Vegetarische und vegane Ernährungsformen werden bei Familien immer häufiger. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) reagiert darauf mit einer aktualisierten Stellungnahme. Sie sieht pflanzenbasierte Ernährung auch im Kindes- und Jugendalter grundsätzlich als umsetzbar – allerdings nur bei sorgfältiger Planung und regelmäßiger Kontrolle der Nährstoffversorgung.
Immer mehr Familien entscheiden sich bewusst für eine vegetarische oder vegane Ernährung. Nach Angaben des deutschen Ernährungsreports ernähren sich 14 Prozent der 14- bis 29-Jährigen vegetarisch, 37 Prozent der Gesamtbevölkerung bezeichnen sich als flexitarisch. Entsprechend sehen sich Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte zunehmend mit Fragen zur pflanzenbasierten Ernährung von Kindern konfrontiert.
Die Ernährungskommission der DGKJ hat deshalb ihre Empfehlungen aktualisiert. Ziel ist es, Familien sachlich zu begleiten, Risiken frühzeitig zu erkennen und eine bedarfsgerechte Versorgung sicherzustellen.
Vegane Ernährung erfordert besondere Aufmerksamkeit
Die Stellungnahme macht deutlich, dass jede einseitige oder stark einschränkende Ernährungsweise das Risiko für Nährstoffdefizite erhöhen kann. Dieses Risiko steigt mit dem Umfang der ausgeschlossenen Lebensmittelgruppen.
Besonders bei veganer Ernährung sehen die Expertinnen und Experten eine erhöhte Aufmerksamkeit als notwendig. Kritische Nährstoffe sind vor allem:
- Vitamin B12
- Eisen
- Jod
- Kalzium
- Vitamin D
- Omega-3-Fettsäuren (insbesondere DHA)
- je nach Ernährungsweise auch Protein und Zink
Vitamin B12 müsse bei veganer Ernährung immer supplementiert werden. Auch bei vegetarischer Ernährung empfehlen die Autorinnen und Autoren ein konsequentes Monitoring der Vitamin-B12-Versorgung. Je nach individueller Ernährungssituation könne zudem eine Supplementierung von Vitamin D, Jod, Kalzium oder Omega-3-Fettsäuren sinnvoll sein.
Besondere Bedeutung komme außerdem der Ernährung der Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit zu, wenn sie sich vegan ernährt.
Normales Wachstum ist möglich
Nach Angaben der DGKJ zeigen neuere systematische Übersichtsarbeiten, dass gut geplante vegetarische und vegane Ernährungsformen grundsätzlich eine ausreichende Nährstoffversorgung für normales Wachstum ermöglichen können.
Gleichzeitig weisen die ausgewerteten Studien darauf hin, dass vegan ernährte Kinder tendenziell geringere Werte bei Körpergröße, Körpergewicht und Fettmasse aufweisen können. Zudem wurden Hinweise auf ein leicht erhöhtes Risiko für Unterernährung und Entwicklungsverzögerungen beschrieben, auch wenn diese insgesamt selten auftreten.
Die bisher größte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zu diesem Thema, veröffentlicht 2025 in Reviews in Food Science & Nutrition, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Pflanzlich ernährte Kinder können ausreichend versorgt sein und langfristig möglicherweise von einem geringeren Herz-Kreislauf-Risiko profitieren. Voraussetzung sei jedoch insbesondere bei veganer Ernährung eine gezielte Sicherstellung der Versorgung mit kritischen Mikronährstoffen wie Vitamin B12, Vitamin D und Eisen.
Strukturierte Betreuung empfohlen
Die DGKJ empfiehlt eine strukturierte medizinische Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit vegetarischer oder veganer Ernährung. Dazu gehören:
- eine ausführliche Ernährungsanamnese,
- regelmäßige Kontrollen von Körpergröße, Gewicht und Body-Mass-Index (BMI),
- klinische und bei Bedarf laborchemische Untersuchungen möglicher Mangelzustände sowie
- eine qualifizierte Ernährungsberatung durch entsprechend geschulte Fachkräfte.
Nach Ansicht der Fachgesellschaft ist insbesondere eine individuelle Beratung wichtig, da sich vegetarische und vegane Ernährungsweisen in der Praxis deutlich unterscheiden können und Familien häufig unterschiedliche Lebensmittelgruppen ausschließen.
Risiken weder dramatisieren noch verharmlosen
Die DGKJ spricht sich für einen pragmatischen Umgang mit dem Thema aus. Eltern und Jugendliche sollten weder pauschal verunsichert noch mögliche Risiken bagatellisiert werden. Entscheidend sei eine vertrauensvolle Kommunikation, die potenzielle Mangelzustände offen anspreche und gleichzeitig praktikable Wege zu einer bedarfsgerechten Ernährung aufzeige.




