Start Wissenschaft In Szene gesetzt – Körper, Essen & Social Media

In Szene gesetzt – Körper, Essen & Social Media

Ein makellos drapierter Teller, ein durchtrainierter Bauch, dazu ein paar Hashtags:In sozialen Medien ist Essen längst mehr als Nahrung. Es ist Bühne, Beweis und Verkaufsargument zugleich. Wo endet Inspiration? Und wo beginnt Perfektionsdruck? Das lässt sich oft nur schwer beantworten.

Kaum ein Lebensbereich wird in sozialen Medien so häufig bebildert wie Essen und der eigene Körper. Unter Hashtags wie #fitspiration oder #whatieatinaday gibt es unglaublich viele Bilder und Videos, die zeigen, was vermeintlich als appetitlich, gesund oder erstrebenswert gilt. Insbesondere für junge Menschen, deren Alltag eng mit sozialen Medien verwoben ist, lässt sich dieser Strom kaum ausblenden.

Geführte Blicke

Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok sind Sport und Essen meist Baustein einer komplexen Selbstinszenierung. Mit Rezepten, Ernährungs- oder Workout-Plänen positionieren sich viele Content Creator als diszipliniert, gesundheitsbewusst und erfolgreich. Wie stark der Körper dabei selbst zum Aushängeschild wird, zeigt die Forschung zu sogenannten fitspiration-Inhalten. Bei den Darstellungen handelt es sich vor allem um idealisierte, stereotype und kaum erreichbare Körper. So ist die Mehrheit der Frauen extrem schlank mit sichtbaren Muskeln, und Männer sind meist noch muskulöser. Körper werden häufig objektiviert und auf einzelne, mitunter besonders fettarme Partien reduziert. Kombiniert wird das oft mit Botschaften über Disziplin, Selbstkontrolle und die eigene Verantwortung für den vermeintlich perfekten Körper. Verwandte Formate wie Thinspiration oder Bonespiration funktionieren nach dem gleichen Prinzip, richten den Fokus jedoch noch stärker auf Schlankheit bis hin zur sichtbaren Abmagerung. 

Dabei gerät häufig in den Hintergrund, dass bei den geposteten Fotos keine Schnappschüsse, sondern perfekt inszenierte Settings abgebildet werden. So kann etwa ein hoher Hosenbund die Beine optisch verlängern, Make-up und Licht bestimmte Gesichtszüge und Muskeln betonen sowie die Körperhaltung die Silhouette gezielt verändern. Darüber hinaus werden zahlreiche Bilder nachträglich mit Filtern & Co. digital bearbeitet.

Botschaften im Subtext

Neben vermeintlich perfekten Fotos bieten Influencerinnen und Influencer aber oft auch Authentizität, teilen unretuschierte Selfies, spontane Alltagsmomente sowie persönliche Anekdoten. Genau diese Nahbarkeit führt dazu, dass man Vertrauen zu ihnen aufbaut. Und das wiederum verstärkt die Wirkung von Produktempfehlungen sowie bewusst oder unbewusst transportierten Körper- und Ernährungsnormen. Eine Analyse von „What I Eat in a Day“-Videos auf TikTok unterschied „Lifestyle“-Content mit ästhetisch inszenierten, oft kalorienarmen Mahlzeiten, Abnehmbotschaften und schlanken Idealkörpern sowie „Eating only“-Videos mit betont zwangloser Darstellung größerer Essensmengen. Beide Formate wirken zunächst wie private Alltagsdokumentation, transportieren aber implizit Botschaften darüber, was, wie viel und wie „richtig“ gegessen wird. Verstärkt werden solche Effekte durch die Algorithmen der Plattformen selbst. Wer einmal ein Video zu Diäten oder Essstörungen ansieht, bekommt tendenziell mehr davon vorgeschlagen. Man fällt in ein sogenanntes „rabbit hole“. Das kann Betroffenen einerseits das Gefühl geben, mit Erkrankungen wie Essstörungen weniger allein zu sein und sie dazu ermutigen, sich rund um psychische Gesundheit zu vernetzen und auszutauschen. Andererseits können die Symptome von Essstörungen dadurch mitunter auch verstärkt werden. 

