Start Apotheke Exklusiv-Interview: Status quo und Zukunft der Gehaltskasse

Exklusiv-Interview: Status quo und Zukunft der Gehaltskasse

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Mag.pharm. Christoph Zeidler, Selbständigen-Obmann in der Pharmazeutischen Gehaltskasse, im PharmaTime-Interview über die endlich erntereifen Früchte der großen Systemumstellung, über Effizienzsteigerungen, unerlässliches Teamwork und mehr Kundennähe.  

Sie sind seit Juli 2025 in dieser Steuerungsfunktion. Wie ist es zu Ihrer Wahl gekommen?

Es ist eine außergewöhnliche Situation entstanden: Mein Vorgänger Mag. Georg Fischill ist mitten in seiner zweiten Funktionsperiode aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Da ich bereits sein Stellvertreter war und die Gehaltskasse aus dem Effeff kannte, bin ich gefragt worden, wurde von der Delegiertenversammlung gewählt und habe diese Aufgabe vor einem Jahr sehr gerne angenommen. 

Diese Delegiertenversammlung ist personenident mit der Delegierten­versammlung der Apothekerkammer. Kann es durch die im kommenden Herbst anstehenden Verbandswahlen zu personellen Änderungen kommen, die in der Folge Ihre Tätigkeit beeinflussen?

Zuerst wählen die Verbände der Bundesländer ihre Vertreterinnen und Vertreter, erst dann wird über die Nominierungen für die öffentlich-rechtlichen Körperschaften entschieden. Meine Funktionsperiode läuft bis März 2027. Bis dahin wird es keine Änderungen in der Delegiertenversammlung bzw. dem Vorstand der Gehaltskasse geben.

Wollen Sie noch einmal als Obmann kandidieren?

Wenn ich noch einmal die Chance bekomme, mache ich das gerne. Wir konnten schon Wichtiges erledigen, doch es gibt noch viel zu tun. Ich bin mit meinen Ideen noch nicht am Ende und auf jeden Fall sehr motiviert, diesen Weg weiterzugehen.

Die Gehaltskasse ist in allen Gremien paritätisch mit Vertreterinnen und Vertretern der selbstständigen und der angestellten Apotheker besetzt. Wie groß ist Ihr Gestaltungspielraum als Obmann?

Mein Gegenüber von der Angestelltenseite ist Obfrau Mag. Irina Schwabegger-Wager. Die Zusammenarbeit erfolgt professionell und in enger Abstimmung. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, die Richtung vorzugeben und das verantwortliche Leitungsteam der Gehaltskasse zu unterstützen. Als Obleute sind wir auch im 14-köpfigen Vorstand stimmberechtigt und geben – in intensiver Abstimmung mit der Direktion – gemeinsam den Kurs vor.

Als paritätisch besetztes Organ sind Sie zur Einvernehmlichkeit verdammt. Wie laufen die Entscheidungsprozesse ab? Gibt es langwierige Diskussionen?

Es gilt dasselbe wie in jeder Apotheke – Selbständige allein könnten sie nicht am Laufen halten. Es braucht ein gutes Zusammenspiel mit den angestellten Kolleginnen und Kollegen, viel Vertrauen und eine enge Abstimmung, und genau so arbeiten wir auch in der Gehaltskasse. Entscheidungen brauchen vielleicht etwas länger als in den Einzelverbänden, aber wir finden in entscheidenden Fragen stets eine Übereinstimmung. Um Themen besser vorbereiten zu können, haben wir den Rhythmus der Obleute-Konferenzen von einer auf zwei Wochen verändert – das hat sich sehr bewährt. Die Zusammenarbeit verläuft konstruktiv, lösungsorientiert und reformfreudig. Dabei ist nicht entscheidend, ob wir uns in allem einig sind, sondern wie wir für eine gute Weiterentwicklung der Gehaltsklasse gemeinsam mit den an uns gestellten Anforderungen umgehen. Dieser Teamgeist – den ich auch Mag. Irina Schwabegger-Wager besonders hoch anrechne und für den ich sehr dankbar bin – ist die Grundlage unseres Erfolgs.

