Eine internationale Studie stellt eine langjährige Annahme der Emotionsforschung infrage. Die Ergebnisse zeigen, dass die Aktivität der Amygdala die individuelle Stressanfälligkeit nicht allein erklärt. Stattdessen könnten verteilte Hirnnetzwerke, die Körperwahrnehmung, Bewegung und visuelle Verarbeitung steuern, eine wichtigere Rolle spielen.
Warum reagieren manche Menschen besonders empfindlich auf Stress oder belastende Situationen, während andere vergleichsweise gelassen bleiben? Dieser Frage ist ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) nachgegangen. Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter analysierten funktionelle MRT-Daten von mehr als 400 Personen und überprüften dabei eine zentrale Annahme der bisherigen Emotionsforschung.
Amygdala liefert keine Erklärung für stabile Unterschiede
Seit vielen Jahren gilt die Amygdala als eine der wichtigsten Hirnregionen für die Verarbeitung negativer Emotionen wie Angst. Sie wird häufig mit Persönlichkeitsmerkmalen wie Neurotizismus in Verbindung gebracht.
Die aktuelle Untersuchung konnte diese Annahme jedoch nicht bestätigen. Weder die Aktivität der Amygdala noch andere häufig untersuchte Hirnregionen erlaubten es, den allgemeinen Neurotizismus zuverlässig vorherzusagen.
Andere Hirnnetzwerke liefern Hinweise
Während sich der allgemeine Neurotizismus anhand der funktionellen MRT-Daten nicht zuverlässig vorhersagen ließ, konnte die Facette Stressanfälligkeit in begrenztem Ausmaß vorhergesagt werden. Dafür nutzte das Forschungsteam Machine-Learning-Verfahren und überprüfte die Ergebnisse zusätzlich in einer unabhängigen Stichprobe.
Auffällig war, dass nicht klassische Emotionszentren die aussagekräftigsten Informationen lieferten. Entscheidend waren vielmehr großräumige Hirnnetzwerke, die an der Verarbeitung von Körperwahrnehmung, Bewegungen sowie visuellen Reizen beteiligt sind.
Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass Menschen mit erhöhter Stressanfälligkeit belastende Situationen anders wahrnehmen und verarbeiten. Unterschiede könnten demnach weniger in der Stärke der emotionalen Reaktion liegen als vielmehr darin, wie Menschen belastende Reize bewerten und Handlungen vorbereiten.
Präzise Fragestellungen entscheidend
Die Studie zeigt nach Ansicht der Forschenden auch, dass zukünftige neurobiologische Untersuchungen psychologische Konstrukte und experimentelle Aufgaben genauer aufeinander abstimmen sollten. Nicht jedes Persönlichkeitsmerkmal lasse sich mit denselben Untersuchungsmethoden gleichermaßen erfassen.
„Unsere Studie zeigt, wie wichtig es ist, langjährige Annahmen mit modernen Methoden erneut zu überprüfen. Sie eröffnet neue Perspektiven darauf, welche Hirnprozesse tatsächlich erklären können, warum manche Menschen deutlich anfälliger für Stress und negative Emotionen sind als andere“, sagt Prof. Dr. Christian Schmahl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am ZI.
Nach Ansicht des Forschungsteams liefern die Ergebnisse wichtige Hinweise darauf, wie sich die neuronalen Grundlagen negativer Emotionalität künftig gezielter untersuchen lassen.
Die Studie entstand in Zusammenarbeit des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit mit dem Dartmouth College, der University of Pittsburgh und der University of Michigan und wurde in Nature Communications veröffentlicht.
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