Smartphone fotografiert Essen für Social Media
© Rawpixel.com – stock.adobe.com

Vergleich mit anderen hat Folgen

Dass der ständige Vergleich mit fremden Körpern und Essgewohnheiten nicht folgenlos bleibt, gilt inzwischen als gut belegt. Je häufiger Social Media genutzt wird, desto öfter vergleichen sich die Userinnen und User mit anderen. Und das wiederum steht in Zusammenhang mit einem negativeren Körperbild und häufigeren Essstörungen. Umgekehrt hängt ein geringeres Ausmaß an Vergleichen mit einem positiveren Körperbild zusammen. Wichtig bleibt dabei die übliche Einschränkung: Zusammenhänge sind kein Beweis für Ursache-Wirkungsbeziehungen. Wer bereits unzufrieden mit dem eigenen Körper ist, sucht möglicherweise auch gezielter nach entsprechenden Inhalten. Interessant: Ein Experiment zeigte, dass schon der Kaloriengehalt der gezeigten Mahlzeiten in „What I Eat in a Day“-Videos das Körperbild und die Diätabsicht junger Erwachsener kurzfristig beeinflusst – kalorienarme Videos senkten die Körperzufriedenheit, kalorienreiche Videos erhöhten sie, steigerten aber gleichzeitig Diätvorsätze.

Gesundheitsförderung oder Perfektionsdruck?

Die Frage, die sich damit stellt: Sind Inhalte zu Bewegung, Körper, Essen und Gesundheit auf Social Media automatisch schlecht? Doch die Wahrheit ist bekannterweise nicht so einfach in Schwarz und Weiß einzuteilen. Eine Analyse von 250 TikTok-Videos mit den fünf beliebtesten Ernährungs-Hashtags fand, dass etwas mehr als die Hälfte gesundes Essen propagierte und nur rund sechs Prozent offen gestörtes Essverhalten zeigte. Dennoch checkte über die Hälfte der Videos sichtbar den eigenen Körper, und rund zwei Drittel der Content Creator präsentierten sich als Expertinnen bzw. Experten, ohne dass dies immer belegt war. Der Grat zwischen fundierter Information, persönlicher Meinung und Verkaufsargument ist damit oft schmal und beim schnellen Scrollen nicht ohne weiteres zu erkennen. Problematisch wird es besonders dort, wo Ernährung moralisch aufgeladen wird, wenn Lebensmittel in „gesund“ und „ungesund“, in „erlaubt“ und „verboten“ eingeteilt werden und der eigene Wert an die Einhaltung derartiger Regeln geknüpft wird. Diese Logik wird als „Healthism“ bezeichnet. Gerade weil sie sich als Fürsorge tarnt, ist es nicht immer leicht zu erkennen, ab wann dabei die Grenze zu ersten Essstörungssymptomen überschritten ist. Die Forschung zeigt aber auch, dass Inhalte, die verschiedene Körperformen zeigen oder bewusst auf Vergleiche verzichten, mit besserer Körperzufriedenheit einhergehen können und dazu beitragen, dass das Verständnis von Schönheit bunter geworden ist. Welchen Einfluss soziale Medien auf das Essverhalten haben, hängt also stark von den konsumierten Inhalten ab. Der Unterschied liegt dabei jedoch selten im Thema selbst, sondern eher darin, ob verschiedene Sichtweisen oder lediglich ein einziges Ideal transportiert werden und ob der Fokus auf individuellem Wohlbefinden oder auf Kontrolle liegt. Generell gilt es, die Aufmerksamkeit auf Menschen zu lenken, die erstrebenswerte Eigenschaften jenseits eines vermeintlich perfekten Aussehens besitzen, etwa fachliches Wissen oder soziales Engagement.

Was im Alltag hilft

Ein kompletter Rückzug aus sozialen Medien ist für die meisten Menschen weder realistisch noch nötig. Wirksamer ist die Förderung der Medienkompetenz. Das beginnt idealerweise bereits in der Schule. Zusätzlich können spezielle Workshops unterstützen. Ein vierwöchiges Training, das Bildbearbeitung sichtbar macht und zum kritischen Hinterfragen anregt, reduzierte beispielsweise die Körperunzufriedenheit, soziale Vergleiche und die Verinnerlichung des Schlankheitsideals.

