Aktuelle Studien rund um Energy Drinks und Taurin sorgen derzeit für Aufsehen. PharmaNow fasst zusammen, wie es um die Herzgesundheit jugendlicher „High Consumer“ von Energy Drinks steht, ob Taurin tatsächlich Anti-Aging-Potenzial hat, und was hinter der Meldung steckt, dass Taurin Krebs verursache.
Fast jeder dritte Jugendliche in Deutschland trinkt regelmäßig Energy Drinks. Das ergab eine kürzlich veröffentlichte Umfrage, die vom Forschungsinstitut Forsa im Auftrag der Verbraucherorganisation foodwatch durchgeführt wurde. Demnach trinken 19% der Befragten mehrmals im Monat Energy Drinks, 8% mehrmals pro Woche und 2% täglich.1 In Österreich gibt es Daten aus 2022, die zeigten, dass rund 8% der österreichischen Schülerinnen und Schüler täglich mindestens einen Energy Drink konsumieren2.
Beeinträchtigen Energy Drinks die Herzgesundheit von Jugendlichen?
Ob und welche gesundheitlichen Folgen ein dauerhaft hoher Konsum von Energy Drinks abseits akuter negativer Effekte für die Herzgesundheit von Jugendlichen hat, war bisher nicht bekannt. Dies wurde nun in der EDKAR-Studie3 (Energy Drinks und KARdiologisches Risiko) erstmals untersucht. Die Ergebnisse wurden vor einigen Tagen im „European Journal of Epidemiology“ veröffentlicht.
„Es ist seit langem bekannt, dass Energy Drinks aufgrund ihres hohen Koffeingehalts eine akute Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem haben und bei hohem Konsum beispielsweise Herzrasen oder eine Erhöhung des Blutdrucks auslösen können“, so Prof. Dr. Cornelia Weikert, Leiterin des Humanstudienzentrums Gesundheitlicher Verbraucherschutz am deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer Presseaussendung. „Mit unserer Studie wollten wir herausfinden, ob diese negativen Effekte der Energy Drinks die Herzgesundheit der Jugendlichen auch nachhaltig beeinträchtigen.“
Die Forschenden vom BfR und der Charité Universitätsmedizin Berlin befragten dazu 5.000 Berliner Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Jene, die angaben, seit mindestens einem Jahr an mindestens vier Tagen pro Woche Energy Drinks getrunken zu haben, wurden zu einer kardiologischen Untersuchung eingeladen.
Jugendliche „High Consumers“ zeigen keine Herzschädigung
Insgesamt verglichen die Wissenschafter kardiologische Daten von 97 Jugendlichen mit chronisch hohem Konsum mit denen von 160 Jugendlichen einer Kontrollgruppe. Das Ergebnis: Blutdruck, Herzrate oder Herzstrukturen der „High Consumers“ unterschieden sich nicht von jenen der Kontrollgruppe. Zumindest bezogen auf die beobachtete Dauer von einem Jahr.
Von Bedeutung in diesem Zusammenhang ist jedoch ein weiteres Ergebnis der Studie: Jugendliche, die große Mengen an Energy Drinks trinken, rauchen im Vergleich zur Kontrollgruppe häufiger Tabak und Marihuana, trinken mehr Alkohol und schlafen weniger. Das heißt, sie zeigen vermehrt Verhaltensweisen, die die Herzgesundheit auf lange Sicht gefährden können.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)4 hält eine tägliche Aufnahme von 3mg Koffein pro kg Körpergewicht bei Kindern und Jugendlichen für gesundheitlich unbedenklich. Jugendliche mit einem Körpergewicht von 50kg würden diesen Wert bereits beim Verzehr von zwei handelsüblichen Energy Drinks (80mg Koffein je 250-ml-Dose) überschreiten.
Taurin ist doch kein Anti-Aging-Mittel
Die Aminosäure Taurin ist ein typischer Inhaltsstoff vieler Energy Drinks und soll die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit steigern. Taurin wird auch vom menschlichen Körper selbst produziert sowie v.a. mit Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte über die Nahrung aufgenommen.
In den letzten Jahren wurde Taurin zusätzlich eine lebensverlängernde Wirkung zugesprochen. Einige Studien an Mäusen, Fadenwürmern und Affen gezeigt hatten, dass die Taurinkonzentrationen im Blut mit zunehmendem Alter abnehmen. Man ging davon aus, dass eine Supplementierung sowohl die Gesundheitsspanne als auch die Lebensdauer verlängern könnte. Taurin galt demnach als Marker für den Alterungsprozess.