Warum gab es vor neun Monaten Veränderungen an der Spitze der Direktion und der Buchhaltung? Ist die Gehaltskasse jetzt gut aufgestellt?

Aus meiner Sicht absolut. Aus den Verbänden kam der Vorschlag, die Stelle des Direktors extern zu besetzen. Mag. Roman Hergenich hat die Stelle Anfang September 2025 angetreten. Er kommt aus der Wirtschaft und bringt große Erfahrung in der Leitung von Unternehmen und Digitalisierungsprozessen mit. Gemeinsam mit Dr. Brigitte Wunsch als Stellvertreterin und erfahrener Juristin bildet er ein ausgezeichnetes Team und findet breite Anerkennung. Das ist wichtig, denn unsere Branche ist zu klein für Reibereien und Sticheleien jeder Art. Fast parallel dazu hat Mag. Wolfgang Stückler die Buchhaltung Anfang August 2025 übernommen und sie in enger Abstimmung mit den Obleuten und Mag. Hergenich komplett neu und transparent organisiert sowie die Controlling-Prozesse deutlich gestärkt.

Jede Apothekerin und jeder Apotheker in Österreich kennt die Gehaltskasse. Aber glauben Sie, dass allen die erbrachten Leistungen bewusst sind?

Ich möchte es so sagen: Viele kennen nur die oberste Lackschicht der Gehaltskasse. Ihnen ist nicht bewusst, dass in den vergangenen Jahren kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Deshalb planen wir für Ende Juni eine große Info-Veranstaltung im Apothekerhaus in der Spitalgasse, um unseren Mitgliedern den Blick hinter die Kulissen der Gehaltskasse und auf die Zukunft zu geben und darüber hinaus Fragen persönlich – auch im Einzelgespräch – zu beantworten.

Die Gehaltskasse hat 72 Mitarbeitende und bewegt enorme Summen im Zuge der Rezeptabrechnungen, der Gehaltsauszahlungen, durch den Wohlfahrts- und Unterstützungsfonds. Wie viel kosten diese Serviceleistungen eigentlich? Wie teuer ist die Gehaltskasse?

In Deutschland können Apotheken die Rezeptabrechnung verschiedenen privaten Unternehmen übertragen. Keines davon ist günstiger als wir. Außerdem spielt die Gehaltskasse als zentrale Clearingstelle gegenüber den Kassen eine enorm wichtige Rolle. Wir erwirtschaften in allen drei Verrechnungskreisen – Rezeptverrechnung, Umlagenkasse, Wohlfahrts- und Unterstützungsfonds – Überschüsse. 2025 konnten wir die Verwaltungskosten um rund 10 Prozent senken. Alle Details finden die Mitglieder im Tätigkeits- und Rechenschaftsbericht 2025, der ab Anfang Juni auf unserer Website zum Download bereitsteht. Es ist auf jeden Fall mein und unser Bestreben, die Gehaltskasse noch digitaler, schneller und kosteneffizienter zu machen. Ein ganz wichtiger Hebel dafür sind die laufenden Verhandlungen der Apothekerkammer mit den Krankenkassen über einen neuen Gesamtvertrag und günstigere Zahlungsziele.

Mag.pharm. Christoph Zeidler, Selbständigen-Obmann der Pharmazeutischen Gehaltskasse, im PharmaTime-Interview.
© Rainer Fehringer

Würden die Rezepterlöse von Seiten der Sozialversicherungsträger lediglich um einen Tag früher überwiesen, könnte sich die Gehaltskasse rund 200.000 bis 300.000 Euro im Jahr an Vorfinanzierungskosten ersparen – Mittel, die wir direkt zur Sicherung der Liquidität an die Apothekenbetriebe weitergeben könnten.

Mag.pharm. Christoph Zeidler
Selbstständigen-Obmann in der Pharmazeutischen Gehaltskasse

Die Umstellung auf das neue IT-System war ein langer, schwieriger Prozess, den auch die Apotheken gespürt haben. Ist die Umstellung jetzt abgeschlossen?

