Fast ein Viertel der Bevölkerung in Österreich leidet an psychischen Erkrankungen. Laut OECD erhalten zudem rund 60 Prozent der Betroffenen keine ausreichende Versorgung. Im EU-Vergleich zählt Österreich bei den gesundheitlichen Folgen zu den Schlusslichtern.
Die psychische Gesundheit in Österreich ist stärker belastet als in vielen anderen EU-Staaten. Das zeigen aktuelle Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach liegt Österreich bei den gesundheitlichen Folgen psychischer Erkrankungen im europäischen Vergleich an vorletzter Stelle.
Österreich deutlich unter EU-Niveau
Konkret verliert die Bevölkerung in Österreich im Schnitt 3,33 Jahre an gesunder Lebenserwartung durch psychische Erkrankungen. Nur Schweden weist mit minus 3,37 Jahren einen noch schlechteren Wert auf. Der EU-Durchschnitt liegt hingegen bei 2,5 Jahren. Staaten wie Griechenland und Bulgarien kommen auf rund 1,2 Jahre.

Diese Zahlen unterstreichen die hohe Krankheitslast im Land – und decken sich mit nationalen Erhebungen. Eine umfassende Untersuchung unter Leitung des Wiener Sozialpsychiaters Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata zeigt.

Innerhalb eines Jahres haben 20,3 Prozent der Männer und 25,1 Prozent der Frauen eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung. Das sind 22,7 Prozent der gesamten Bevölkerung, also fast ein Viertel.
Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata
Wiener Sozialpsychiater
Hoher Bedarf, geringe Versorgung
Trotz dieser hohen Betroffenheit bleibt die Versorgung lückenhaft. Laut OECD erhalten rund 60 Prozent der Menschen, die psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe benötigen, keine ausreichende Behandlung.
„Im Jahr 2023 litt fast jede fünfte Person an einer psychischen Erkrankung, wobei ungefähr drei Viertel davon auf Depressionen, Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen entfielen“, berichtete Michael Müller von der OECD. Die tatsächliche Verbreitung dürfte jedoch höher sein: „Die Prävalenzzahlen dürften dabei noch unterschätzt sein.“
Als Gründe nennt die OECD u.a. anhaltende Stigmatisierung und strukturelle Hürden im Zugang zur Versorgung. Dadurch bleiben insbesondere leichtere Erkrankungen oft unerkannt.
Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Die Gesamtdaten zeigen auch klare geschlechterspezifische Unterschiede: Frauen sind häufiger von Angststörungen und Depressionen betroffen. Bei Männern stehen Alkohol- und Substanzmissbrauch im Vordergrund.
Insgesamt entfallen rund 40 Prozent der psychischen Erkrankungen auf Angststörungen, 20 Prozent auf Depressionen und 17 Prozent auf Substanzgebrauchsstörungen.
Auswirkungen auf Gesundheit und Wirtschaft
Die Folgen gehen über das individuelle Leid hinaus. In der EU kommt es jährlich zu rund 28.000 vorzeitigen Todesfällen durch psychische Erkrankungen.
Auch wirtschaftlich sind die Auswirkungen erheblich: Zwischen 2025 und 2050 könnte das Bruttoinlandsprodukt laut OECD um 1,7 Prozent sinken – vor allem aufgrund geringerer Erwerbsbeteiligung. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 76 Milliarden Euro pro Jahr. Das entspricht etwa sechs Prozent der Gesundheitsausgaben in Europa.