Als Altersindikator ungeeignet
Aktuelle Studienergebnisse eines Forschungsteams des National Institutes on Aging (National Institute of Health in Baltimore, USA) ergeben nun ein komplexeres Bild. In der im Fachjournal „Science“ kürzlich veröffentlichten Studie5 berichteten die Autoren über Ergebnisse an Mäusen, Affen und drei großen menschlichen Probandengruppen. Diese wurden longitudinal untersucht. Das heißt, es wurden mehrere Messungen derselben Individuen zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt.
Dabei stellten die Wissenschafter große Unterschiede in den zirkulierenden Taurinkonzentrationen zwischen den einzelnen Individuen fest. „Die interindividuelle Schwankungsbreite des zirkulierenden Taurins ist im Allgemeinen größer als die longitudinale Veränderung über die gesamte Lebensspanne, was seine Verwendbarkeit als Biomarker für das Altern einschränkt“, schreibt das Team um Studienleiter Rafael de Cabo und Erstautorin Maria Emilia Fernandez.
Taurin lässt Leukämiezellen wachsen
Eine weitere Meldung rund um Taurin ließ ebenfalls kürzlich aufhorchen: es soll das Krebsrisiko erhöhen. Diese Formulierung mag wohl etwas übertrieben sein. Konkret zeigte die kürzlich in „Nature“ veröffentlichte in-vivo-Studie6 an Leukämiezellen, dass Taurin im Stoffwechsel von Blutkrebs-Zellen eine Rolle spielt und diese wachsen lässt.
In der Mikroumgebung von Blutkrebszellen, der sogenannten Knochenmarksnische, bilden bestimmte Zellen (osteolineare Zellen) Taurin. Wenn sich Vorläuferzellen von Blutzellen in maligne (bösartige) Zellen umwandeln, dann erhöhen die osteolinearen Zellen die Taurinproduktion deutlich. Die Blutkrebszellen tragen an der Zellmembran spezielle Taurintransporter, um Taurin ins Zellinnere aufzunehmen. Dort stimuliert Taurin dann die Glykolyse und bildet so die Grundlage für das Wachstum der Blutkrebszellen.
Energy Drinks & Taurinpräparate nicht ratsam für Leukämiepatienten
Wird die Taurinaufnahme genetisch oder pharmakologisch blockiert, führt dies zu einer signifikanten Verlangsamung des Tumorwachstums. Die Hemmung des Taurintransporters erhöhte zudem die Wirksamkeit von Venetoclax, einem etablierten BCL-2-Inhibitor (Wirkstoffklasse u.a. zur Behandlung von Leukämie), was auf mögliche kombinatorische Therapieansätze hinweist.
Dr. Christian Kretschmer schreibt dazu zusammenfassend auf gelbe-liste.de7: „Angesichts der weiten Verbreitung von Taurin in handelsüblichen Produkten scheint eine kritische klinische Bewertung des Einsatzes bei Leukämiepatienten notwendig. Besonders der unreflektierte Einsatz in Nahrungsergänzungsmitteln zur Unterstützung während der Chemotherapie sollte überdacht werden.“
Was Taurin angeht, schätzt die EFSA8 die sichere Aufnahmemenge für Menschen auf 6g pro Person pro Tag. Das entspricht 100mg pro kg Körpergewicht pro Tag.
Literatur:
- Forsa – Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH. Energydrinks. Berlin, 23.9.2024 ↩︎
- Felder-Puig R et al. Gesundheit und Gesundheitsverhalten von österreichischen Schülerinnen und Schülern. Ergebnisse des WHO-HBSC-Survey 2021/22. Wien: BMSGPK, 2023. ↩︎
- Menzel J et al. Chronic high consumption of energy drinks and cardiovascular risk in adolescents – results of the EDKAR-study. European Journal of Epidemiology 2025 Aug 23 ↩︎
- EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition, Allergies. Scientific opinion on the safety of caffeine. EFSA Journal 2015;13(5):4102 ↩︎
- Fernandez ME et al. Is taurine an aging biomarker? Science 2025;388(6751). 5. Juni 2025 ↩︎
- Sharma S et al. Taurine from tumour niche drives glycolysis to promote leukaemogenesis. Nature 2025;644:263_272. 14. Mai 2025 ↩︎
- Kretschmer C. Können Energydrinks Leukämiefällen nähren? Neue Rolle von Taurin entdeckt. gelbe-liste.de, 3.6.2025 ↩︎
- EFSA Panel on Additives and Products or Substances used in Animal Feed (FEEDAP). Scientific Opinion on the safety and efficacy of taurine as a feed additive for all animal species. EFSA Journal 2012;10(6):2736 ↩︎