Die alte Umgebung war ein wilder Programm-Mix aus den 1980er- bis 2000er-Jahren, mit nicht dokumentierten Eigenprogrammierungen – also untragbar und zu teuer. Mit Microsoft gibt es jetzt zwar keine maßgeschneiderten Lösungen mehr, dafür gut funktionierende, allgemeingültige Standards. Die Umstellung war langwierig, auch wegen Corona von Verzögerungen geprägt, sehr aufwändig und eine große Belastung für alle. Im Grunde musste alles neu aufgesetzt werden. Die Rezeptabrechnung hat von Anfang an funktioniert. Bei den Umlagen gab es aufgrund qualitativ mangelhafter Datensätze im Altbestand und der Vielzahl komplexer Einzelfälle Probleme. Es kam auch zu Fehlern, für die wir nur um Entschuldigung ersuchen können. Jetzt befinden wir uns endlich in einer Stabilisierungsphase, das System läuft solide und wir beginnen, für alle die Früchte der Umstellung zu ernten. Durch das neue System konnten wir bereits mehrere hunderttausend Euro einsparen. 

Künstliche Intelligenz ist für wiederkehrende Aufgaben gut geeignet. Wird sie in Zukunft auch bei der Gehaltskasse zum Einsatz kommen?

Wir haben KI klar am Schirm. Vorerst werden aber alle Abteilungen systematisch durchleuchtet und nach Möglichkeit optimiert. Danach kann man einen sinnvollen, sicheren KI-Einsatz konkret überprüfen. KI wird Tempo bringen, aber keine weiteren großen Einsparungseffekte. Dazu sind unsere Aufgaben zu komplex und vielschichtig.

Jeder Tag, an dem Apotheken schneller an ihr Geld von den Kassen kommen, ist liquiditätstechnisch ein Gewinn. Könnten die Überweisungen beschleunigt werden?

Derzeit werden 80 Prozent des kompletten Rezepterlöses bereits zwei bis drei Bankwerktage nach Einlangen der Abrechnungsdaten den Apotheken ausbezahlt – diese Akontozahlung erfolgt unabhängig von den Papierrezepten, also sehr rasch. Die restlichen 20 Prozent folgen nach Einlangen der Papierrezepte, die mittlerweile nur noch neun bis zehn Prozent des Gesamtvolumens ausmachen. Aufgrund der Vorfinanzierung über diverse Partnerbanken sehe ich im jetzigen Setting keine Möglichkeit, dies noch wesentlich zu beschleunigen. Das wäre anders, wenn die Kassen, wie erwähnt, ihre Zahlungsziele verbessern würden, was angesichts der hohen Vorfinanzierungskosten der Apothekenbetriebe – insbesondere bei Hochpreisern – mehr als gerechtfertigt wäre.

Wie wird die Qualität der Prozesse in der Gehaltskasse sichergestellt?

Nach harten und ambitionierten Kennzahlen: Erreichbarkeit, Tempo, Fehlerraten, Kosten. Das Qualitätsmanagement ist in den einzelnen Abteilungen und bei deren jeweiliger Leitung angesiedelt. Das Direktorium steuert und berichtet dem Obleute-Gremium, und wir drehen laufend und natürlich konstruktiv die Schrauben enger. 

Geschieht aus Ihrer Sicht genug in Sachen Kundenorientierung?

Eines vorweg: Es gibt immer Luft nach oben, und jeder Fehler ist einer zu viel. Aber das Mindset im gesamten Team hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark verändert. „Im Zentrum steht das Mitglied“ lautet ein Schlüsselsatz in unserem Leitbild, und ich sehe täglich: Das ist mittlerweile gelebte Kultur. Der sorgsame Umgang mit den Mitgliedsbeiträgen ist eine Selbstverständlichkeit, die Serviceorientierung wird von den Mitarbeitenden aktiv umgesetzt und sukzessive verbessert. Wir haben bereits viele Schritte gesetzt: Unsere Servicezeiten wurden von Montag bis Donnerstag auf 18 Uhr ausgeweitet, was wahrscheinlich viele Mitglieder noch gar nicht registriert haben. Unsere Mitarbeitenden haben täglich hunderte Kundenkontakte. Nach den Herausforderungen der IT-Systemumstellung haben wir die telefonische Erreichbarkeit auf rund 93 Prozent gesteigert. Die Zahl der Fehlermeldungen und Einzelinterventionen ist um 50 Prozent gesunken, das allgemeine Feedback sehr positiv.

