Start Wissenschaft Deutliche Unterversorgung bei psychisch Kranken

Deutliche Unterversorgung bei psychisch Kranken

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sterben deutlich früher als die Allgemeinbevölkerung. Ein internationales Expertenteam fordert nun konkrete Maßnahmen, um die körperliche Versorgung dieser Patientengruppe zu verbessern.

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind in der medizinischen Versorgung oft benachteiligt. Obwohl geeignete Maßnahmen verfügbar wären, bleiben körperliche Erkrankungen häufig unzureichend behandelt. Das hat gravierende Folgen: Die Lebenserwartung dieser Patientengruppe ist deutlich reduziert.

Deutlich erhöhte Sterblichkeit

Ein internationales Expertenteam rund um Rene Ernst Nielsen von der Universitätsklinik Aalborg sowie Wissenschafterinnen und Wissenschafter der MedUni Wien und MedUni Graz analysierten die Problematik und veröffentlichten die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Neuroscience Applied.

„Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen (SMI) haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine deutlich reduzierte Lebenserwartung. Verschärft wird dies durch schlechte Behandlungsergebnisse und eine geringere Versorgungsqualität, insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen, Multimorbidität und Krebs“, so die Forschenden.

Die Lebenserwartung ist laut den Experten typischerweise zehn bis 20 Jahre kürzer. Dabei sind nicht primär Suizide ausschlaggebend. Rund 70 Prozent der Todesfälle gehen auf natürliche Ursachen zurück. Besonders häufig sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie Atemwegserkrankungen und Krebs.

Keine Fortschritte trotz medizinischer Entwicklungen

Während die Lebenserwartung in Europa und Nordamerika kontinuierlich steigt, profitieren Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen davon kaum. Ein zentrales Problem ist die nicht ausreichend vernetzte Versorgung. Präventive Maßnahmen bleiben oft ungenutzt, und das Gesundheitssystem verstärkt durch strukturelle Ungleichheiten die Situation zusätzlich.

Körperliche Erkrankungen stärker im Fokus

In Österreich erkrankt jährlich rund ein Viertel der 18- bis 65-Jährigen an einer psychischen Erkrankung. Besonders häufig sind Angststörungen sowie Depressionen. Auch bipolare Störungen, Schizophrenie und Suchterkrankungen führen oft zu langfristigen gesundheitlichen Belastungen.

Neben der psychiatrischen Betreuung stellt vor allem die Versorgung körperlicher Erkrankungen eine große Herausforderung dar. Bei Betroffenen treten Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen häufiger auf, doch das Gesundheitssystem behandelt sie zu selten konsequent.

Konkrete Gegenstrategien gefordert

Das Expertengremium des European College of Neuropsychopharmacology fordert daher eine stärkere Integration der körperlichen Medizin in die psychiatrische Versorgung.

Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen:

  • bessere Aufklärung über Gesundheitsrisiken
  • konsequente Unterstützung beim Rauchstopp, inklusive medikamentöser Therapie
  • frühzeitiges Management von Übergewicht und Adipositas
  • regelmäßige Kontrolle von Blutdruck und Stoffwechselwerten

Allein durch ein konsequentes Blutdruckmanagement könnte die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden. Zudem sollten Fettstoffwechselstörungen, Prädiabetes und Diabetes frühzeitig erkannt und behandelt werden.

Bessere Vernetzung im Gesundheitssystem

Neben medizinischen Maßnahmen sehen die Experten auch organisatorischen Handlungsbedarf. Die stark getrennte fachspezifische Versorgung erschwert die Behandlung, daher sollen Psychiatrie und somatische Medizin enger zusammenarbeiten und „therapeutische Allianzen“ eingehen. Ergänzend könnten Patientenlotsen und koordinierende Pflegeangebote helfen, die Versorgung nachhaltig zu verbessern.

Neue Artikel

Studie zeigt stärkere Belastung durch Kurzvideos bei ADHS

Kurzvideos auf Social Media können für Menschen mit ADHS zur besonderen Herausforderung werden. Eine Studie der TU Graz zeigt,...

Wenn Bildschirmarbeit die Augen belastet

Trockene, brennende Augen, verschwommenes Sehen und Kopfschmerzen können Folgen intensiver Bildschirmarbeit sein. Zum Welttag des Sehens am 8. Oktober...

Austrian Health Report 2026: Frauen fühlen sich oft nicht ernst genommen

Frauen fühlen sich im österreichischen Gesundheitssystem deutlich häufiger nicht ernst genommen als Männer. Der Austrian Health Report 2026 zeigt...

In Szene gesetzt – Körper, Essen & Social Media

Ein makellos drapierter Teller, ein durchtrainierter Bauch, dazu ein paar Hashtags:In sozialen Medien ist Essen längst mehr als Nahrung....

 Weitere Artikel

Studie zeigt stärkere Belastung durch Kurzvideos bei ADHS

Kurzvideos auf Social Media können für Menschen mit ADHS zur besonderen Herausforderung werden. Eine Studie der TU Graz zeigt,...

Wenn Bildschirmarbeit die Augen belastet

Trockene, brennende Augen, verschwommenes Sehen und Kopfschmerzen können Folgen intensiver Bildschirmarbeit sein. Zum Welttag des Sehens am 8. Oktober...

Austrian Health Report 2026: Frauen fühlen sich oft nicht ernst genommen

Frauen fühlen sich im österreichischen Gesundheitssystem deutlich häufiger nicht ernst genommen als Männer. Der Austrian Health Report 2026 zeigt...