Kurzvideos auf Social Media können für Menschen mit ADHS zur besonderen Herausforderung werden. Eine Studie der TU Graz zeigt, dass Betroffene beim Scrollen häufiger das Zeitgefühl verlieren und Schwierigkeiten haben, die Nutzung zu beenden. Auch negative Gefühle nach dem Konsum treten häufiger auf.
Ein Video folgt auf das nächste, ohne dass eine bewusste Entscheidung notwendig ist. Diese Funktionsweise von Kurzvideo-Plattformen kann Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) besonders belasten. Das zeigt eine Untersuchung der Technischen Universität Graz, die das Nutzungserleben von Menschen mit und ohne ADHS verglichen hat.
Das Forschungsteam um Elisabeth Lex vom Institute of Human-Centered Computing untersuchte, wie sich personalisierte Videoempfehlungen auf Zeitwahrnehmung, Selbstkontrolle und emotionales Wohlbefinden auswirken. Die Studie wird Ende Oktober auf der International ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility in Portugal präsentiert.
Menschen mit ADHS verlieren häufiger das Zeitgefühl
An der Online-Befragung nahmen 302 Erwachsene teil. Davon gaben 150 Personen an, ADHS zu haben, darunter 65 mit einer nach eigenen Angaben medizinisch bestätigten Diagnose. Weitere 152 Teilnehmende bildeten die Vergleichsgruppe ohne ADHS.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede: Menschen mit ADHS berichteten signifikant häufiger, beim Ansehen von Kurzvideos das Zeitgefühl zu verlieren. Sie blieben öfter länger online als geplant und hatten größere Schwierigkeiten, das Scrollen zu beenden.
Dabei empfanden beide Gruppen die vorgeschlagenen Videos als ähnlich relevant für ihre Interessen. Entscheidend war demnach weniger der Inhalt als die Schwierigkeit, sich vom kontinuierlichen Angebot zu lösen.
Die Forschenden bezeichnen dieses Phänomen als Engagement Trap, eine Art Aufmerksamkeitsfalle, bei der personalisierte Empfehlungen die Nutzung aufrechterhalten und das bewusste Aufhören erschweren.
Schuldgefühle und schlechtere Stimmung nach der Nutzung
Die Schwierigkeiten endeten häufig nicht mit dem Schließen der App. Teilnehmende mit ADHS berichteten öfter von Frustration, Schuldgefühlen und Reue über die verbrachte Zeit. Sie empfanden den Konsum häufiger als wenig wertvoll oder hatten dadurch andere geplante Tätigkeiten vernachlässigt. Auch eine schlechtere Stimmung nach längeren Kurzvideo-Sitzungen wurde von Menschen mit ADHS signifikant häufiger angegeben.
Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter sehen darin Hinweise, dass auf eine möglichst lange Nutzungsdauer ausgerichtete Empfehlungssysteme Menschen mit ADHS stärker belasten können als andere Nutzerinnen und Nutzer.
Forschende fordern bessere Kontrollmöglichkeiten
Als mögliche Gegenmaßnahmen untersuchte das Team verschiedene Funktionen, darunter sichtbare Zeitanzeigen, Nutzungserinnerungen, verpflichtende Pausen und eine Begrenzung der Videos pro Sitzung.
Besonders positiv bewerteten die Befragten eine festgelegte Videoanzahl und verpflichtende Unterbrechungen. Die Funktionen wurden allerdings nur theoretisch vorgestellt und nicht praktisch getestet.
Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass Menschen mit ADHS beim Konsum von Kurzvideos vor besonderen Herausforderungen stehen. Da die Untersuchung auf einer Online-Befragung beruht, lässt sich daraus kein ursächlicher Zusammenhang ableiten. Die Forschenden sehen dennoch Handlungsbedarf bei der Gestaltung von Empfehlungssystemen, damit Nutzerinnen und Nutzer ihre Zeit auf den Plattformen besser kontrollieren können.




