481 telemedizinische Konsultationen, 96 Prozent Zufriedenheit und nur wenige Weiterleitungen ins Spital: Die Österreichische Apothekerkammer zieht nach dem ersten Pilotprojekt zu „doc@Apo“ in Wien und Oberösterreich eine positive Bilanz. Nun rückt die entscheidende Frage in den Vordergrund: Wie lässt sich aus dem Pilotversuch ein dauerhaft finanziertes Versorgungsangebot machen? Während darüber noch mit den Systempartnern zu verhandeln ist, startet am 25. September bereits der nächste Pilot in Salzburg.
Wer am Freitagnachmittag oder Samstagvormittag mit einem akuten gesundheitlichen Problem in eine Apotheke kommt, kann dort häufig unmittelbar versorgt werden. Schwieriger wird es, wenn eine ärztliche Diagnose oder eine rezeptpflichtige Therapie notwendig sind und keine Ordination erreichbar ist. Genau an dieser Schnittstelle setzt die assistierte Telemedizin in der Apotheke an.
Die Österreichische Apothekerkammer präsentierte am 24. September die Ergebnisse ihres Pilotprojekts in Wien und Oberösterreich. Zwischen Februar und Juni 2026 wurden in 15 öffentlichen Apotheken 481 Telekonsultationen dokumentiert. Angeboten wurde das Service freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 8 bis 12 Uhr.
Der Ablauf verbindet die persönliche Betreuung in der Apotheke mit einer ärztlichen Videokonsultation. Stellt sich bei der Beratung heraus, dass ärztliche Unterstützung notwendig ist, wird der Kontakt hergestellt. Das Gespräch findet in einem separaten Bereich der Apotheke statt. Bei Bedarf kann die Apotheke Untersuchungen beziehungsweise Tests durchführen und die Ergebnisse der Ärztin oder dem Arzt zur Verfügung stellen. Wird ein e-Rezept ausgestellt, kann das verordnete Arzneimittel anschließend unmittelbar abgegeben werden.
89 Prozent abschließend in der Apotheke versorgt
Die Evaluation liefert zunächst deutliche Ergebnisse zur unmittelbaren Versorgung: 96 Prozent der Patientinnen und Patienten waren mit der telemedizinischen Konsultation zufrieden. Das Angebot wurde über alle Altersgruppen hinweg genutzt. Auffällig ist die Gruppe der Kinder bis zehn Jahre: Mit 100 Konsultationen stellte sie die größte einzelne Altersgruppe.
Zu den häufigsten Anliegen gehörten Atemwegserkrankungen, Bindehautentzündungen, Migräne, Ausschläge, Schmerzen, Erkältungsbeschwerden und Magen-Darm-Erkrankungen. Hinzu kamen Weiterverordnungen und Fälle nach Spitalsentlassungen. Bei 94 Prozent der Patientinnen und Patienten wurde eine Medikation per e-Rezept verordnet oder angepasst.
89 Prozent der Fälle konnten nach Angaben der Kammer durch die telemedizinische Versorgung abschließend gelöst werden. Bei zehn Prozent wurde ein persönlicher Folgetermin bei einer Hausärztin beziehungsweise einem Hausarzt oder einer Fachärztin beziehungsweise einem Facharzt empfohlen. Weniger als ein Prozent wurde an eine Spitalsambulanz weiterverwiesen.
Gerade dieser letzte Wert ist gesundheitspolitisch relevant. 24 Prozent der Patientinnen und Patienten gaben an, ohne das Angebot eine Spitalsambulanz aufgesucht zu haben. Tatsächlich wurden nach der Telekonsultation 0,8 Prozent dorthin weiterverwiesen. Die Kammer errechnet daraus einen Rückgang um rund 97 Prozent.
Zwischen Landapotheke und Großstadtambulanz
Was diese Zahlen für einzelne Patientinnen und Patienten bedeuten können, schilderten zwei am Projekt beteiligte Apothekerinnen beim Pressegespräch.