Über welche Kanäle bekommen Sie die Wünsche und Probleme der Apotheken mit?

Über persönliche Kontakte, Telefonate, Mails, bei Treffen auf Messen und Fortbildungsveranstaltungen. Wir haben zudem ein Expressformular eingerichtet, über das alle Anliegen direkt an uns gerichtet werden können. Ich appelliere an unsere Mitglieder, uns umgehend zu kontaktieren, wenn es Anregungen, Sorgen oder Missverständnisse gibt. Wir sind alle bemüht, rasch zu reagieren und im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten eine gute Lösung zu finden. Künftig werden wir unsere Mitglieder auch wesentlich aktiver ansprechen, um noch besser zu wissen, wo der Schuh drückt, was gut ankommt und auch, wo wir gemeinsam noch besser werden können.

Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erfolge der vergangenen Monate?

Wir haben das elektronische Meldewesen komplett umgestellt – es kann nun auch ohne ID Austria voll genutzt werden. Dass jetzt auch berechtigte Steuerberater und Wirtschaftstreuhänder Zugriff auf das E‑Service‑Portal haben, ist für viele Apotheken eine spürbare administrative Entlastung. Im Laufe des Jahres führen wir die Umlagen-Saldierung ein: Umlagenvorschreibungen und Gehaltsauszahlungen werden gegengerechnet und an einem einzigen Termin spät im Monat beglichen. Das ist ein weiterer wichtiger Vereinfachungsschritt.

Die Gehaltskasse hat einen gesetzlichen Auftrag – hemmt das bei der Umsetzung innovativer Ideen?

Einen Start-up-Orden werden wir dadurch sicher nie bekommen. Aber ich kann aus Erfahrung sagen: Positive Veränderungen sind auch innerhalb eines gesetzten Rahmens sehr wohl möglich. Die Gehaltskasse stand vor einem knappen Jahrzehnt wie ein regelmäßig gewartetes, aber betagtes Auto aus den späten 1980er-Jahren da. Mittlerweile sprechen wir von einem gut motorisierten Oberklassemodell, das nur die Kosten der Golfklasse kostet – und an dessen Facelifts kontinuierlich gearbeitet wird.    

Faktenbox Gehaltsklasse

1908 Gründung der Pharmazeutischen Gehaltskasse
ca. 48 Mio. verrechnete Rezepte/Jahr
4,5 Mrd. Euro Gesamt-Taxbetrag/Jahr
4,3 Mio. Euro Vorfinanzierungskosten für die Rezepterlöse
(2024: 6,1 Mio. = -29,5%)
2.423 Leistungsempfänger (pensionierte Apothekerinnen und Apotheker) 
-10 Prozent Senkung der Verwaltungskosten gegenüber 2024
93 Prozent telefonische Erreichbarkeit
72 Mitarbeitende (entspricht 55,8 Vollzeitäquivalenten per 31.12.2025)

*Zahlen betreffen das Jahr 2025

Leitungsebenen der Gehaltskasse

Direktion
Mag. Roman Hergenich Direktor
Dr. Brigitte Wunsch stellvertretende Direktorin
   
Obleutegremium
Mag.pharm. Irina Schwabegger-Wager Obfrau (Angestellte), Vorstandsmitglied
Mag.pharm. Catherine Bader Obfrau-Stv. (Angestellte), Vorstandsmitglied
Mag.pharm. Christoph Zeidler Obmann (Selbständige), Vorstandsmitglied
Mag.pharm. Corinna Prinz-Stremitzer Obmann-Stv. (Selbstständige), Vorstandsmitglied

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