Start Wissenschaft Anorexia nervosa: Wenn der Körper das Hungersignal verliert

Anorexia nervosa: Wenn der Körper das Hungersignal verliert

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Anorexia nervosa ist eine der gefährlichsten psychischen Erkrankungen. Diese Krankheit bringt den Körper an seine physischen Grenzen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass die Erkrankung kein Ausdruck von Essgewohnheiten ist, sondern ein komplexes Zusammenspiel biologischer und psychischer Faktoren.

Anorexia nervosa, auch Magersucht genannt, ist weit mehr als der bewusste Verzicht auf Nahrung. Sie zählt zu den psychischen Erkrankungen mit der höchsten Sterblichkeit. Betroffen sind überwiegend Mädchen und junge Frauen. In Fachkreisen gilt sie längst nicht mehr als reine Essstörung, sondern als Erkrankung mit tiefgreifenden Veränderungen im Stoffwechsel, Hormonhaushalt und psychischer Verarbeitung.

„Anorexie ist keine Frage von Ernährungsverhalten oder Essgewohnheiten. Es handelt sich um eine komplexe Erkrankung, bei der Körper und Psyche in ein gefährliches Ungleichgewicht geraten“, erklärt Prof. Dr. med. Hans-Christoph Friederich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM).

Hungersignal außer Kraft gesetzt

Ein zentrales Merkmal der Erkrankung ist die gestörte Hunger- und Sättigungswahrnehmung. Der Hypothalamus, der normalerweise für das Hungergefühl zuständig ist, arbeitet bei Betroffenen nicht zuverlässig. Obwohl ein akuter Energiemangel vorliegt, bleibt das Hungergefühl aus. Der Körper sendet Signale – doch das Gehirn ignoriert sie.

Sinkt das Gewicht drastisch, reagiert der Organismus mit einem Notprogramm: Der Stoffwechsel wird gedrosselt, Herzfrequenz und Blutdruck sinken, die Körpertemperatur fällt. Werte wie ein Puls unter 40 Schlägen pro Minute oder eine Temperatur unter 34,5 Grad Celsius deuten auf einen lebensbedrohlichen Zustand hin.

Der Darm beeinflusst Psyche und Verhalten

Ein bisher unterschätzter Aspekt der Magersucht ist das Mikrobiom des Darms. Studien zeigen, dass sich bei chronischer Unterernährung die Zusammensetzung des Mikrobioms drastisch verändert. In Tiermodellen führte die Übertragung von Mikrobiomen magersüchtiger Personen auf Mäuse zu auffälligen Verhaltensänderungen wie verstärktem Angstverhalten und verminderter Gewichtszunahme.

Diese Erkenntnisse legen nahe, dass das Mikrobiom nicht nur den Stoffwechsel beeinflusst, sondern möglicherweise auch die psychische Stabilität. Dies kann zur Aufrechterhaltung der Erkrankung beitragen.

Ganzheitliche Therapieansätze notwendig

„Magersucht ist keine Willensschwäche. Die biologischen Veränderungen im Körper verstärken Ängste und starre Denkmuster – und machen die Erkrankung so hartnäckig“, betont Friederich. Die Behandlung muss daher über eine rein psychotherapeutische Betreuung hinausgehen. Gefordert ist ein ganzheitlicher Therapieansatz, der auch metabolische und neurobiologische Faktoren berücksichtigt.

Neues Verständnis von Magersucht ist nötig

Anorexia nervosa ist eine ernste, oft unterschätzte Erkrankung mit komplexen biologischen Ursachen. Die Forschung rückt physiologische Mechanismen wie Hungerregulation und Mikrobiom zunehmend in den Fokus. Essstörungen müssen als komplexe Erkrankungen verstanden werden, nicht nur als Frage des Essverhaltens.

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QuelleDGPM

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