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Reizdarm – was nun?

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Durchfall, Verstopfung, Blähungen, Bauchschmerzen, Völlegefühl – das Reizdarmsyndrom hat viele Gesichter, wird häufig durch psychische Faktoren verstärkt und kann die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen. Doch wann liegt es vor? Und was kann man dagegen tun?

Unter der Bezeichnung Reizdarmsyndrom versteht man eine Darmerkrankung, die verschiedene Ursachen und Ausprägungsformen aufweisen kann. Die Symptome sind unspezifisch, zeitlich variabel und ähneln mitunter Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder anderen Erkrankungen wie Zöliakie. Das Syndrom ist per se nicht gefährlich, die Beschwerden können jedoch so stark sein, dass sie den Alltag stark belasten. Der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) zufolge wird geschätzt, dass im Durchschnitt rund 11% der Weltbevölkerung am Reizdarmsyndrom leiden. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer – im Alter von 20–30 Jahren etwa doppelt so oft, mit zunehmendem Alter wird der Unterschied weniger deutlich.

Ursachen vielfältig

Viele Faktoren können einzeln oder in Kombination an der Entstehung und Aufrechterhaltung des Reizdarmsyndroms beteiligt sein. Die konkreten Ursachen für ein Auftreten sind jedoch nicht endgültig geklärt. Im Rahmen der letzten Aktualisierung der S3-Leitlinie der DGVS im Jahr 2021 wurde das Reizdarmsyndrom als Störung der sogenannten Darm-Hirn-Achse definiert. Die Gründe dafür können somit im peripheren Nervensystem (Darm), im Zentralnervensystem (Hirn), in der Kommunikation zwischen den beiden Komponenten (Achse) oder in unterschiedlichen Kombinationen davon liegen.

Unter anderem wird vermutet, dass überempfindliche Darmnerven oder gestörte Darmbewegungen eine Rolle spielen könnten. Darüber hinaus wurden Veränderungen der Darmflora (Dysbiose) bei Betroffenen festgestellt: In manchen Studien wurden höhere Level von Proteobakterien und Firmicutes sowie niedrigere Anteile an Bifidobakterien, Acinetobacter und Bacteriodes gefunden. Zudem zeigt sich, dass das Reizdarmsyndrom bei Menschen, die schon einmal eine bakterielle oder virale Entzündung der Magen- oder Darmschleimhaut (Gastroenteritis) hatten, häufiger auftritt. Hierbei spricht man von einem postinfektiösen Reizdarmsyndrom. Das Risiko für dessen Entwicklung steigt mit der Schwere der vorangegangenen Infektion und den damit verbundenen Symptomen.

Eine genetische Veranlagung könnte ebenfalls mitwirken, da eine familiäre Häufung – teilweise über mehrere Generationen hinweg – auftritt. Die Wahrscheinlichkeit, ein Reizdarmsyndrom zu entwickeln, wenn bereits ein Verwandter betroffen ist, ist etwa zwei- bis dreimal höher, als wenn es bisher keine Fälle in der Familie gab. Man geht weiters davon aus, dass verschiedene Mechanismen der Darm-Hirn-Achse durch akute und chronische psychische Faktoren wie Stress, Depressionen oder Angststörungen beeinflusst werden. Auch Ernährungsgewohnheiten und Lebensmittelunverträglichkeiten werden als mögliche Auslöser untersucht.

Diagnostik mit Ausschlussverfahren

Das Reizdarmsyndrom zu diagnostizieren, ist oft eine Herausforderung, da sich die Beschwerden von Person zu Person unterscheiden. Darüber hinaus können sie sich im Laufe der Zeit verändern. Bei manchen Menschen vergehen sie von allein, bei anderen sind sie permanent vorhanden oder kommen immer wieder. Zur Diagnose stehen bislang keine zuverlässigen Parameter zur Verfügung.

Das Reizdarmsyndrom liegt laut DGVS vor, wenn die folgenden Punkte erfüllt sind:

  1. Es bestehen chronische, d.h. länger als drei Monate anhaltende oder wiederkehrende Beschwerden (z.B. Bauchschmerzen, Blähungen), die auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen.
  2. Die Beschwerden begründen, dass die betroffene Person deswegen Hilfe sucht und/oder sich sorgt, und sind so stark, dass die Lebensqualität dadurch beeinträchtigt wird.
  3. Voraussetzung ist, dass keine anderen Krankheitsbilder vorliegen, die für diese Symptome verantwortlich sind.

Es gilt somit, durch gründliche Anamnese sowie Untersuchungen zunächst Nahrungsmittelunverträglichkeiten und andere Erkrankungen auszuschließen. Denn diese können sich ebenfalls hinter derartigen Symptomen verbergen oder mitunter auch zusammen mit einem Reizdarmsyndrom vorkommen. Treten etwa neben den reizdarmtypischen Beschwerden zusätzliche „Alarmsymptome“ wie Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Fieber oder Blässe auf, kann das auf eine andere Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Zöliakie oder Darmkrebs hindeuten.