Mag.pharm. Teresa Kriechbaumer berichtete aus Bad Zell in Oberösterreich. Gerade im ländlichen Raum werde die Apotheke in Randzeiten häufig zur ersten Anlaufstelle. Ist eine ärztliche Abklärung notwendig, bedeute das ohne entsprechendes Angebot mitunter eine längere Fahrt zum nächsten Spital.
Kriechbaumer schilderte den Fall eines älteren Mannes mit einem akuten Atemwegsinfekt. Trotz ihrer anfänglichen Skepsis, wie ein älterer Patient mit der Videokonsultation zurechtkommen würde, habe die Zusammenarbeit funktioniert. Die Apotheke begleitete ihn technisch, stellte der Ärztin die benötigten Untersuchungsergebnisse zur Verfügung und ermöglichte so die Versorgung vor Ort.
In Wien zeigt sich dasselbe Problem unter anderen Vorzeichen. Mag.pharm. Caroline Frauendorfer berichtete etwa von einer rund 80-jährigen Patientin mit einem akuten, stark juckenden Hautausschlag. Statt sie an eine dermatologische Spitalsambulanz zu verweisen, wurde in der Apotheke eine Ärztin per Video zugeschaltet. Frauendorfer blieb auf Wunsch der Patientin beim Gespräch dabei. Nach der ärztlichen Konsultation wurde ein e-Rezept ausgestellt und das Arzneimittel direkt in der Apotheke abgegeben.
Bei jüngeren Patientinnen und Patienten könne der Ablauf deutlich weniger Begleitung erfordern. Frauendorfer schilderte den Fall eines Mannes Mitte 30, der an einem Freitagabend mit einer akuten Augenentzündung in die Apotheke kam. Nach ihren Angaben betrug die Wartezeit auf die telemedizinische Konsultation meist fünf bis zehn Minuten; in diesem Fall konnte der Patient die Apotheke nach rund 15 Minuten mit der ärztlich verordneten Medikation verlassen.
Nicht nur Versorgung, sondern auch Kostenfrage
Damit bekommt das Modell eine zweite Dimension. In Zeiten knapper Gesundheitsbudgets geht es nicht allein darum, Versorgungslücken zu schließen, sondern auch darum, Patientinnen und Patienten an den für ihr Anliegen geeigneten Versorgungsort zu bringen.
Die Kammer beziffert die durchschnittlichen Kosten eines Kontakts mit einer Spitalsambulanz österreichweit mit 364 Euro. Als Grundlage nennt sie die überregionale Auswertung der Dokumentation in landesgesundheitsfondsfinanzierten Krankenanstalten des Gesundheitsministeriums. Für die assistierte Telemedizin ergeben die Berechnungen der Kammer je nach Ausgestaltung Einsparungen von 20 bis 70 Euro pro Konsultation gegenüber anderen Versorgungswegen.
Diese Bandbreite ist bewusst weit gefasst. Mag. Jan Thies, Leiter der Kommunikations- und Innovationsabteilung der Österreichischen Apothekerkammer, erklärte beim Pressegespräch, dass die tatsächlichen Kosten unter anderem von der verwendeten Plattform, der ärztlichen Auslastung, der Dauer der Konsultation, dem Aufwand in der Apotheke und notwendigen Tests abhängen. Für die pharmazeutische Begleitung wurden im Pilotprojekt im Durchschnitt zehn bis 15 Minuten angenommen, ebenso auf ärztlicher Seite.
Dass die Leistung für Apotheken nicht ohne zusätzlichen Aufwand verbunden ist, zeigt auch die Evaluation. Knapp 30 Prozent der beteiligten Apothekerinnen und Apotheker sahen einen spürbaren Mehraufwand. Dennoch erklärten sich 90 Prozent zur dauerhaften Implementierung bereit.
Wer finanziert den österreichweiten Rollout?
Damit führt der Pilot zu einer Frage, die sich mit weiteren regionalen Versuchen allein nicht beantworten lässt: Wie kann aus assistierter Telemedizin eine reguläre, österreichweit verfügbare Leistung werden?
