Ob im Team, im Freundeskreis oder im Gespräch mit Kundinnen und Kunden: Psychologische Begriffe wie ADHS, Trauma oder Narzissmus tauchen heute überall auf. Warum erkennen wir plötzlich so viele Menschen – und uns selbst – darin wieder?
Neulich ein Gespräch in der Mittagspause: „Ich glaube, ich habe ADHS.“ Eine Kollegin lacht: „Dann habe ich das auch. Ich vergesse ständig alles und springe von einer Sache zur anderen.“ Und eine Dritte wirft ein: „Ich habe letztens einen Podcast über Narzissmus gehört. Mein Ex passt da perfekt rein.“ Solche Gespräche hört man derzeit öfter – im Freundeskreis, in sozialen Medien, manchmal auch im Apothekenalltag mit Kunden. Begriffe wie ADHS, Autismus, Trauma oder Narzissmus sind plötzlich Teil der Alltagssprache geworden. Viele Menschen erkennen sich selbst oder andere in Beschreibungen wieder und denken: Das bin ja ich.
Doch warum passiert das eigentlich? Ein Grund liegt in einem ganz normalen psychologischen Mechanismus: Unser Gehirn liebt Schubladen. Kategorien helfen uns, die Welt schneller zu verstehen. Wenn wir eine neue Beschreibung hören – etwa typische ADHS-Symptome wie Vergesslichkeit, Unruhe oder Schwierigkeiten mit Konzentration – prüfen wir automatisch: Passt das zu mir? Und meistens finden wir tatsächlich etwas, das passt. Denn viele dieser Eigenschaften sind menschliche Erfahrungen, die fast jeder kennt.
Kognitive Verzerrung
Dazu kommt ein weiterer Effekt: Wenn ein Thema plötzlich sehr präsent ist – etwa durch Bücher, Podcasts oder Social Media – beginnen wir, es überall zu sehen. Psychologen nennen das den „Baader-Meinhof-Effekt“. Sobald wir einen Begriff gelernt haben, scheint er plötzlich ständig aufzutauchen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass tatsächlich plötzlich viel mehr Menschen diese Diagnose haben. Oft hat sich einfach unser Blick darauf verändert.
Hinzu kommt: Psychologische Begriffe geben vielen Menschen eine Erklärung für ihr Erleben. Ein Label kann entlastend sein. Wer jahrelang dachte „Mit mir stimmt etwas nicht“, erlebt vielleicht Erleichterung, wenn es einen Namen dafür gibt. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass wir uns – oder andere – zu schnell in eine Schublade stecken. Aus „mein Kollege wirkt manchmal sehr selbstbezogen“ wird plötzlich „Er ist ein Narzisst“. Aus „ich bin leicht ablenkbar“ wird „ich habe ADHS“.
Gerade im Arbeitsalltag, etwa in der Apotheke, begegnen uns viele unterschiedliche Persönlichkeiten: der ungeduldige Kunde, die perfektionistische Kollegin, der zerstreute Chef. Es kann verlockend sein, dafür sofort eine psychologische Erklärung parat zu haben. Doch die Realität ist meist komplexer. Eine echte psychologische Diagnose entsteht nicht durch einen Podcast, einen Instagram-Post oder eine Selbstbeschreibung – sondern durch eine sorgfältige fachliche Abklärung.
Anlass zum Verstehen
Das bedeutet aber nicht, dass solche Begriffe wertlos sind. Sie können ein Anstoß zur Selbstreflexion sein. Vielleicht hilft der Gedanke „Ich neige dazu, mich zu verzetteln“ tatsächlich dabei, neue Strategien zu entwickeln. Vielleicht versteht man einen Menschen besser, wenn man weiß, dass er sehr empfindlich auf Stress reagiert. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob wir Labels als starre Schublade oder als Anlass zum Verstehen nutzen.
Psychologie kann uns helfen, menschliches Verhalten besser einzuordnen – solange wir nicht vergessen: Menschen sind immer mehr als eine Diagnose. Oder anders gesagt: Nicht jeder zerstreute Mensch hat ADHS. Nicht jede schwierige Persönlichkeit ist narzisstisch. Aber manchmal ist ein neuer Blick auf unser Verhalten genau das, was uns hilft, einander ein bisschen besser zu verstehen.




