Die Nachfrage nach hormonfreien Verhütungsmethoden steigt. Ein neues Forschungsprojekt mehrerer deutscher Universitäten will deshalb Wirkstoffe entwickeln, die ohne Eingriff in den Hormonhaushalt auskommen. Ziel sind nebenwirkungsarme Alternativen für Frauen und Männer.
Ein Forschungsteam unter Leitung der Goethe-Universität Frankfurt arbeitet an neuen Strategien für die Empfängnisverhütung ohne Hormone. Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Bonn (UKB) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) wurde dafür das Projekt PREVENT gestartet.
Das Vorhaben wird vom deutschen Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt bis 2029 mit rund 3 Millionen Euro gefördert. Ziel ist es, neue Wirkstoffe zu identifizieren und Methoden zu entwickeln, mit denen sich nicht-hormonelle Verhütungsstrategien gezielt erforschen lassen.
Wachsende Skepsis gegenüber hormoneller Kontrazeption
Hormonelle Verhütungsmethoden wie die Antibabypille gehören seit Jahrzehnten zu den am häufigsten verwendeten Methoden der Schwangerschaftsverhütung. Sie gelten als zuverlässig. Gleichzeitig stehen jedoch hormonbasierte Präparate zunehmend in der Kritik. Bekannt sind verschiedene mögliche Nebenwirkungen, die – abhängig vom Präparat – unter anderem Übelkeit, Gewichtszunahme, Brustspannen, Bluthochdruck, Leberfunktionsstörungen oder ein erhöhtes Thromboserisiko umfassen können. Zudem kann die Wirksamkeit der Pille durch bestimmte Medikamente beeinflusst werden.
Umfragen zeigen auch eine veränderte Einstellung zur hormonellen Kontrazeption. Laut Daten der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird seit 2023 seltener mit der Pille verhütet. Besonders bei jüngeren Erwachsenen hat das Kondom inzwischen die Rolle als häufigstes Verhütungsmittel übernommen.
Fokus auf neue Wirkstoffziele
Das Forschungsteam rund um Dr. Claudia Tredup und Prof. Stefan Knapp von der Goethe-Universität Frankfurt, Prof. Daniel Merk von der LMU München sowie Prof. Hubert Schorle und Prof. Jean-Pierre Allam vom Universitätsklinikum Bonn arbeitet an alternativen pharmakologischen Ansätzen.
Im Mittelpunkt stehen sogenannte kleine Moleküle, die gezielt bestimmte Proteine blockieren sollen. Diese Proteine kommen ausschließlich in Spermien oder Eizellen vor. Durch eine solche Blockade könnte beispielsweise die Beweglichkeit von Spermien eingeschränkt werden, sodass sie die Eizelle nicht mehr erreichen.
Da Verhütungsmittel gesunden Menschen verabreicht werden, gelten besonders hohe Anforderungen an Sicherheit und Verträglichkeit. Neue Präparate müssten daher nicht nur zuverlässig und reversibel wirken, sondern auch möglichst wenige Nebenwirkungen verursachen.
Plattform für Wirkstoffentwicklung
Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist der Aufbau einer Plattform für die Wirkstoffentwicklung. Sie soll Technologien und Werkzeuge bereitstellen, um potenzielle Wirkstoffe gezielt zu testen.
Dabei setzen die Forschenden auf sogenannte „chemical probes“ – hochselektive Substanzen, mit denen sich neue Zielstrukturen im menschlichen Körper untersuchen lassen. Solche Werkzeuge sollen helfen, neue Verhütungsstrategien zunächst präklinisch zu prüfen und langfristig auch die Grundlage für klinische Entwicklungen zu schaffen.
Neben dem pharmazeutischen Forschungsaspekt sehen die Wissenschafterinnen und Wissenschafter auch eine gesellschaftliche Dimension. Neue nicht-hormonelle Verhütungsmethoden könnten langfristig mehr Optionen für Frauen und Männer schaffen und zur reproduktiven Selbstbestimmung beitragen.