Beim Pressegespräch wurde deutlich, dass dafür noch kein fertiges Finanzierungsmodell vorliegt. Im Pilotprojekt war der Zugang für Patientinnen und Patienten kostenlos. Die Projektpartner teilten sich die Kosten, die Apotheken erhielten eine Abgeltung ihres Aufwands. Für eine Regelversorgung müssten hingegen ärztliche Leistung, pharmazeutischer Aufwand, Infrastruktur und gegebenenfalls diagnostische Leistungen dauerhaft finanziert werden.
Kammerpräsidentin Mag.pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr sieht dabei Bund, Länder und Sozialversicherung in der Verantwortung. Welcher Finanzierungsträger welchen Anteil übernimmt, sei für die Patientinnen und Patienten letztlich zweitrangig. Entscheidend sei ein einheitliches Angebot. Die Kammer argumentiert, dass gerade das österreichweite Apothekennetz die Möglichkeit bietet, assistierte Telemedizin nach gemeinsamen Standards anzubieten, statt weitere regional unterschiedliche Lösungen zu schaffen.
Das berührt allerdings die bekannte Trennung der Finanzierungsströme im österreichischen Gesundheitswesen. Werden Ambulanzbesuche vermieden, entstehen Einsparungen nicht zwangsläufig dort, wo die Finanzierung eines neuen Angebots anfällt. Für einen österreichweiten Rollout braucht es daher nicht nur die technische Infrastruktur und ausreichend verfügbare Ärztinnen und Ärzte. Es braucht vor allem eine Vereinbarung der Systempartner darüber, wie diese Form der Versorgung bezahlt wird.
Für die Apotheken stellte Mursch-Edlmayr klar, dass die Kammer darin kein zusätzliches Geschäftsmodell sieht. Der notwendige Aufwand müsse allerdings abgegolten werden. „Es müssen zumindest die Unkosten gedeckt sein.“
Salzburg startet am 25. September
Noch bevor diese Fragen für eine österreichweite Regelversorgung beantwortet sind, wird das Modell regional ausgeweitet. Am 25. September startet „doc@Apo – Telemedizin in der Apotheke“ in elf ausgewählten Salzburger Apotheken.
Auch dort konzentriert sich das Angebot auf die Randzeiten der ärztlichen Ordinationen: freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 8 bis 12 Uhr. Patientinnen und Patienten kommen mit ihrem Gesundheitsanliegen und ihrer e-Card in die Apotheke. Das Apothekenteam klärt zunächst, ob das Angebot geeignet ist, kann bei Bedarf niederschwellige Diagnostik durchführen und organisiert anschließend das ärztliche Videogespräch in einem separaten Bereich. Ein ausgestelltes Rezept kann unmittelbar in der Apotheke eingelöst werden.
Der Salzburger Pilot wird von der Apothekerkammer Salzburg gemeinsam mit UNIQA Health Services und Mavie Next umgesetzt und vom Land Salzburg finanziell unterstützt. Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt das Institut für Pharmazie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU). Das Projekt soll bis Anfang 2027 laufen. Damit folgt auf Wien und Oberösterreich unmittelbar die nächste Erprobungsphase.
Für eine flächendeckende Versorgung wird schlussendlich entscheidend sein, ob aus diesen regionalen Projekten eine gemeinsame Struktur entsteht. Das Potenzial, Patientinnen und Patienten an Randdienstzeiten rasch zu versorgen und vermeidbare Ambulanzbesuche zu reduzieren, ist durch den ersten Pilot zumindest deutlich geworden. Der nächste Schritt liegt weniger in der Frage, ob die technische Zusammenarbeit zwischen Apotheke und Telemedizin grundsätzlich funktioniert. Offen ist vielmehr, unter welchen organisatorischen und finanziellen Bedingungen sie dauerhaft in die Regelversorgung integriert werden kann.