Im Alltag sind es oft einfache Schritte, die das eigene Wohlbefinden unterstützen. Dazu gehört etwa, den eigenen Feed aktiv zu gestalten und Accounts nicht mehr zu folgen, die regelmäßig ein schlechtes Gefühl hinterlassen. Hilfreich ist ebenso, Inhalte kritisch zu hinterfragen und sie bewusst als Information, Werbung oder Selbstinszenierung einzuordnen, auch wenn sie vermeintlich authentisch wirken. Temporäre Social Media-Pausen können mitunter ebenfalls guttun. Darüber hinaus dienen gemeinsame, ungestörte Aktivitäten und Mahlzeiten in der Familie oder im Freundeskreis als Gegengewicht zum dargestellten Leben auf Social Media. Wo Unsicherheit oder Leidensdruck entstehen, bieten Fachkräfte aus Diätologie oder Psychologie individuelle Unterstützung.

Fazit

Soziale Medien können rund um Ernährung, Bewegung und Körper ein Gefühl von Gemeinschaft und Inspiration vermitteln – zugleich aber unrealistische Ideale und problematischen Perfektionsdruck verstärken. Entscheidend ist daher weniger das Thema selbst als die Frage, ob Inhalte Vielfalt, Wohlbefinden und fundierte Information fördern oder vor allem Kontrolle und Selbstoptimierung propagieren. Ein kritischer Umgang mit Bildern, Empfehlungen und Algorithmen sowie ein bewusst gestalteter Feed können helfen, Vergleiche zu reduzieren.  

  

Basics Medienkompetenz
Quelle hinterfragen:
Wer postet und welches Interesse steckt dahinter?
Inszenierung mitdenken:
Auch „unperfekte“ Bilder sind meist ausgewählt, oft mehrfach aufgenommen und nachbearbeitet.
Feed aktiv gestalten:
Accounts, die regelmäßig ein schlechtes Gefühl hinterlassen, konsequent entfolgen, dafür jene behalten, die inspirieren und aufmuntern.
Fakten prüfen:
Inhalte hinterfragen und Informationen von mehreren Seiten einholen.
Auf Sprache achten:
Begriffe wie „sauber“, „schlecht“ oder „cheating“ in Bezug auf Essen sind ein Warnsignal für moralisierende Ernährung.
Offline-Aktivitäten pflegen:
Gemeinsame Mahlzeiten und Bewegungseinheiten ohne Kamera bleiben ein wirksames Gegengewicht zu Social Media.

Neue Artikel

Austrian Health Report 2026: Frauen fühlen sich oft nicht ernst genommen

Frauen fühlen sich im österreichischen Gesundheitssystem deutlich häufiger nicht ernst genommen als Männer. Der Austrian Health Report 2026 zeigt...

Eisenmangel trifft Frauen besonders häufig

Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und nachlassende Leistungsfähigkeit können auf einen Eisenmangel hindeuten. Besonders bei jungen und sportlich aktiven Frauen können mehrere...

Nikotinbeutel werden bei Jugendlichen immer beliebter

Nikotinbeutel gewinnen bei Jugendlichen an Bedeutung. Bei 15-Jährigen hat sich der Anteil des täglichen Konsums zwischen 2022 und 2024...

Weniger Schlaf lässt Körpergewicht steigen

Bereits eine moderate Verkürzung der Schlafdauer kann sich innerhalb weniger Wochen auf Körpergewicht und Stoffwechsel auswirken. Eine gemeinsame Auswertung...

 Weitere Artikel

Austrian Health Report 2026: Frauen fühlen sich oft nicht ernst genommen

Frauen fühlen sich im österreichischen Gesundheitssystem deutlich häufiger nicht ernst genommen als Männer. Der Austrian Health Report 2026 zeigt...

Eisenmangel trifft Frauen besonders häufig

Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und nachlassende Leistungsfähigkeit können auf einen Eisenmangel hindeuten. Besonders bei jungen und sportlich aktiven Frauen können mehrere...

Nikotinbeutel werden bei Jugendlichen immer beliebter

Nikotinbeutel gewinnen bei Jugendlichen an Bedeutung. Bei 15-Jährigen hat sich der Anteil des täglichen Konsums zwischen 2022 und 2024...