HPV-induzierte und HPV-unabhängige Karzinome unterscheiden sich deutlich in Entstehung, Verlauf und Therapie. Neue Erkenntnisse zeigen, warum diese Unterscheidung für die Praxis entscheidend ist.
Im anogenitalen Bereich – Gebärmutterhals, Anus, Vulva und Penis – unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zwei grundlegende Formen der Krebsentstehung: HPV-induzierte und HPV-unabhängige Karzinome. Dieses sogenannte duale Konzept der Karzinogenese gewinnt zunehmend an Bedeutung für Diagnostik, Therapie und Prävention.
HPV als zentraler, aber nicht alleiniger Faktor
Humane Papillom Viren (HPV) sind die Hauptursache für viele Krebserkrankungen im anogenitalen Bereich. So sind rund 95 Prozent der Plattenepithelkarzinome am Gebärmutterhals und Anus HPV-bedingt. Bei Vulva- und Peniskrebs liegt dieser Anteil jedoch nur bei etwa 50 Prozent. Ein erheblicher Teil der Karzinome entsteht somit unabhängig von HPV.
HPV-induzierte Karzinome entwickeln sich meist über viele Jahre oder Jahrzehnte. Zwischen Infektion und invasivem Krebs liegen oft lange Zeiträume, in denen Krebsvorstufen erkannt und behandelt werden können. Neben chirurgischen Verfahren kommen dabei auch medikamentöse Therapien wie mit Imiquimod zum Einsatz.
HPV-unabhängige Karzinome: schneller und aggressiver
Anders verhält es sich bei HPV-unabhängigen Karzinome. Diese treten in allen Organen des anogenitalen Bereichs auf, sind jedoch insgesamt seltener. Ihr klinisches Verhalten ist deutlich aggressiver. Krebsvorstufen können sich innerhalb weniger Monate bis Jahre zu invasiven Karzinomen entwickeln. Zudem sprechen sie nicht auf etablierte medikamentöse Therapien wie Imiquimod an.
Ein wesentlicher Risikofaktor sind chronisch-entzündliche Hauterkrankungen. Zwei Drittel der HPV-unabhängigen Vulva- und Peniskarzinome entstehen auf dem Boden von Dermatosen, etwa Lichen planus oder Lichen sklerosus. Diese Erkrankungen sind häufig immunologisch bedingt und treten oft gemeinsam mit anderen Autoimmunerkrankungen auf.
Dermatosen früh erkennen und behandeln
Für die Praxis ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Dermatosen im Intimbereich müssen frühzeitig erkannt und konsequent behandelt werden. Bei Frauen erfolgt die Therapie häufig mit Kortisonsalben. Bei Männern können chronische Entzündungen zu Vorhautverengungen führen, die operativ behandelt werden. Eine leitliniengerechte Therapie dieser Grunderkrankungen kann das Risiko für Krebs deutlich senken. Jedoch führen falsche Schamgefühle dazu, dass Betroffene Beschwerden oft spät abklären lassen. Das verzögert Diagnose und Therapie.
Unterschiede in der Gewebestruktur
Warum HPV-assoziierte und HPV-unabhängige Karzinome unterschiedlich häufig auftreten, hängt auch mit der Gewebestruktur zusammen. Der Gebärmutterhals weist einen speziellen Zelltyp auf, sogenannte Reservezellen, die als Reservoir für HPV gelten und den Ursprung vieler Krebsvorstufen bilden. Diese Zellen kommen weder an der Vulva, Vagina noch am Penis vor.

Heute weiß man, dass es am Gebärmutterhals einen speziellen Zelltyp gibt, der als Reservoir für HPV dient und den Ursprung der meisten sich aus der HPV-Infektion entwickelnden Krebse darstellt.
Ao. Univ. Prof. Dr. Olaf Reich
Pathologe, Gynäkologe MedUni Graz
Neue Erkenntnisse verändern das Verständnis
HPV-unabhängige Karzinome am Gebärmutterhals wurden erst in den vergangenen Jahren beschrieben und in die WHO-Klassifikation aufgenommen. Auch für deren Vorstufen liegen inzwischen erste molekulare und histologische Klassifikationen vor. Damit erweitert sich das Verständnis der Krebsentstehung im anogenitalen Bereich grundlegend. Die klare Unterscheidung zwischen HPV-induzierten und HPV-unabhängigen Karzinomen ist entscheidend, um die jeweils passende Therapie zu wählen und Krebsvorstufen gezielt zu behandeln.
Prävention und Wissensaustausch bleiben zentral
Während für HPV-bedingte Karzinome wirksame Präventionsmaßnahmen wie Impfung und Screening zur Verfügung stehen, besteht bei HPV-unabhängigen Karzinomen noch erheblicher Forschungsbedarf.
Ein internationaler Fachkongress in Wien widmet sich Mitte März 2026 diesen Fragen und unterstreicht die Bedeutung des interdisziplinären Austauschs für Fortschritte in Prävention, Diagnostik und Therapie.
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