Individuell & interdisziplinär gegensteuern

Nachdem die Ursachen und Beschwerden des Reizdarmsyndroms derart vielschichtig und verschieden sein können, gibt es zur Behandlung keine Standardtherapie. Ein gesunder Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung, regelmäßiger Bewegung, bewusstem Stressabbau sowie genügend Schlaf bildet die Basis für eine funktionierende Verdauung. Darüber hinaus gilt es, die individuellen Probleme oder Unverträglichkeiten zu identifizieren und Lösungswege mit den Betroffenen zu entwickeln. Eine Art Tagebuch kann dabei helfen, Ernährung, Stress, Schlaf und den Verlauf der Beschwerden zu beobachten. Interdisziplinäre Unterstützung von Fachkräften aus Medizin, Diätologie und Psychologie oder Psychotherapie ist dabei optimal, um eine ganzheitliche Betreuung zu gewährleisten.

FODMAPs professionell austesten

Lebensmittel und ihre Inhaltstoffe können Reizdarmbeschwerden einerseits triggern und andererseits lindern. Ernährungsmedizinische Maßnahmen sind daher zumeist ein Bestandteil der Therapie. In der S3-Leitlinie der DGVS werden jedoch keine generellen Ernährungsempfehlungen für Reizdarmpatienten gegeben. Denn bei Durchfall helfen etwa andere Maßnahmen als bei Verstopfung. Außerdem reagiert jede Person anders auf verschiedene Lebensmittel.

Eine Sonderstellung hat jedoch die Gruppe der fermentierbaren Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzucker sowie Polyole (auf engl. fermentable oligo-, di-, monosaccharides and polyols, genannt FODMAPs).

Das sind kurzkettige Kohlenhydrate, die etwa in Weizen, aber auch einigen Gemüse- und Obstsorten sowie Milchprodukten enthalten sind. Sie werden nicht komplett im Dünndarm abgebaut und gelangen daher teilweise in den Dickdarm, wo sie von Bakterien der Darmflora verstoffwechselt werden. Durch diese Gärungsvorgänge entstehen Gase, die zu Bauchschmerzen oder Blähungen führen können. Darüber hinaus wirken FODMAPs wasserbindend, wodurch der Stuhl flüssiger und voluminöser wird. Eine sogenannte low-FODMAP-Diät – eine Ernährung, die wenige dieser Verbindungen enthält –, wird daher empfohlen, wenn Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall die hauptsächlich vorliegenden Beschwerden sind. Dabei verzichtet man unter ernährungsmedizinischer Begleitung zunächst für etwa sechs bis acht Wochen komplett auf FODMAPs. Bessern sich die Symptome dadurch, wird anschließend die individuelle Verträglichkeit einzelner Lebensmittel und deren Menge ausgetestet. Bei Reizdarmbetroffenen mit Obstipation wird eine derartige Intervention als Therapieoption in Kombination mit der Supplementierung löslicher Ballaststoffe angeführt.

Wichtig ist dabei, eine komplette Eliminationsdiät nicht in Eigenregie durchzuführen, denn ein dauerhafter Verzicht auf FODMAPs kann ungünstige Effekte auf die Darmflora haben. Auch wenn andere Lebensmittel aus dem Speiseplan gestrichen werden, empfiehlt es sich, regelmäßig zu überprüfen, ob das weiterhin notwendig ist. Generell gilt: Restriktive Diäten sollten vermieden werden, um mittel- bis langfristig eine Mangelernährung zu vermeiden.

Genug lösliche Ballaststoffe

Auch für Ballaststoffe gilt, dass nicht alle Reizdarmbetroffenen gleichermaßen auf sie ansprechen. Lösliche Ballaststoffe (vgl. PKAjournal 10/23 / Ballaststoffe) werden vorwiegend in der Behandlung bei obstipativen Beschwerden diskutiert, können aber auch bei Durchfall-Typen eingesetzt werden. Als alleinige Therapie scheinen sie begrenzt zu wirken, allerdings könnten sie eine sinnvolle Ergänzung insbesondere bei jenen Menschen sein, die generell nur wenig davon zu sich nehmen. Lösliche Ballaststoffe wie Psyllium aus Flohsamenschalen scheinen besonders gut geeignet zu sein, da sie keine zusätzliche Gasbildung provozieren. Es empfiehlt sich, mit niedrigen Dosen zu beginnen und diese langsam, nach Verträglichkeit, zu steigern. Dabei sollten Erwachsene auf eine ausreichende Trinkmenge von 1,5-2 Liter am Tag achten.

Fazit

Das Reizdarmsyndrom ist eine Darmerkrankung, die von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird und mit einer Störung der Darm-Hirn-Achse einhergeht. Es wird diagnostiziert, wenn die typischen Beschwerden über drei Monate vorliegen und andere Erkrankungen wie Zöliakie oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen ausgeschlossen wurden. Die Therapie richtet sich anschließend danach, welche Symptome individuell vorherrschen und welche Ursachen eine Rolle spielen. Dabei sind Ernährungsmaßnahmen ein Teil der Therapie.

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