männer.
Als wichtigste Gründe nennen die Befragten die Verringerung außereuropäischer Abhängigkeiten und die Versorgungssicherheit im Krisenfall. Neun von zehn sprechen sich dafür aus, dass österreichische Krankenkassen in Europa produzierte Medikamente bevorzugen sollen.
Große Mehrheit nimmt Zwei-Klassen-Medizin wahr
Auch der Zugang zu medizinischen Leistungen wird kritisch beurteilt. 82 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Menschen, die es sich leisten können, schneller behandelt werden. 57 Prozent kritisieren zu lange Wartezeiten auf Arzttermine und Operationen. Ebenso deutlich fällt die Haltung zu möglichen Einsparungen aus: 82 Prozent lehnen Kürzungen in der Gesundheitsversorgung ab.




