Eine experimentelle Studie zeigt: Die gezielte Hemmung des Stressproteins FKBP51 verhinderte bei Mäusen soziale Verhaltensstörungen nach frühen Belastungen. Die Forschenden sehen darin einen vielversprechenden Ansatz, um langfristige Veränderungen im Gehirn nach Kindheitstraumata präventiv zu verhindern. Ob sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist derzeit jedoch noch offen.
Frühe Belastungen wie Misshandlung, Vernachlässigung oder andere traumatische Erfahrungen in der Kindheit erhöhen das Risiko für psychische Erkrankungen im späteren Leben. Warum diese Erlebnisse langfristige Veränderungen im Gehirn auslösen und wie sich diese verhindern lassen könnten, untersuchte ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Mathias V. Schmidt vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und Prof. Juan Pablo Lopez vom Karolinska Institutet in Schweden.
Die in Advanced Science veröffentlichte Studie identifiziert das Protein der Stressregulation FKBP51 als möglichen Angriffspunkt für eine präventive pharmakologische Behandlung. Die Ergebnisse stammen allerdings ausschließlich aus einem Mausmodell und lassen derzeit keine Rückschlüsse auf eine Wirksamkeit beim Menschen zu.
FKBP51 als Schlüsselfaktor der Stressregulation
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand das FKBP5-Gen, das für das Protein FKBP51 codiert. Dieses reguliert die Wirkung von Stresshormonen und gilt seit Längerem als wichtiger biologischer Faktor bei stressbedingten psychiatrischen Erkrankungen. Genetische Varianten von FKBP5 wurden bereits in früheren Studien mit Depressionen, Angststörungen und der posttraumatischen Belastungsstörung in Verbindung gebracht.
Nach Angaben der Forschenden fehlten bisher jedoch gezielte pharmakologische Strategien, um die langfristigen Folgen früher Belastungen zu verhindern.
Frühkindlicher Stress führte zu sozialer Unterordnung
Für die Studie nutzte das Team ein etabliertes Mausmodell früher Lebensbelastung. Mithilfe des computergestützten Analysesystems „Social Box“ konnten die sozialen Interaktionen der Tiere innerhalb ihrer Gruppe kontinuierlich und hochauflösend ausgewertet werden.
Dabei zeigte sich, dass männliche Mäuse nach frühen Belastungen langfristige Veränderungen ihres Sozialverhaltens entwickelten. Im Jugend- und Erwachsenenalter nahmen sie deutlich häufiger niedrige Positionen innerhalb der sozialen Hierarchie ein als Kontrolltiere.
Hemmstoff verhinderte die Verhaltensveränderungen
Die Forschenden behandelten einen Teil der Tiere während der Phase der frühen Belastung mit SAFit2, einem hochspezifischen Hemmstoff von FKBP51.
Nach Angaben der Autoren verhinderte diese Intervention die beobachteten sozialen Defizite vollständig. Die behandelten Tiere entwickelten eine normale soziale Rangordnung und unterschieden sich in ihrem Verhalten nicht von nicht belasteten Kontrollmäusen.
Veränderungen der Genaktivität normalisierten sich
Um die biologischen Mechanismen zu untersuchen, analysierte das Team die Genexpression in sechs stressrelevanten Hirnregionen mittels RNA-Sequenzierung. Besonders ausgeprägt waren die Veränderungen im medialen präfrontalen Kortex sowie im Nucleus accumbens – Hirnareale, die eine zentrale Rolle bei der Emotionsregulation und im Belohnungssystem spielen.
Die Behandlung mit SAFit2 normalisierte nach Angaben der Forschenden einen Großteil der durch frühe Belastungen ausgelösten Veränderungen der Genexpression.
„Durch sogenanntes ‚deep phenotyping‘ und die computergestützte Analyse konnten wir soziale Beeinträchtigung in diskrete, messbare Komponenten in einem Gruppensetting unterteilen“, erklären Joeri Bordes und Xiuqi Ji, gemeinsame Erstautoren der Studie. „Es ist äußerst ermutigend zu sehen, dass eine zeitlich begrenzte pharmakologische Intervention in der frühen Lebensphase normales soziales Verhalten und Interaktionen bewahren kann.“
Präventiver Ansatz mit weiter Forschungsbedarf
Nach Einschätzung der Studienautoren unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung von FKBP51 als potenzielles pharmakologisches Ziel für präventive Therapien nach frühen Traumata. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass es sich um präklinische Forschung handelt. Ob eine Hemmung von FKBP51 auch beim Menschen sicher und wirksam ist, müssen künftige klinische Studien erst zeigen.
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